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Symposium Gilching: Das Skelett hat blaue Augen

Ergebnisse der Kilti-Forschung geben den Bajuwarenfunden aus der Gemeinde Gilching ein Aussehen

Symposium Gilching: Das Skelett hat blaue Augen

Wissenschaftler mit Zeitreise-Vereinsvorsitzender Annette Reindel, Jochen Haberstroh, Landesamt für Denkmalpflege und Bürgermeister Manfred Walter. Foto: Patrizia Steipe

Der junge Mann hatte ein markantes Kinn, blaue Augen und war blond. Ein gutaussehender Mann, waren sich die Teilnehmer des Symposiums in Gilching einig, und so ganz anders als der glatzköpfige Zausel Ötzi, die berühmte Gletschermumie aus dem Ötztal, der die Forscher schon länger ein Aussehen hatten geben können.

Alle drei „Kiltis“ sind sehr jung gestorben

In Vorträgen stellten die Wissenschaftler aus den Bereichen der Anthroarchäologie, Paläogenetik und -pathologie unter anderem aus dem Ötzi-Institut in Bozen ihre Erkenntnisse über die drei mittelalterlichen Skelette vor, die 2012 in Gilching geborgen worden waren. Zeitreiseverein und Landesamt für Denkmal-pflege hatten die an der Forschung beteiligten Wissenschaftler nach Gilching eingeladen. Dort stellten sie ihre Ergebnisse wie Puzzlestücke zu einem Ganzen zusammen und ließen die „Kiltis“, wie die Bajuwarenskelette genannt werden, ein Stück weit greifbar werden. Nach dem alten Namen Gilchings „Kiltoahinga“ wurden sie Kilti, Kilterich und Kiltine genannt. Solch aufwändige Forschungen gibt es normalerweise nur bei größeren oder spektakulären archäologischen Funden, dem Zeitreise-Verein war es aber gelungen, die Wissenschaftler für die Kiltis zu interessieren. Das Ergebnis spricht für sich, denn auch wenn die drei etwa vor 1300 Jahren verstorbenen Menschen mit ihrem Alter zwar nicht mit der 3250 Jahre alten Gletschermumie konkurrieren können, mit ihrer attraktiven jugendlichen Erscheinung können sie es allemal. Aber wie kann es sein, dass man anhand eines Haufen Knochens, ein paar rostigen Grabbeigaben und drei Glasperlen, Aussehen, Geschlecht, Alter und sogar eventuelle Krankheiten der „Kiltis“ rekonstruieren kann? Dafür wurden Teile der Skelette oder Grabbeigaben zu Forschungsinstituten in München, Mainz, Köln, Weimar, Bozen und bis nach Südkorea geschickt.

Steckbriefe der drei Kilti-Skelette erstellt

Die Skelette konnten bald als zwei Männer und eine Frau identifiziert werden. Sax, Gürtelgarnitur und Schildbuckel, die man bei der Grabung fand, gaben erste Hinweise darauf, dass es sich bei „Kilti“ um einen Reiterkrieger aus der Bajuwarenzeit gehandelt haben könnte. Die Grabbeigaben und das große Grab deuten auf die hohe Mittelschicht hin. Die Gräber von „Kiltine“, bei ihr fand man Glasperlen, und „Kilterich“ waren schlichter.

Es folgte eine Untersuchung der organischen Reste der Grabausstattung. Die lange Liegezeit im Grab und die Zeit nach der Bergung, die ebenfalls zu einem Zerfall führen, erschwerten die Untersuchungen. Trotzdem konnten Studierende der Studienrichtung „Textilien und archäologische Fasern“ an der TH Köln sowie Jens Amendt von der Rechtsmedizin in Frankfurt, der Insektenreste untersuchte, weitere Erkenntnisse beisteuern. Mit einem Rasterelektronenmikroskop konnten dank einer 1000-fachen Vergrößerung Reste von einem mittelfeinen Leinengewebe entdeckt werden, sogar Fadenstärke, Musterung, Nähte und andere Merkmale identifizierten die Studierenden. Auch Leder, Fell und Holz wurde in mikroskopisch kleinen Spuren gefunden. Und es wurden winzig kleine Fliegenpuppen entdeckt, und zwar ausschließlich Buckelfliegen, die bekannt für ihre Fähigkeit sind, auch metertief vergrabene Körper zu besiedeln.

Weitere Charakteristika der Kiltis kamen von Kristin van Heyking und Maren Velte nach einer morphologischen Untersuchung der Funde und einer Strontiumisotopenanalyse am Zahnschmelz. Danach konnten für die Kiltis „Steckbriefe“ erstellt werden. So war Kilti zwischen 19 und 23 Jahre alt und etwa 170 bis 175 Zentimeter groß. Er hatte Zahnstein, Karies und einen Wurzelspitzenabszess. Kilterich war 20 bis 30 Jahre alt, etwa 162 bis 167 Zentimeter groß, auch er hatte Zahnstein, Karies und bereits eine leichte Arthrose am rechten Kniegelenk sowie einen verkürzten Mittelfußknochen. Kiltine war mit 17 bis 23 Jahren die Jüngste. 165 bis 169 Zentimeter maß sie und hatte ebenfalls Zahnstein und Karies. Der Zahnschmelz der drei hat nach der Analyse ergeben, dass sie ihre frühe Kindheit nicht in Gilching verbracht haben. Rillen in den Zähnen weisen darauf hin, dass alle drei in der Kindheit physischen und psychischen Belastungen etwa durch Krankheiten oder Ernährungsmangel ausgesetzt waren. Beide Männer stammen wohl nicht aus Gilching, sondern aus einer Gegend, die von Granit und Gneis geprägt war. Bei der Kiltine ist es nicht ganz klar.

Kilti und Kiltine waren beide laktoseintolerant

Doch es geht noch weiter. Dank der modernen Paläogenetik konnte die alte Genetik der Skelette untersucht werden. Die Analyse dieser Gene erlaubt Einblicke in die Geschichte dieser vor über 1000 Jahren Verstorbenen. Das fand im Institut für Mumienforschung in Bozen im Hochreinlabor statt. Die Gene ergaben, dass Kilti blond und blauäugig war. Kiltine und Kilterich hatten braune Augen und braunes bis dunkelbraunes Haar. Und noch etwas haben die alten Gene verraten: Kilti und Kiltine waren laktoseintolerant und alle drei nicht miteinander verwandt.

Gesichtsweichteilrekonstruktion nach der „FBI-Methode“

Mit all diesen Daten war es nun an Kristina Scheelen-Novácek, der Vergangenheit ein Gesicht zu geben, und zwar mit Hilfe einer Gesichtsweichteilrekonstruktion. Dafür brauchte sie an den Schädeln gut erhaltene Knochenfragmente von Augen-, Nasen- und Mundhöhle. Zum Glück waren diese vorhanden. „Daraus kann man das Aussehen mit einer hohen Genauigkeit ableiten“, erklärte sie. Weichteile weisen je nach Alter, Geschlecht und Herkunft eine bestimmte Dicke auf. Die Forscherin hatte circa 20 verschiedene „Landmarken“ auf den Schädeln markiert und dann das Gesicht „aufgefüllt“. Auf der Zeichnung, die an ein Phantombild erinnert, sieht man Kilti als Mann mit schmalem Gesicht, eckigem Kinn, voller Oberlippe und gerader Nase. Kilterich hat ein runderes Gesicht. Bei Kiltine fallen das breite Gesicht, die großen Augen und die Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen auf. „FBI-Methode“ heißt das Verfahren, solche Phantombild-Zeichnungen nach der wissenschaftlichen Gesichtsweichteilrekonstruktion anzufertigen. Das Ganze sei eine Annäherung, erklärte die Wissenschaftlerin. „Wir stellen nicht den Anspruch, dass die drei ganz exakt so ausgesehen haben.“ Und die Frisuren, die Scheelen-Novácek den dreien verpasst hatte, seien komplett ihre persönliche Interpretation, denn wissenschaftlich kann darüber nichts gesagt werden, Die Ergebnisse der Kilti-Forschung sind im Schichtwerk-Museum in Gilching, Brucker Straße 11, zu sehen. Öffnungszeiten sind sonntags von 14 bis 17 Uhr und dienstags von 10 bis 12. Patrizia Steipe

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