Schon immer gaben Höhlen Geborgenheit, Wärme und Zuflucht. Sie gelten als Urbehausung des Menschen. Wikinger errichteten Erdhügel, die sie innen mit dicken Holzbrettern auskleideten, um eisigen Temperaturen zu trotzen. Glühend heiße Sommer waren für die Navajo-Indianer in ihren Höhlenwohnungen hingegen erträglich. Im andalusischen Guadix gibt es heute noch über 2000 Höhlenwohnungen. Viele von ihnen sind komfortabel ausgestattet und werden weiterhin bewohnt.
In Italiens Kulturhauptstadt Matera in der Basikata kann man in Höhlen übernachten, die vor 10.000 Jahren in die „Sassi“ geschlagen wurden. Auch in Deutschland finden sich Zeugnisse der frühen Wohnkultur. Im Dorf Langenstein im Harz haben im 19. Jahrhundert junge Landarbeiterfamilien Höhlen in den weichen Sandstein gegraben. Der letzte Höhlenbewohner verließ sein ungewöhnliches Heim erst 1916. Noch heute wirken die Höhlenwohnungen so, als ob gleich ein Hobbit aus Tolkiens Trilogie „Herr der Ringe“ um die Ecke biegen könnte.
Erdhauspionier mit Kunstsinn
Erdhäuser werden heute zunehmend attraktiv. „Die Leute haben ein großes Bedürfnis, nachhaltig zu bauen, sie wollen auch weniger Heizkosten konsumieren, das hilft uns die Idee der Erdhäuser zu realisieren“, sagt der Schweizer Architekt Peter Vetsch. Ergiltals Erfinder moderner Erdhäuser. Von 1978 bis heute hat er - hauptsächlich in der Schweiz - rund 100 Erdhäuser gebaut. In Dietikon hat er eine ganze Siedlung errichtet, die an eine moderne Form der Hobbit-Behausungen erinnert.
Die Erdhäuser werden als integrale Gewölbe gebaut und zeichnen sich durch eine hohe Isolation aus, die im Sommer kühlend wirkt und im Winter vor Kälte schützt. Die Häuser sind nach Süden hin verglast, wodurch Licht und Wärme in die Häuser gelangt. Durch die starke Dämmung des Erdreichs und den Energiegewinn erreichen Erdhäuser Passivhausstandards. „Die Körperwärme der Bewohner wird ebenso in der Gebäudehülle gespeichert wie die Abwärme vom Kochen, Kerzen oder elektrischen Lampen“, erklärt Peter Vetsch.
Die Wohnräume sind zur verglasten Südseite ausgerichtet, Schlafräume und Bäder meist nach Norden. Falls nötig, erhalten sie durch Oberlichter ausreichend Tageslicht. Die Luftdichte der Erdhäuser - ohne Zugluft durch Ritzen oder Fugen ermöglicht eine kontrollierte Komfortlüftung. Die Be- und Entlüftung filtert Staub und Pollen und führt Feuchtigkeit ab. Zudem wird über die Entlüftung Wärme zurückgewonnen. Von außen kann keine feuchte Raumluft in die Konstruktion gelangen. Fäulnis und Schimmelbildung wird vorgebeugt. Erdhäuser verfügen daher über ein hervorragendes Wohnklima. Der auf die Wände aufgetragene Lehmputz sorgt zusätzlich für eine ausgeglichene Luftfeuchte. Im Winter liegt sie bei etwa 50 Prozent, was wesentlich angenehmer und gesünder ist als die niedrige relative Luftfeuchtigkeit, die in konventionell errichteten Häusern im Winter oft vorherrscht.
Zum Errichten seiner Erdhäuser nutzt Vetsch ein Spritzgussverfahren, das aus dem Tunnelbau bekannt ist. Dabei werden in der Bodenplatte aus Beton feinmaschig geflochtene Netze aus Metall verankert, auf die der Spritzbeton aufgetragen wird. Dach und Wände werden anschließend mit einer 20 Zentimeter starken Isolierung aus Polyurethan-Hartschaum versehen, auf die schließlich die bis zu drei Meter starke Erdschicht aufgetragen wird.
Peter Vetsch hatte in den 70er Jahren bei Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Für ihn sind die Erdhäuser skulpturale, bewohnbare Objekte. Die geschwungenen, runden Formen seiner Erdhäuser setzten sich in den Innenräumen fort und sind der Natur nachempfunden. Sie erinnern an Bauten des berühmten katalanischen Architekten Antoni Gaudí und Elemente des Jugendstils.
Komfort im Tonnengewölbe
Die Höhlenwohnungen der Navajo in Arizona inspirierten den Architekten Gerd Hansen 1990 zum Bau von Erdhügelhäusern. Das erste Erdhügelhaus realisierte er 1991 in Bönnigheim bei Heilbronn. Der Begriff „Erdhügelhaus“ wurde von seiner Firma SolAre kreiert und steht für erdüberdeckte, aber oberirdische Gebäude. Die typisierten Häuser werden als Tonnengewölbe aus Holzträgern vorgefertigt und können in wenigen Tagen aufgebaut werden. Wie bei den „Earth“-Häusern von Peter Vetsch wird danach die Erdschicht aufgetragen. Auf gerade Seitenwände im Erdgeschoss folgt ein halbrundes, röhrenartiges Dach im Obergeschoss, das die Last der Erdschicht darüber trägt. Dadurch müssen keine selbstragenden Wände eingebaut werden und die Räume können variabel aufgeteilt und nachträglich geändert werden. Geschäftsführer Yannick Hansen hebt den extrem niedrigen Energieverbrauch der Häuser hervor: „Wir hören von vielen Kunden, dass sie im Winter die Heizung gar nicht anstellen, sondern mit einem kleinen Ofen heizen.“


Die unterirdische Bauweise ermöglicht es, den Raum effizienter zu nutzen und den Flächenverbrauch zu minimieren. Die erdbedeckten Häuser können zudem Sickerwasser aufnehmen, was die öffentliche Entwässerung entlastet und Überschwemmungen vorbeugt. Neben den Vorteilen für das Wohnklima zeichnen sich Erdhügelhäuser auch durch einen erhöhten Erdbeben-, Sturm- und Brandschutz aus.
Die Kosten für ein Erdhügelhaus veranschlagt Hansen auf etwa zehn Prozent über einem konventionellen Bau. „Die zusätzlichen Kosten dürften aber in weniger als zehn Jahren durch die Einsparungen bei der Heizenergie wettgemacht werden“, meint Hansen.


Bebauungspläne ohne Erdhügelhäuser
Für Erdhügelhäuser sind in vielen deutschen Gemeinden Ausnahmegenehmigungen notwendig, da sie im Bebauungsplan nicht vorgesehen sind. Im Schweizer Vals konnte das niederländische Architektenbüro Search die örtlichen Bauvorschriften, die unter anderem ein Steinschindeldach und eine Holzfassade vorsehen, geschickt umgehen. Der Eingang wurde hinter eine alte Graubündner Scheune gelegt von dem ein 16 Meter langer Tunnel in das Gebäude führt. Die „Villa Vals“ verschwindet elegant im Berghang. Nur die geschützte kreisförmige Terrassenfront, die einen beeindruckenden Blick auf die Bergkulisse bietet, lässt das Gebäude erahnen. Schwierig war die Genehmigung des Standortes auch durch die weltberühmte Valser Therme in direkter Nachbarschaft. Für Peter Zumthors architektonisches Highlight war auch schon eine Ausnahmegenehmigung notwendig. Wer einmal in einem echten Erdhaus übernachten möchte, kann die Villa Vals übrigens als Ferienhaus mieten.
WOLFRAM SEIPP
Erschienen im Tagesspiegel am 07.06.2025