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Ein Treffen auf dem Schongauer Entdeckerpfad: Auf den Spuren von Hexen und Henkern

Ein Stadtspaziergang durch Schongau hat viel zu bieten

Ein Treffen auf dem Schongauer Entdeckerpfad: Auf den Spuren von Hexen und Henkern

Im Schongauer Frauentor gibt es eine historische Weinstube. Foto: Margrit Amelunxen

Ein ungewöhnlich warmer Sonntag im Spätherbst am Schongauer Marienplatz. Wir sitzen auf einer der zahlreichen Bänke in der Sonne. Direkt vor uns plätschert der Brunnen, wir schauen auf das mächtige, spätgotische Ballenhaus. Mit seinem imposanten Treppengiebel gibt es seit über 600 Jahren diesem Platz ein Gesicht.

Vom Marktplatz in der Münzstraße hinter uns hören wir das Schnattern der Gänse, das Grunzen der Schweine und das Hufgeklapper eines Fuhrwerks. Nicht in echt allerdings, sondern in der Audiotour, die sich thematisch an Szenen der Henkerstochter-Romane von Oliver Pötzsch orientiert. Und so versetzen wir uns beim Zuhören direkt ins 17. Jahrhundert, als der Scharfrichter Jakob Kuisl - ein Vorfahre des Romanautors - hier sein Amt ausübte.

Als ausgebildete Münchner Gästeführerin ist die Autorin dieser Zeilen für Stadtrundgänge immer zu haben. Lokale Guides lassen die Zeit meist so schnell verfliegen, dass man bereichert und mit Insidertipps versehen gleich weiter auf Entdeckungsreise gehen möchte. Gibt es gerade keine persönliche Führung, dann gern auch mit Audiotouren, die man übers Handy abruft. Aber nur, wenn diese kurzweilig gemacht sind und Geschichten erzählen!

Der Schongauer Audioguide „Mit Oliver Pötzsch auf den Spuren der "Henkerstochter“ gehört definitiv in diese Kategorie. Mit passenden Musikstücken und Geräuschen unterlegt und vom Autor selbst gekonnt eingesprochen, ist er spannend anzuhören. Dazu gibt es einen Stadtplan in Deutsch und Englisch mit QR-Codes für die zehn Stationen. Den kann man sich in der Tourist Information besorgen oder von der Webseite downloaden, zudem alles auch über die App „Outdooractive“ abrufen. Der Rundgang ist übrigens barrierefrei, kinderwagen- und rollstuhltauglich. In der Marktszene lädt die Henkerstochter Magdalena ein, ihr durch die Stadt zu folgen. Die jeweils nur drei bis vier Minuten langen Texte kann man problemlos auch im Stehen anhören. Weiter geht es an Ballenhaus und Semerwirt vorbei Richtung Kasselturm.

Mit etwas Glück oder dem richtigen Timing trifft man dort auf Ursula Engelwurz. Die Kräuterführerin füllt die drei Stockwerke des historischen Gemäuers seit einigen Jahren mit Leben. Und mit zum Trocknen aufgehängten Kräuterbüscheln, historischen Apothekenfläschchen, skurrilen Ausstellungsstücken und Mitteln wie Stechapfel, Hexentrank, Liebeszauber und Alraune! Bereits ein Bruchteil der heutigen Schaustücke hätte damals wohl unverzüglich eine peinliche Befragung durch den Scharfrichter zur Folge gehabt.

Über die berüchtigten Schongauer Hexenprozesse zu Ende des 16. Jahrhunderts werden wir später noch mehr erfahren. 63 Frauen aller gesellschaftlichen Schichten wurden damals der Hexerei bezichtigt, grausam gefoltert und hingerichtet. Im Klosterhofgarten erinnert eine kleine Gedenkstätte mit Rosenbüschen und Namensplaketten an die Opfer dieses Massenwahns. An der Station Feichelturm gibt Pötzsch mögliche Erklärungen dafür: Durch die sogenannte Kleine Eiszeit mit Unwettern und Kälte, Krankheiten und Missernten verschlechterten sich die Lebensbedingungen. Die so entstandene gesellschaftliche Verunsicherung entlud sich schließlich in Hysterie und Hass auf die „Hexen“ als vermeintlich Verantwortliche.

Heutzutage sind moderne Kräuterhexen wie Ursula Engelwurz gefragt und sogar zertifiziert. Wer sie auf einen Plausch besuchen möchte, sollte im Frühjahr wieder vorbeikommen. In der Regel öffnet Engelwurz den Kasselturm von Mai bis Ende Oktober, und zwar jeweils Freitag bis Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Wird es im April schon warm, dann gern auch einmal früher. Am besten also auf Instagram oder Facebook nachfragen. Neben dem Kasselturm gehört trotz seiner düsteren Vergangenheit tatsächlich auch der Feichelturm - auch Faulturm oder Hexenturm genannt mit zu den Lieblingsorten der Besucher, einfach weil das Ambiente so schön ist. Der Spaziergang führt auf die sonnige Außenseite der Stadtmauer mit zahlreichen Bänken, hübsch angelegten Pflanztrögen und einem wunderbaren Bergblick. Bei gutem Wetter macht der Sonnengraben seinem Namen alle Ehre. Auch im Winter bei klarer Sicht und ordentlich Schnee muss es hier einfach zauberhaft sein.

Warm eingepackt hat diese Runde sicher auch im Herbst oder Winter ihren Reiz. Vor allem, wenn man anschließend zum Kaffeetrinken oder auf eine heiße Suppe einkehrt, oder sie mit einem Punsch am Weihnachtsmarkt auf dem Marienplatz beendet. Einzelne Stationen lassen sich auch gut ins Warme verlegen, etwa ins Ballenhaus oder in die historische Weinstube im Frauentor.

En passant ist auf der Tour auch einiges zu Leben und Gesellschaft in der damaligen Zeit zu erfahren. Etwa, was es mit der Hexenprobe auf sich hatte, wie Handel und Transport geregelt waren, und dass der Henker immer zugleich auch Heiler war. Gerade die ärmere Bevölkerung, die sich weder Bader geschweige denn Arzt leisten konnte, versorgte der Henker mit Medizin, aber auch mit magischen Heilmitteln.

Der Spaziergang ist übrigens nicht nur etwas für Henkerstochter-Fans, sondern funktioniert auch, wenn man keinen der Pötzsch-Romane kennt. Für alle, die noch nicht beim im September erschienenen Band 10 angelangt sind, gilt allerdings: Spoiler-Alarm. Der Autor verrät immer wieder Details aus späteren Bänden. Dieses Anteasern und die damit verbundene Eigenwerbung finden wir manchmal ein kleines bisschen viel. Dennoch macht uns der Spaziergang mit der Hexentochter als rotem Faden richtig Spaß. Wir besuchen tatsächlich alle Stationen, ja, sogar noch einige mehr. Dabei lassen wir uns vom Charme der hübschen Schongauer Altstadt mit ihren historischen Häusern, der fast vollständigen Ringmauer, den begehbaren Wehrgängen, Türmen und Toren ein bisschen verzaubern.

Margrit Amelunxen

Tipps:

Stadtführung im Advent am 15.12.2024
über Tourist Information buchbar
Ab 5.12.2024
Weihnachtsmarkt im Herzen der Altstadt

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