And the winner is ... Überraschung! Frankfurt Rhein Main. Als erster deutscher Kandidat überhaupt trägt die Stadt 2026 den prestigeträchtigen Titel. Denn Frankfurt hat sich den Titel World Design Capital (WDC) 2026 gesichert, der seit 2008 alle zwei Jahre von der World Design Organization (WDO) aufgrund eines Bewerbungsverfahrens vergeben wird. Damit wird „Mainhattan“ ein Jahr lang zur Bühne für Gestaltung, Innovation und gesellschaftlichen Wandel und zeigt mit unterschiedlichsten Projekten und Veranstaltungen, wie Design unser Zusammenleben prägt und neue Perspektiven für die Zukunft eröffnet. Nach Metropolen wie Lille (Frankreich, 2020), Valencia (Spanien, 2022) und San Diego (USA, 2024) steht also nun Frankfurt mitsamt Umland im Blickpunkt kreativer Gestaltung, bevor der Krug 2028 nach Busan (Südkorea) weitergereicht wird.


Was gab den Ausschlag für diese Entscheidung und was bedeutet das für die diesjährige Design-Hauptstadt? Dass es in puncto Design um weit mehr geht als bloße Formgebung, liegt auf der Hand: Bewerber müssen eine nachhaltige Verbesserung der sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Verhältnisse nachweisen, die durch Designprojekte entwickelt wurden. Es geht um die Frage, wie wir leben wollen, um eine verbesserte Lebensqualität, um die Außenwirkung von Gestaltung auf gesellschaftlich-politischer Ebene. Zugleich soll der Titel inspirieren, zum Nachahmen anregen und über die Jahresfrist hinaus internationale Strahlkraft entwickeln.
Unter dem Motto „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ will sich die Metropolregion als zukunftsfähig erweisen. Eine komplexe Aufgabe. Beim freien Assoziieren zu den Stichworten „Frankfurt“ und „Gestaltung“ fallen den Designaffinen unter uns folgende Begriffe ein: erstens das Stadtplanungsprogramm „Das neue Frankfurt“ (zwischen 1925 und 1930). In dessen Kontext entstand die 1926 von Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfene „Frankfurter Küche“, die als erste, pragmatisch durchkonzipierte Einbauküche Schule machte. Zweitens der von „Turmvater Jahn“ aka Helmut Jahn gebaute Messeturm als Monument der Postmoderne.


Drittens das Frankfurter Unternehmen Braun, für das Deutschlands großer Industriedesigner Dieter Rams reihenweise alltagsfähige, ästhetisch hochwertige Produkte entwarf - zu einer Zeit, als das Wort „Stardesigner“ noch in weiter Ferne lag. Viertens sitzt der 1953 gegründete Rat für Formgebung als Interessenvertretung für designorientierte Unternehmen hier in Frankfurt. Auch das Museum für Angewandte Kunst (MAK), 1985 vom Architekten Richard Meier erbaut, zählt zu den ikonischen Bauten der Mainmetropole. Seit 2012 leitet Direktor Matthias Wagner K das Museum, er selbst zählt zu den Wegbereitern der großen Kampagne rund um die Design-Welthauptstadt.

Die Sammlung des MAK umfasst rund 65.000 Werke aus fünf Jahrtausenden, aus den Bereichen Design und Kunsthandwerk, Buchkunst und Grafik, islamische und ostasiatische Kunst. Als einen Coup konnte es Museumsdirektor Wagner K verzeichnen, 2017 die weltweit erste Einzelausstellung zum Schaffen der deutschen Modedesignerin Jil Sander unter dem Namen „Präsens unter Dach und Fach zu bringen, inklusive raumgreifender multimedialer Installationen. Damit gelang es Wagner K, Besucherzahlen sowie Popularität des Hauses sichtbar zu steigern. Neben zahlreichen weiteren Aushängeschildern schaut die Stadt auf eine profilierte Gestaltungstradition zurück. Was die Entwürfe aus dem Raum Frankfurt verbindet: Sie stehen eher für nutzerorientierte Design-Maximen denn für effektvoll-verspielte Kreationen, wie wir sie zum Beispiel aus Italien kennen. Die Jury der World Design Organization, bestehend aus sieben Experten, überzeugte eben diese Verbindung von Design mit gesellschaftlicher Verantwortung und Demokratie.
Was also ist geplant? Für das beginnende Jahr 2026 stehen fünf Kernthemen im Mittelpunkt: Lebensräume, Bildung und Wissenschaft, Design und Wirtschaft, Partizipation sowie Politik und Design. Wir sehen: Design steht - höchst zeitgemäß - nie für sich allein, sondern immer in Bezug zu anderen Disziplinen. Rund 2000 Projekte sind für das Jahr geplant, die mit 450 Kooperationspartnern umgesetzt werden, darunter Museen, Hochschulen, Stiftungen, Unternehmen, Initiativen, Schulen und Vereine. Dabei werden drei Säulen im Vordergrund stehen: WDC-Eigenproduktionen als roter Faden, daneben Kooperationen mit namhaften Institutionen sowie Projekte von Menschen der Region und von Vereinen zwischen Frankfurt und Darmstadt, zwischen Wiesbaden und Offenbach. Das bedeutet: Über 70 Städte und Gemeinden der Metropolregion werden dabei sein und die Bedeutung Frankfurts als globales Drehkreuz betonen.



Los geht es im Januar auf der Mathildenhöhe Darmstadt, architektonisches Ensemble der Frühmoderne, UNESCO-Weltkulturerbe und frühere Künstlerkolonie, die dann ihr 125-jähriges Bestehen mit der Ausstellung „A step ahead“ feiert. Von April bis September zeigt das Jüdische Museum Frankfurt zusammen mit Kooperationspartnern die Ausstellung „Mischpocha - the art of collaboration“, in der es um die Erweiterung traditioneller Vorstellungen von Herkunft und Familie geht. Unter dem Begriff „Main Light“ wird klimaneutrale, umweltgerechte Beleuchtung für den öffentlichen Raum in Hessen vorgestellt. Zu den kreativen Herz-Veranstaltungen zählen der WDC-Hub 2026 im MAK als Treffpunkt und mit mehreren Ausstellungen, ebenso die Open Design Week Frankfurt RheinMain im Juni, die eine offene Bühne für Gestalter, Forscher und Experimente sein will, ob sie nun von Hochschulen, Designstudios oder Unternehmen kommen. Im Rahmen des World Design Street Festivals im August soll Musik mit visueller Kunst vereint werden, dazu zählen Performances, Workshops, Filmvorführungen und vieles mehr.
Ebenfalls in der engeren Auswahl der diesjährigen WDC hatte Riad in Saudi-Arabien gestanden und wurde vom Auswahlkomitee „für die Art und Weise gewürdigt, wie ihre Bewerbungden florierenden Kreativsektor der Stadt und den designorientierten urbanen Fortschritt präsentierte“. Bleibt die Frage: Was bringt so ein WDC-Titel in der Rückschau? Nun, da sind zum einen internationale Anerkennung, vermehrter Tourismus und verstärkte Investitionen, zum anderen ein Imagewandel und eine Würdigung für nachhaltige Bestrebungen vielerlei Gestalt. Dafür stellte die Metropolregion einen Gesamtetat von 16 Millionen Euro zur Verfügung, der sinnstiftend investiertsein will. Der Kreativbranche kann es nur nutzen, denn die Betonung als systemrelevante Berufsschicht wurde erst vor wenigen Jahren während der Corona-Krise deutlich infrage gestellt. Auch demokratische Ansätze, hier Teil des WDC-Mottos, geraten weltweit zum immer mehr bedrohten Gut. Hier in Frankfurt werden eigens konzipierte „Demokratie-Kioske“ an mehreren Orten als Treffpunkt für Ideen, Gespräche und Zukunftsfragen dienen. Der krönende Abschluss findet Ende des Jahres in der Frankfurter Paulskirche statt, in der 1848 die Nationalversammlung als erstes demokratisch gewähltes Parlament Deutschlands tagte. Design und Demokratie? Auf nach Frankfurt!
Franziska Horn
Erschienen im Tagesspiegel am 04.02.2026