Die Redewendung „wie Sand am Meer“ für „unendlich viel“ kann bald ihren Sinn verlieren, denn angesichts des wachsenden Bedarfs vor allem an Wohnraum zeigt sich die Ressource allmählich als endlich. Wer glaubt, dass Wüstenstaaten wie das baufreudige Emirat Dubai besser dastünden, irrt. Denn der Wüstensand wird vom Wind allzu sehr gerundet, was seine Verwendbarkeit begrenzt. Deshalb muss Dubai den grobkörnigen Bausand bereits importieren. Der Raubbau in Regionen, wo er vorhanden ist, bleibt aber nicht ohne Folgen für die Natur. Deshalb wird weltweit nach einem Baustoff gesucht, der mit möglichst wenig Sand auskommt. Bis er gefunden ist, bietet sich wohl nur Betonrecycling als Alternative.
Eine andere Möglichkeit: den Wüstensand fürs Baumaterial brauchbarer machen. Diesen Ansatz verfolgte das Imperial-College in London. Und tatsächlich gelang es 2018 dort, unter Verwendung eines organischen Bindematerials einen betonähnlichen Stoff aus Wüstensand herzustellen. Die Produktion von Finite, so der Name des Materials, setzte weniger CO₂ frei und das Material war vollständig recycelbar: Der ökologische Fußabdruck von Finite war daher deutlich kleiner als der vom herkömmlichen Beton. Dennoch soll seine Festigkeit der von Ziegeln oder Beton entsprochen haben. Obgleich die Entwickler ein Start-up zur Produktion des Baumaterials gegründet hatten, hörte man seit der Präsentation nie wieder davon. Das ist äußerst bedauerlich, denn gerade die Betonproduktion ist stark umweltbelastend.
Die Spekulation, der aufwendige Transport von Wüstensand würde Finite wohl unrentabel machen, kann so nicht stimmen. Schließlich setzen auch Polycare sowie die Münchner Multicon-Group Wüstensand als Zuschlagstoff in der Betonproduktion ein.
REINHARD PALMER
Erschienen im Tagesspiegel am 02.03.2024