Anzeige

Wenn Bauteile Kriechen

NEIN, HIER WURDE NICHT GELOGEN, BIS SICH DIE BALKEN BOGEN. IM LAUFE DER JAHRHUNDERTE WIRKTE DIE LAST AUF DEN HOLZTRÄGER EIN UND VERURSACHTE EIN BIEGEKRIECHEN. FOTO: PIXABAY / HANS

Webimmobilien

Wenn Bauteile Kriechen

Die komplexen Kräfte eines Bauwerks können manche Bauteile verformen

Das Wort „kriechen“ ist schon im allgemeinen Gebrauch unvorteilhaft konnotiert. Geht es um die Werkstoffkunde, setzen Fachleute dazu ein besorgtes Gesicht auf. Denn das Kriechen bezeichnet dort die zeit- und temperaturabhängige Verformung von Werkstoffen unter Last. Solange eine konstante Kraft auf den Werkstoff einwirkt, nimmt die Verformung kontinuierlich zu. Dieser plastische Anteil der Kriechverformung bleibt selbst bei völliger Entlastung bestehen. Kann ein Bauteil dadurch seine Aufgabe nicht mehr erfüllen, muss er ausgetauscht werden.

Entscheidend für den Grad der Kriechverformung sind die Richtung der wirkenden Kräfte, das Material und seine Form. Beim Holz wirkt sich die Torsionsbeanspruchung (Schub) am stärksten aus, während der Längszug kaum Folgen hat. Der Längsdruck wirkt sich deutlich stärker aus, bei Rechteckquerschnitten auch stärker als das Biegen. Kriechen in Faserrichtung ist zudem sechsmal geringer als Kriechen senkrecht zur Faserrichtung. Beim Holz sorgen außerdem die Temperatur sowie insbesondere die relative Luftfeuchtigkeit für große Unterschiede im Kriechverhalten. Im Extremfall kann es zum Bauteilbruch kommen.

Aber nicht nur organische Materialien weisen ein Kriechverhalten auf. Die Verformung vom Beton setzt sich aus einer elastischen, also bei Entlastung reversiblen (Rückkriechen) Verformung und aus dem bleibenden, stark vom Alter abhängigen Verformungsanteil, dem sogenannten Fließen, zusammen. Während das Kriechen bei Kunststoffen in der Regel zur Dehnung führt, hat das Kriechen von metallischen Werkstoffen stets eine Schädigung zufolge. Bei Raumtemperatur und unterhalb der Streckgrenze kommt es allerdings nur zu einer elastischen Verformung, die von Bauteilen nahezu unendlich lange ertragen werden kann.
Reinhard Palmer

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 08.02.2025

Das könnte Sie auch interessieren