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Wenn Pflanzen Schatten werfen

Eine weitere Variante des Systems dient zur Verschattung und Kühlung von Gebäudehüllen im Neubau und Bestand. Visualisierung: Office for Micro Climate Cultivation (OMC°C)

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Wenn Pflanzen Schatten werfen

Neue Wege gegen Hitze auf öffentlichen Plätzen

Der Sommer ist da - und mit ihm die Hitze, deren Auswirkungen wir bereits in diesem Jahr zu spüren bekamen. So heiß war der Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nie. In vielen Städten stieg die Temperatur weit über 35 Grad. Selbst in schattigen Bereichen war kaum noch Abkühlung zu finden. Allen Voraussagen nach werden Hitzewellen wie diese zum neuen Normal - eine Entwicklung, die Städte, Kommunen und Planende zu aktivem Handeln zwingt. Doch wie lassen sich öffentliche Räume widerstandsfähiger gestalten? Welche Lösungen bieten kurzfristige Entlastung und langfristige Perspektiven? Eine vielversprechende Antwort liefert das in Frankfurt ansässige Office for Micro Climate Cultivation (OMC°C). Nach dreijähriger Entwicklungszeit gab es mit einer einfachen, aber äußerst durchdachten Begrünungseinheit seine Antwort auf vorangegangene Fragen. Die Idee ist so simpel wie wirkungsvoll: Auf einem robusten, modularen Gerüst aus Stahl und Holz ranken einjährige Pflanzen an Netzen empor. Daraus entsteht ein lebendiges Dach, das kühlt, filtert, inspiriert und einen Ort der Begegnung, der Naturerfahrung und der Entschleunigung schafft. Entstanden ist diese neue Variante aus der praktischen Nachfrage von Schulen und Kitas, aber sie ist inzwischen weit mehr als das. Ob Innenhöfe, kleinere Plätze oder temporäre Installationen auf urbanen Brachen - die bepflanzten Zeltdächer zeigen, wie flexibel grüne Infrastrukturen heute gedacht werden können.

Einfaches System - großer Effekt

Besonders im Kontext von Bildungseinrichtungen wird deutlich, welche Bedeutung solche Systeme inzwischen erlangen. In einem Naturkindergarten in Baden-Württemberg etwa wurden zehn Module mit je zehn Quadratmetern Fläche installiert. Auf rund vier Metern Höhe spannen sich die Netze, die bald mit bis zu 20 verschiedenen Pflanzen bewachsen sein werden. Schatten, Spielraum, Rückzugsort - alles in einem. „Wir wollten ein System, das nicht nur funktioniert, sondern auch begeistert“, sagt Stefan Diez, Designer und Mitentwickler des Systems. Der Ansatz: weniger Technik, mehr Natur, aber intelligent konstruiert. Genau darin liegt der gestalterische Reiz, denn der Einsatz von Kletterpflanzen bringt eine Eigendynamik mit sich, die sich nicht vollständig kontrollieren lässt - und auch nicht soll. Start starrer Architektur entstehen atmende Räume, saisonal wandelbar, sinnlich erfahrbar. Der öffentliche Raum erhält damit neue Möglichkeiten der Kühlung, ohne dass es massiver baulicher Eingriffe bedarf. Durch das reversible Fundament kann die Konstruktion temporär oder dauerhaft eingesetzt, an neue Orte versetzt und an neue Bedarfe angepasst werden.

Ein weiteres Beispiel, wie Begrünung nicht nur schmückt, sondern gestaltet, beweist das Projekt „Vert, das gemeinsam mit dem American Hardwood Export Council und dem Diez Office für das London Design Festival 2024 konzipiert wurde und aktuell Bestandteil zweier Ausstellungen in der Bundeskunsthalle in Bonn ist.

Besuchende erleben das nach gleichen Vorgaben entwickelte System als ruhigen, schattigen Ort im Stadtraum. Die offene Struktur lässt Luft zirkulieren, die Pflanzen binden Feinstaub und schaffen einen natürlichen Kühlungseffekt.

Pflanzenkunde erlernen

Neben gestalterischen und klimatechnischen Aspekten steht auch der Lerneffekt im Fokus. Kinder erfahren, wie Pflanzen wachsen, erleben Biodiversität aus nächster Nähe und können sogar kleine Ernteerlebnisse mitnehmen. Die Auswahl fiel auf vier verschiedene Minzsorten: Schoko, Erdbeer, Verveine und Cassis.

Die städtebaulichen Herausforderungen der Zukunft liegen also nicht nur im Bau neuer Gebäude, sondern zunehmend in der Qualifizierung vorhandener Räume. Begrünungssysteme können hierbei zu einem entscheidenden Baustein werden. Sie liefern eine klare Antwort auf die drängende Frage, wie Städte auf die zunehmende I litze reagieren können. Dass dabei Design, Ökologie und soziale Nutzung so selbstverständlich zusammenspielen, ist kein Zufall, sondern Ergebnis kluger interdisziplinärer Zusammenarbeit.
Kelly Kelch

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 02.08.2025

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