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Zurück in die Zukunft?
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Zurück in die Zukunft?

Stroh- und Reetdächer erfüllen viele Anforderungen zeitgemäßen Bauens

Das Thema gesunder Baubiologie rückt zunehmend in den Fokus, zumal natürliche Baumaterialien meist einen geringeren CO₂-Fußabdruck hinterlassen als energieintensiv produzierte moderne Baustoffe. Zudem besitzen sie oft Eigenschaften, die den zeitgemäßen Bauverordnungen weitgehend entsprechen, vor allem in Hinsicht auf Dämmwirkung und Raumklima. Zu diesen Materialien gehören auch Schilfrohr (Reet) und Stroh, die als Beimengung zu Verbundwerkstoffen zunehmend herangezogen werden, aber in reiner Form bereits seit Jahrtausenden zur Dachdeckung genutzt werden. Zu den sogenannten Weichdächern zählende Reet- und Strohdächer kennen wir heute vor allem aus historischen Häusern der nordischen Regionen, aber sie gehören zu den ersten Materialien, mit denen Häuser in der Frühgeschichte überhaupt eingedeckt wurden. Nicht zuletzt deshalb erfuhr das Handwerk der Reetdachdeckerei 2014 von der Unesco als immaterielles Kulturerbe entsprechende Anerkennung.

Die Verwendung von Stroh zur Dachdeckung ergäbe aufgrund der feineren Halme eine dichtere Struktur, doch sind Strohdächer in den meisten Bauverordnungen wegen Brandgefahr untersagt. Nur vereinzelt sind Strohdächer meist aus Roggenstroh noch möglich. Es muss vor allem vollständig ausgedroschen sein, damit keine Samen auf dem Dach zu keimen beginnen. Zur Deckung werden auf die Balkenkonstruktion des Dachstuhls mit einer Mindestdachneigung von 45 Grad von unten beginnend und überlappend Reihen von Strohbündeln von circa 15 Zentimetern Durchmesser ausgelegt. Am Dachfirst angekommen, wird das überstehende Stroh umgebogen und darauf etwa drei Zentimeter dicker Rasenwasen ausgelegt.

Das Umbiegen ist bei Reet kaum ohne Brüche möglich, deshalb werden hier Grassoden oder Heideplaggen mit den überstehenden Spitzen verflochten. Vereinzelt findet man an der Stelle auch dicht gebundene Strohseile, die in die Dachflächen hineinragen.

Firste sind jedenfalls die Schwachstellen der Stroh- und vor allem Reeteindeckung, weil es Bereiche sind, die am stärksten den Witterungseinflüssen ausgesetzt sind und auch durch die Lagentechnik zur Abdichtung höchste Sorgfalt verlangen. Bisweilen wird an der Stelle Kupferblech als Kappe aufgesetzt. Dies hat den positiven Nebeneffekt, dass die freigesetzten Kupferionen das Dach von Algen und Moosen freihalten. Dennoch sollte davon Abstand genommen werden, denn Metallbleche erhöhen die Gefahr von Blitzeinschlägen, die sowohl Stroh als auch Schilfrohr leicht in Brand setzen können. Zur Stabilisierung werden zwei unterschiedliche Befestigungstechniken angewandt. Beim sogenannten genähten Dach sind die Stroh- oder Reetbündel mit einem anderthalb Zentimeter starken verzinkten Draht in mehreren zehn Zentimeter dicken Lagen auf die Latten genäht. Beim gebundenen Dach werden indes nicht die Bündel festgebunden, sondern sogenannte Bandstöcke, die mehrere Bündel an die Lattung pressen. Als Bindematerial waren einst Weidenruten im Gebrauch, später getränkte Bindfäden, bis sich schließlich auch hier der verzinkte Draht durchsetzte.

Abgesehen von der leichten Entzündbarkeit verfügen Reet- und Strohdächer über viele positive Eigenschaften. Sie weisen hohe Wärmedämmwerte auf, sind leicht, dicht und windsicher. Sie sind auch relativ pflegeleicht und überraschend langlebig. Bei Stroh geht man auf der Wetterseite von 25 Jahren aus, auf der Kehrseite sogar von 30 Jahren. Manche Quellen gehen noch weiter und sprechen von 40 bis 60 Jahren. Die Kosten für die Eindeckung halten sich in Grenzen und sind neigungsabhängig. Unter 45 Grad Dachneigung kostet der Quadratmeter nur etwa 35 Euro. Ist die Neigung steiler, steigen die Kosten wegen zusätzlicher Fixierungsmaßnahmen auf 80 bis 130 Euro pro Quadratmeter. Wird eine zusätzliche Dämmung angebracht, steigen die Kosten auf etwa 160 Euro pro Quadratmeter. Das größere Problem stellt allerdings das Finden eines erfahrenen Strohdachdeckersdar. Es ist ein seltenes Handwerk, seine Vertreter sind entsprechend rar.

REINHARD PALMER

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 04.05.2024

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