Müde Beine am Abend, geschwollene Knöchel an warmen Sommertagen, bläuliche Venenzeichnungen - was zwar lästig, aber nicht - weiter schlimm erscheint, sind oft Anzeichen für eine Venenschwäche. Das bedeutet: Das Venensystem in den Beinen ist nur noch eingeschränkt in der Lage, seine Hauptaufgabe zu erfüllen: Sauerstoffarmes Blut zum Herzen zu transportieren.
Rund 7000 Liter Blut transportieren die Venen täglich zum Herzen - gegen die natürliche Schwerkraft. Dabei helfen die Muskelpumpen: Die Muskelanspannung beim Gehen presst die Venen zusammen und drückt das Blut in Richtung Herz. Damit das venöse Blut nur in eine Richtung fließen kann, verfügen viele Venen in der inneren Schicht ihrer Wand über querliegende Klappen, die wie Rückflussventile arbeiten. So öffnen sich die Venenklappen, wenn das Blut zum Herzen fließt, und sie schließen sich, sobald der Druck nach oben nachlässt; auf diese Weise wird der Blutrückfluss nach unten in Richtung Füße verhindert. Sind die Venenklappen jedoch undicht, versackt das Blut in den Beinen und staut sich. Dadurch werden die Venenwände unter großen Druck gesetzt. Bleibt dieser Druck bestehen, leiern sie aus. Gleichzeitig wird die Haut schlechter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, und Flüssigkeit tritt in das umliegende Gewebe aus - es ist ein Stauungs- oder Phlebödem entstanden. Spätestens jetzt sprechen die Ärzte von einer chronischen Veneninsuffizienz.
Bindegewebsschwäche, Besenreiser, Krampfadern
Diese Erkrankung ist meist sichtbar. Denn eine anhaltende Venenschwäche hat über kurz oder lang immer auch charakteristische Hautveränderungen zur Folge, etwa einen Kranz aus kleinen bläulichen Venen an den Knöcheln oder Fußrändern, rotbraune Flecken am Unterschenkel oder auch weiße Flecken oberhalb des Sprunggelenks. Für das fortgeschrittene Stadium ist eine stark schuppende, nässende und juckende Haut typisch, aber auch die Neigung zu schlecht heilenden Wunden - bis hin zu offenen Beinen mit schwer zu behandelnden Geschwüren. Auch wenn viele ältere Menschen betroffen sind, eine klassische Alterskrankheit ist die chronische Venenschwäche nicht. Wer im Büro täglich viele Stunden sitzend verbringt oder den ganzen Tag stehen muss, kann auch schon im jüngeren Alter betroffen sein. Ebenso wirken sich Übergewicht, Bewegungsmangel - und bei Frauen auch hormonelle Einflüsse - ungünstig auf das Venensystem aus. Der wichtigste Risikofaktor für eine Venenschwäche aber ist eine meist genetisch bedingte Strukturschwäche des Bindegewebes.
Denn alle drei Komponenten, die wesentlich an der Funktion des Venensystems beteiligt sind, haben ausgeprägte bindegewebige Anteile: die Venenwände, die Venenklappen und die Venen-Muskelpumpe, die von bindegewebigen Faszien umhüllt ist. Schon milde Formen einer venösen Insuffizienz sind für Betroffene unangenehm. Dann können die Beine schwer und müde oder die Füße so stark angeschwollen sein, dass die Schuhe nicht mehr passen. Meist sind die Beschwerden abends am stärksten ausgeprägt und bessern sich durch Hochlegen der Beine. Aber auch Besenreiser und Krampfadern (Varizen), die oft als kosmetisches Problem abgetan werden, zeigen an, dass der Rückfluss des Bluts in den Beinvenen gestört ist. Krampfadern, die als geschlängelte, bläulich gefärbte Stränge durch die Haut schimmern, sind hierzulande die häufigste Erkrankung der oberflächlichen Beinvenen: Bis zu 80 Prozent der Deutschen leidet darunter, bei vielen sind sie behandlungsbedürftig. Bleibt eine Therapie aus, ist das Risiko für Komplikationen hoch. Besonders gefürchtet ist die Bildung einer Thrombose: Studien zeigen, dass Patienten mit einem Krampfaderleiden bis zu fünfmal häufiger eine tiefe Venenthrombose erleiden als Menschen ohne Varizen. Diese Thrombose kann sich aus dem Bein lösen und über den Blutstrom in die Lungengefäße gelangen - und dort eine Lungenembolie auslösen.
Da einmal entstandene Krampfadern nicht von selbst wieder verschwinden, gibt es praktisch nur eine erfolgversprechende Option: Die geschädigten Venenabschnitte zu entfernen oder zu verschließen, um so die noch intakten Abschnitte nicht weiter zu belasten und die Gefahr für Spätfolgen zu bannen. Die Möglichkeiten der modernen Phlebologie erlauben heute eine unkomplizierte und schonende Vorgehensweise mit einer kurzen Rekonvaleszenz: Oft können die Patienten bereits am Tag nach dem Eingriff wieder weitgehend ihren gewohnten Aktivitäten nachgehen. Wehret den Anfängen - das trifft auch auf eine Venenschwäche zu. Im Anfangsstadium lässt sich ein Fortschreiten nämlich oft noch bremsen. Als Basistherapie empfiehlt sich das Tragen von medizinischen Kompressionsstrümpfen: Sie üben von außen Druck auf die Venen aus, sodass sich ihr Durchmesser verkleinert. So können defekte Venenklappen wieder besser schließen, und das Blut gelangt wieder besser und schneller zum Herzen. Schwellungen klingen ab, die Beine fühlen sich leichter an. Der positive Effekt der Kompressionsstrümpfe wird noch gesteigert, wenn die Beine in Bewegung gebracht werden. Hilfreich ist auch die Anwendung von Kälte: Werden Füße, Waden und gegebenenfalls auch die Innenseite des Oberschenkels regelmäßig von unten nach oben kalt abgeduscht, verengen sich die Gefäße, und weniger Blut versackt in den Venen. Direkte Hitzeeinwirkung auf die Beine, etwa beim Sonnen oder durch heiße Vollbäder, sollte man dagegen meiden.
Generell gilt: Wenn man untertags viel sitzen oder stehen musste, sollte man möglichst jede Gelegenheit nutzen, die Beine in Bewegung zu bringen. Denn jedes Anspannen der Wadenmuskulatur fördert den Rücktransport des Bluts aus den Beinen zum Herzen. Am Abend bietet es sich an, die Venen durch Hochlegen der Beine zu entlasten.
Ansonsten gilt: Jeder, der Anzeichen eines Venenleidens bemerkt, sollte sich zeitnah untersuchen lassen. Für die ärztliche Abklärung - insbesondere von Schwellungen in den Beinen - spricht schließlich auch, dass nicht nur schwache Venen, sondern auch andere Erkrankungen, zum Beispiel eine Herzschwäche, geschwollene Unterschenkel, Füße und Knöchel hervorrufen können. Nicole Schaenzler