Zu den Aufgaben der Kardiologie gehört es, kardialen Ereignissen vorzubeugen sowie Risikofaktoren wie Bluthochdruck frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Aber was ist mit den häufigen Herzrhythmusstörungen, zählen auch sie zu den Risikofaktoren für unser Herz? Und was soll man tun, wenn das Herz aus dem Takt gerät? Für viele Menschen sind Herzrhythmusstörungen beängstigend - die Medizin weiß aber, dass sie meistens ungefährlich sind. Dennoch sollte man sie abklären lassen - und den Kontakt zum eigenen Herzen aufnehmen.
Herzrhythmusstörungen sind ein weites Feld. Jeder Mensch hat sie irgendwann, viele bemerken sie auch gar nicht. Wenn sie aber bemerkt werden, bedeutet das in der Regel eine große Verunsicherung. Denn wir sind es gewohnt, dass unser Herz in üblicher Frequenz seine Arbeit verrichtet, sechzig bis achtzig Mal in der Minute pumpt es aufs gesamte Leben bezogen, 250 Millionen Liter Blut durch unseren Körper, bei jedem Schlag 80 Milliliter. Eine enorme Leistung. Wenn es da eine Unregelmäßigkeit gibt und das Herz aus dem Takt gerät, zu schnell (aber auch zu langsam) schlägt, sind wir alarmiert. Und bemühen uns um ärztlichen Rat. Tatsächlich können Kardiologinnen und Kardiologen feststellen, ob die Rhythmusstörungen behandlungsbedürftig sind oder nur eine Unregelmäßigkeit darstellen, wie sie überall im Körper vorkommt. Gibt es Grunderkrankungen des Herzens, die mit den Rhythmusstörungen korrelieren oder sie bedingen? Wie hoch ist der Blutdruck und von welchem Bereich im Herzen gehen sie aus? Grob gesagt, sind die aus den Herzkammern kommenden Herzrhythmusstörungen wesentlich bedrohlicher als die aus den Vorhöfen. Aber auch ein Vorhofflimmern kann gefährlich werden, wenn die Reize zu schnell übergeleitet werden und das Herz antreiben. Der Arzt oder die Ärztin wird sich zunächst nach der Art der Rhythmusstörung erkundigen. Was spürt der Patient oder die Patientin genau? Hat er oder sie bereits eine Grunderkrankung des Herzens? Wenn es sich „nur“ um das Einzelphänomen Herzrhythmusstörung handelt, kann die Medizin nach Anamnese, EKG, körperlicher Untersuchung sowie einem Ultraschall des Herzens den meist etwas aufgewühlten Patienten wieder beruhigt nach Hause schicken.
Vorhofflimmern
Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung. Bei diesem Phänomen ist der Taktgeber des Herzens, der sogenannte Sinusknoten im rechten Vorhof, ausgefallen, in den Höfen flimmert die elektrische Spannung ziel- los und wird zum Glück durch den schmalen Torhüter des Herzens, den AV-Knoten, wieder in eine zielgerichtete Bahn geleitet, die den Herzschlag wieder herunterreguliert. Die spürbare Folge von Vorhofflimmern sind Schwindel, Herzklopfen, Schwitzen und Atemnot, die allerdings mit dem Flimmern vorüberziehen. Vorhofflimmern ist nicht lebensbedrohlich, dennoch können sich in den Vorhöfen, weil das Blut dort nicht mehr wie gewohnt fließen kann, Gerinnsel bilden. Das Schlaganfallrisiko steigt. Die Möglichkeit einer Ablation, der Verödung von Leitungsbahnen, sollte in Betracht gezogen werden.
Wieder anders und weitaus harmloser stellt sich die Lage dar, wenn es sich um anfallsartige Tachykardien handelt, dabei ist der schnelle Herzschlag nicht die natürliche Folge einer sportlichen Anstrengung oder emotionalen Erregung, sondern das Herz galoppiert quasi von selbst in bis zu zweihundert Schlägen pro Minute seiner Erschöpfung entgegen. Da es sich um Anfälle handelt, ist das ungewöhnliche Geschehen aber nur von kurzer Dauer und nach wenigen Sekunden oder Minuten wieder vorbei. Bei dieser vorübergehenden Irritation sorgt meist eine zusätzliche Leitungsbahn dafür, dass der elektrische Impuls nicht durch den AV-Knoten fließt, sondern um ihn herumkreist. Im Herzmuskel kommen die unklaren Impulse als hektische Aktivität an, die sich in Schwindel, Schwächegefühl, Brustschmerzen oder Atemnot bemerkbar machen. Man kann das Geschehen durch bestimmte Übungen wie Luftanhalten oftmals selbst beruhigen und sollte sich hierzu vom Kardiologen beraten lassen.
Vorsicht bei Vorerkrankungen
Wenn jedoch eine Vorerkrankung des Herzens besteht und seine Pumpfunktion eingeschränkt ist, sind Vorhofflimmern und anfallsartige Tachykardien im Vorhofbereich ernst zu nehmen. Insbesondere, weil man sie nicht immer spürt.
Tatsächlich bedrohlich ist die Kammertachykardie (ventrikuläre Tachykardie). Bei ihr funkt die elektrische Leitung im Herz selbst, zusätzlich zu ihrem Haupttaktgeber im rechten Vorhof, dem Sinusknoten, der den herzgesunden Schlag, eben den Sinusrhythmus, regelt. Die körperlich spürbaren Folgen sind gleichfalls Schwindel, Schwäche, Atemnot sowie Brustschmerzen. Manchmal verliert man auch das Bewusstsein oder erleidet einen Kreislaufkollaps. Geschieht dies öfter oder hält der Vorgang länger an, kann es zu einem Kammerflimmern kommen. Das bedeutet, das Herz flimmert nur noch und pumpt kein Blut mehr in den Kreislauf. Der plötzliche Herztod ist die Folge. Ein Defibrillator ist in der Lage, mit Stromstößen die überdrehte Herzfrequenz zu stoppen. Man kann auch bestimmte Stellen im Herzen mit Hilfe eines Katheters veröden (Ablation), damit die irregeleiteten Signale unterbleiben und der Sinusknoten wieder seine Aufgabe übernimmt. Oftmals stehen ein akuter Herzinfarkt oder auch eine kardiale Grunderkrankung, die die Reizleitung des Herzens stören, hinter der Kammertachykardie. Zu den strukturellen Problemen am Herzen zählen Herzklappenerkrankungen, eine vorliegende Herzschwäche oder auch die KHK (koronare Herzkrankheit) sowie der Herzinfarkt. Die Narben im Herzmuskelgewebe, die bei ihm entstehen, können die Reizweiterleitung der Herzmuskelzellen irritieren.
Psyche und Herz hängen eng zusammen, das wussten schon die alten Griechen und weiß heute auch die Kardiologie. Tatsächlich gehen Herzrhythmusstörungen oftmals mit Stress oder psychischen Problemen einher beziehungsweise sind sie dadurch bedingt; vor allem Menschen mit Angst leiden unter Herzklopfen „bis zum Hals“ - und sind dann beruhigt, wenn ihr Herz ganz gesund ist. Lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen wie das Kammerflimmern sind definitiv nicht psychisch bedingt. Darüber hinaus ist noch die Gruppe der Patienten zu berücksichtigen, die aufgrund einer Herzerkrankung eine Depression entwickeln. Diese muss dann mitbehandelt werden, sonst erhöht sich tatsächlich das Risiko für weitere kardiale Schwierigkeiten. Die Kardiologie hat diese Zusammenhänge schon länger auf dem Schirm und arbeitet vor allem in der Psychokardiologie mit Psychiatrie und Psychologie eng zusammen.
Bettina Rubow
Fachliche Beratung: Dr. Othar Tschaidse
Aus dem Takt
Herzrhythmusstörungen, das ist das, was wir bemerken, wenn unser Herz unregelmäßig schlägt oder stolpert. Für die Medizin sind sie ein großer Überbegriff, unter dem sich einige Erkrankungen des Herzens subsumieren. Darunter die Sinusarhythmie, Vorhofflimmern; die Vorhof- und die ventrikuläre Tachykardie, bei denen das Herz rast, supraventrikale und ventrikuläre Extrasystolen, bei denen ein zusätzlicher elektrischer Impuls in den Vorhof oder die Herzkammer geschickt wird. All die genannten Störungen können ärztlich diagnostiziert werden. Jährlich werden rund 400.000 Menschen in Deutschland wegen einer Herzrhythmusstörung in eine Klinik eingewiesen. Für die meisten von ihnen besteht allerdings keine Gefahr für Herz und Leben. br
Erschienen im Tagesspiegel am 17.05.2024