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Weltraumforschung für die Medizin von morgen

Der Blick auf die Erde von der Internationalen Raumstation ISS aus.     Foto: ESA/NASA

Forum Spitzenmedizin

Weltraumforschung für die Medizin von morgen

Die Erkenntnisse aus der Weltraummedizin sind für die Gesundheit von Astronauten im Einsatz elementar - sie fließen zudem direkt in die medizinische Versorgung auf der Erde ein

In 90 Minuten einmal um die Erde: Auf der Internationalen Raumstation ISS wird unter den besonderen Bedingungen der Schwerelosigkeit geforscht, was auf der Erde nur mithilfe von aufwändiger Simulation möglich ist. Viele Experimente haben einen medizinischen Hintergrund. Ein wichtiger Forschungsschwerpunkt: die Wechselwirkung zwischen dem Immunsystem und dem Stress des Weltraumaufenthalts. Daraus ist sogar eine neue Disziplin entstanden - die Astroimmunologie, die gerade in einer internationalen Übersichtsarbeit vorgestellt wurde. Einer der Autoren ist Professor Alexander Choukér vom LMU Klinikum München. Der Anästhesist und Weltraummediziner erforscht in Kooperation mit internationalen Raumfahrtbehörden und Forschungszentren wie der NASA, der Europäischen Weltraumorganisation ESA oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR die Auswirkungen von Weltraumflügen auf den menschlichen Körper und hat schon viele Astronauten auf ihren Missionen mit Forschungsprojekten begleitet. Zum Leitungsteam der Forschungsgruppe gehört auch die Privatdozentin Dr. Judith-Irina Buchheim, die ebenfalls an zahlreichen internationalen Weltraum- und Weltraum-Analogforschungsstudien beteiligt war und ist. Im Gespräch erklären sie unter anderem, weshalb die gewonnenen und noch zu gewinnenden Erkenntnisse der Forschung unter Weltraumbedingungen so bedeutsam für die medizinische Versorgung auf der Erde sind, warum Roboter CIMON mit einem freundlichen Gesicht ausgestattet ist - und ob es für uns Menschen erstrebenswert ist, eines Tages auf einem anderen Planeten als der Erde wohnen zu können.

Herr Professor Choukér, Frau Dr. Buchheim, Sie beide sind international bekannte Weltraummediziner. Ihre Facharztausbildung haben Sie jedoch in Anästhesiologie abgeschlossen. Was ist der gemeinsame Nenner der beiden Disziplinen?
Professor Alexander Choukér:
Wir Anästhesisten sind nicht nur für das Ausschalten des Bewusstseins und von Schmerzen bei Eingriffen zuständig, sondern wir beschäftigen uns vor allem damit, das Funktionsgleichgewicht des Organismus wie Blutdruck, Flüssigkeitshaushalt oder Temperatur während der Operation zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen. Eine gute anästhesiologische Betreuung erreicht die bestmögliche Abschirmung des Patienten vor operativem Stress und dessen Auswirkung auf seine Organ- und Körperfunktionen. Diese - holistische - Betrachtung des Menschen als Ganzes ist bei der Untersuchung von Menschen in extremen Lebensbedingungen wie dem Weltraum ebenso entscheidend wie bei der Betreuung von Patienten in der Klinik.
PD Dr. Judith-Irina Buchheim: Anästhesisten achten auf die individuelle Situation und Konstitution des Patienten. So dosieren wir beispielsweise Narkosemittel nach Gewicht oder individuell nach Wirkung. Dieses Prinzip der personalisierten Medizin ist auch für Astronauten relevant, die doch sehr individuell auf die Stressfaktoren einer Weltraummission reagieren. Es gibt also eine deutliche Überlappung beider Disziplinen, auch wenn es zunächst nicht so erscheint. Für beide gilt, dass das Verständnis der Organinteraktionen und des zu erzielenden Gleichgewichts oder auch das Erfassen von Veränderungen in einer frühen Phase überlebenswichtig ist. 

Welchen Stressfaktoren sind Astronauten im Weltraum ausgesetzt?
Judith-Irina Buchheim:
Die Stressoren sind vielfältig: die fehlende Schwerkraft, an die wir Menschen auf der Erde angepasst sind, aber auch die kosmische Strahlung, ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus, schlechter Schlaf, hoher Arbeitsdruck, räumliche Enge, Isolation, die Trennung von der Familie... Die Erforschung dieser Gegebenheiten und ihr Einfluss auf den Menschen, aber auch ein besseres Verständnis von den Anpassungsmechanismen des menschlichen Organismus zu bekommen, sind wesentliche Aufgaben der Weltraummedizin - und liefern uns zugleich neue Erkenntnisse und wertvolle Impulse für die Medizin auf der Erde. 

Herr Professor Choukér, welche Aufgaben hat das von Ihnen geleitete Forschungslabor ,Translational Research Stress and Immunity'?
Alexander Choukér: 
Das Forschungslabor untersucht, wie Stressreaktionen das Immunsystem beeinflussen. Im Fokus stehen dabei die Wechselwirkungen zwischen Stresshormonen, Nervensystem und Immunzellen sowie die Frage, wie psychischer und physischer Stress Entzündungsprozesse verändert und dadurch Krankheiten, insbesondere Infektionen und Immunalterung, begünstigt. Zentral für uns ist die Nutzung von Modellen aus der Raumfahrt, die sowohl einzigartig als auch hochstandardisiert sind. Dazu zählen Forschungsplattformen wie die ISS, aber auch experimentelle Ansätze zur Untersuchung von Isolation, längerer Bettruhe oder akuten Stresssituationen. Die Erkenntnisse, aber auch neue oder weiterentwickelte Diagnosemöglichkeiten, zum Beispiel die Analyse der Atemluft zur Krankheitsdiagnostik, werden dann am Klinikum in Studien am Patienten übertragen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist daher an allen Stellen für uns ein zentrales Element, und sie ermöglicht Grundlagenforschung bis hin zur Anwendung neuer technologischer Lösungen. Aktuelle Beispiele sind das Projekt mit der LMU-Biologie zur Wirkung simulierter Schwerkraft oder die Entwicklung neuer Immun-Analyseverfahren mit dem National Research Council in Kanada. 

Welche Aspekte interessieren Sie besonders?
Alexander Choukér:
Je nach Modell werden spezifische Teilaspekte extremer Umgebungen gezielt simuliert. Während zum Beispiel Isolation und räumliche Enge vor allem psychologische Belastungen, soziale Dynamiken, Schlafveränderungen oder auch Effekte auf das Immunsystem abbilden, dienen Bettruhe-Studien als etablierte Modelle der Simulation von Schwerelosigkeit auf der Erde und den damit verbundenen Folgeerscheinungen. Bettruhe-Studien in leicht kopftief-gelagerter Position erlauben uns, die unter Schwerelosigkeit auftretenden Erscheinungen wie Muskelabbau, Knochendichteverlust, Flüssigkeitsverschiebungen ins Gehirn oder Veränderungen des Blutflusses in den Gefäßen zu untersuchen, also Phänomene, die auch für die Astronauten im Weltall relevant sind. 

Parabelflüge - das sind spezielle Flugmanöver in eigens dafür umfunktionierten Flugzeugen, die kurzzeitig den Zustand der Schwerelosigkeit erzeugen - nutzen wir zur Analyse akuter Anpassungsreaktionen des Körpers, etwa im Hinblick auf die Immunreaktionen neuronaler Steuerungsmechanismen, sowie zur Erprobung von Prozeduren und Analysegeräten, um deren Funktion unter Schwerelosigkeit sicherzustellen. Ergänzend liefern uns Überwinterungsmissionen in isolierten Extremumgebungen ganz reale Erkenntnisse zu langfristigen und geschlechterspezifischen Anpassungsprozessen an kombinierte Stressoren wie Isolation und chronische Belastung. 

Sind die Bedingungen, die im Winter in den Antarktis-Forschungsstationen herrschen, mit denen in einem Raumschiff vergleichbar?
Alexander Choukér: Ja! Die Überwinterungsmissionen auf den Stationen Concordia und Neumayer in der Antarktis stellen ein in jeder Hinsicht reales Szenario dar: Aufgrund der extremen Kälte, der Höhenlage auf Concordia, der Isolation und der Störungen des zirkadianen Rhythmus durch die langen lichtlosen Polarnächte liefern sie wertvolle Erkenntnisse, die uns dabei helfen, die psychologischen und physiologischen Auswirkungen langfristiger Raumflugbedingungen besser zu verstehen. Wir konnten bereits 20 Überwinterungen mit unserem wissenschaftlichen Projekt CHOICE dort begleiten. Und vor zwei Jahren hat unser Klinikum unter der Leitung von Professor Peter zu Eulenburg vom Institut für Neuroradiologie auf Concordia das erste mobile Magnetresonanzgerät zur direkten kontinuierlichen Beobachtung der Hirnstrukturveränderungen Wbei einer Überwinterungscrew installiert.

 Frau Dr. Buchheim, Sie arbeiten an der Weiterentwicklung der Raumfahrtrobotik mit.
Judith-Irina Buchheim:
Ja, gemeinsam mit dem DLR, Airbus und IBM haben wir CIMON entwickelt - das ist der erste Roboter, der mit künstlicher Intelligenz ausgestattet ist und im europäischen Columbus-Modul auf der ISS eingesetzt wurde. Mit CIMON untersuchen wir, wie ein intelligenter Assistent Astronautinnen und Astronauten bei ihrer Arbeit unterstützen und damit vielleicht sogar Stress reduzieren kann. CIMON ist ein kugelförmiger, freischwebender Roboter, der mit einem ´Gesicht' ausgestattet ist, das Emotionen ausdrücken kann. Er kann Informationen abrufen, Arbeitsabläufe erklären und Aufgaben koordinieren, sodass die Astronauten entlastet werden. Aber CIMON arbeitet auch sozial-interaktiv: Er reagiert auf Fragen, kann einfache Konversationen führen und gibt Rückmeldungen, die ein Gefühl gesellschaftlicher Präsenz vermitteln, also etwas, das für zukünftige Langzeitmissionen in Isolation und mit begrenztem sozialen Kontakt extrem wertvoll sein wird.

Auch die SpaceXposome-Studie bekam viel Aufmerksamkeit - nicht zuletzt, weil Rabea Rogge als erste deutsche Astronautin Teil der Crew war. Was wurde untersucht?
Judith-Irina Buchheim:
Die SpaceXposome-Studie war Teil der kommerziellen Fram2-Mission: Die Raumkapsel Crew Dragon des Raumfahrtunternehmens SpaceX überflog beide Pole der Erde, ohne mit der ISS anzudocken. Ziel der Studie war es, akute Stressreaktionen von Astronautinnen und Astronauten im speziellen Setting einer dreieinhalbtägigen Free-Flyer-Mission zu analysieren. Zum Hintergrund: Astronauten können während Weltraummissionen verschiedene Immunfehlfunktionen entwickeln. Für mich war vor allem interessant zu verstehen, wie früh diese Effekte auftreten - und dafür war diese Kurzzeitmission ideal. Noch sind die Ergebnisse nicht vollständig ausgewertet, aber schon jetzt kann man sagen, dass bereits knapp vier Tage im Weltraum eine deutliche Stressbelastung darstellen, die das menschliche Immunsystem abpuffern muss. Dies gelingt zwar, doch sollte man diese Kurzzeitmissionen auch nicht unterschätzen. 

Ob der Aufenthalt im Weltraum kürzer oder länger ist, ist also von Bedeutung?
Alxander Choukér:
Beide Bedingungen führen zu einer ausgeprägten Stressantwort des Körpers. Aber es gibt, abgesehen von den stets interindividuellen Reaktionen der Menschen, einen entscheidenden Unterschied: Bei Missionen, die nur einige Tage oder Wochen andauern, werden vor allem schnellere Anpassungen durchlebt, etwa angepasste Bewegungsabläufe. Auch das Immunsystem reagiert schon, aber wie es scheint, sind diese Reaktionen meist von kurzer Dauer, also reversibel. Langzeitmissionen von mehreren Monaten führen hingegen für jedes Organ mit einem eigenen Anpassungszeitraum zu tiefgreifenden Veränderungen - und diese können durchaus mögliche Langzeitfolgen haben. 

Welche Langzeitfolgen sind bekannt?
Judith-Irina Buchheim:
Es gibt eine Vielzahl an Langzeitveränderungen. Der bekannteste Effekt ist der Verlust an Knochendichte und, je nach Trainingseffizienz, auch der an Muskelmasse. Zeitgleich fördern die Immunveränderungen häufig die Entstehung von juckenden Hautausschlägen, die am Hals oder an anderen Stellen des Körpers auftreten können. Sie sind manchmal schwierig zu behandeln, weil wir den auslösenden Mechanismus noch nicht verstanden haben. Die kopfwärts gerichtete Flüssigkeitsverschiebung führt, wie wir inzwischen wissen, zu einem Aufschwimmen des Gehirns im Schädel und einer Gehirnschädigung, wahrscheinlich ausgelöst durch einen erhöhten Druck im Kopf. Vermutlich bedingt durch die Veränderung der Flussbedingungen in den großen Halsgefäßen, besteht außerdem ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Blutgerinnseln, die prinzipiell lebensbedrohlich sind. Der dokumentierte Fall einer solchen Thrombose wurde zufällig im Rahmen eines Forschungsprojekts entdeckt und konnte auf der ISS mit Gerinnungshemmern gut behandelt werden. Dieser Fall veränderte jedoch die Screening- und Monitoring-Strategie für Astronauten - ein gutes Beispiel für eine Versorgungsverbesserung durch Forschung.

Kann die die Erforschung von Anpassungsprozessen im All auch für die Prävention oder Therapie von Erkrankungen auf der Erde genutzt werden?
Alexander Choukér:
Die Erforschung des Weltraums ist zugleich eine Erforschung der menschlichen Gesundheit und ihrer Erhaltung beziehungsweise Wiederherstellung. Beispielsweise haben Kollegen durch die tiefgreifenden Erkenntnisse über die Veränderungen des Bewegungsapparats unter dem Einfluss der Schwerelosigkeit gelernt, wie Knochen und Muskeln mit modernen Rehabilitationskonzepten wieder gestärkt werden können. Neben dem beschleunigten Abbau von Muskeln und Knochen gibt es weitere bemerkenswerte Parallelen zur natürlichen Alterung der Menschen auf der Erde, etwa in Bezug auf das Immunsystem. Mit Unterstützung durch das nationale Raumfahrtprogramm des DLR, durch die ESA und einige Partnerraumfahrtagenturen konnten wir Alterungsprozesse des Immunsystems bei Langzeitmissionen beobachten. Alle bisherigen Beobachtungen zeigen auf, dass typische altersbedingte Erscheinungen wie eine Verkleinerung des Immunorgans Thymus, eine Reaktivierung,schlafender' Herpesviren oder auch Inflammaging - also eine chronische, niedriggradige Entzündung, die mit fortschreitendem Alter zunimmt - auch beim Raumflug auftreten. Interventionen zur Stärkung der Immunresilienz des Menschen, etwa durch Lebensstil, Ernährung, Probiotika oder pharmakologische Strategien, sind mitentscheidend, um die Effekte von Altern auf das Immunsystem zu mildern: sowohl während des Weltraumflugs als auch hier auf der Erde. 

Sogar das Gehirn unterliegt bei Langzeitaufenthalten im Weltraum starken Veränderungen, die im Ergebnis Ähnlichkeiten mit Alterungsprozessen aufweisen, wie die Forschung von Professor Peter zu Eulenburg zeigt. Die Anpassung an Schwerelosigkeit beeinträchtigt den Abfluss des venösen Bluts aus dem Kopf. Damit einher geht ein Druckanstieg der Hirnflüssigkeit, was strukturelle Veränderungen und Kompressionen im Gehirn bewirkt. Nun geht es darum, Wege zu finden, die neurologischen Risiken bei Langzeitmissionen zu minimieren. Aber die Ergebnisse helfen uns auch, die Mechanismen von Hirndruck und Hirnabbauprozessen bei altersbedingten beziehungsweise neurodegenerativen Erkrankungen besser zu verstehen.

In einem Projekt für die ESA haben Sie die Mechanismen des Winterschlafs erforscht, den manche Tierarten nutzen, um widrigen Umweltbedingungen zu trotzen. Wären auch Menschen zu einem Winterschlaf fähig?
Alexander Choukér:
Das Konzept ´Winterschlaf', das einen im Tierreich auftretenden Zustand darstellt, um vorübergehende ungünstige Umweltbedingungen wie Nahrungs- oder Wassermangel zu überbrücken, ist für die Raumfahrt tatsächlich sehr interessant. Gelänge es, Menschen in Winterschlaf zu versetzen, würden wir uns der Durchführung eines bemannten Fluges zum Mars deutlich annähern. Die Astronauten und Astronautinnen könnten den etwa 260 Tage dauernden Flug im inaktiven Zustand verbringen und dabei einen Großteil an Wasser, Nahrung und anderen Ressourcen einsparen. In ihrem Schlaf würde die Crew nicht einmal maßgeblich altern. Wobei ´Schlaf' eigentlich das falsche Wort ist. Vielmehr handelt es sich um eine Form der Inaktivitätsphase, bei der der Stoffwechsel und damit die Körpertemperatur heruntergefahren sind. Sehr spannend ist, dass bei den Winterschläfern im Tierreich die Gewinnung der minimal benötigten Energie nicht länger durch Zucker-, sondern durch Fettabbau erfolgt, was die Notwendigkeit einer regelmäßigen Nahrungsaufnahme beseitigt. Aber auch Organe wie Gehirn, Nieren und Immunsystem zeigen Anpassungen, die wieder umkehrbar sind und Parallelen zu den Anpassungen der menschlichen Organe an Stress erkennen lassen. Unsere Forschung stützt deshalb die Idee, dass menschlicher Winterschlaf grundsätzlich möglich ist. 

Die Neumayer Station befindet sich auf dem Schelfels der Antarktis und ist die Basis der deutschen Antarktisforschung. Viele der hier erzielten Untersuchungsergebnisse liefern auch wichtige Erkenntnisse für die Raumfahrt.    Foto: Prof. A. Choukér/LMU Klinikum München
Die Neumayer Station befindet sich auf dem Schelfels der Antarktis und ist die Basis der deutschen Antarktisforschung. Viele der hier erzielten Untersuchungsergebnisse liefern auch wichtige Erkenntnisse für die Raumfahrt.    Foto: Prof. A. Choukér/LMU Klinikum München

Wäre ein menschlicher Winterschlaf auch für die Medizin auf der Erde von Bedeutung?
Alexander Choukér:
Auf jeden Fall. Beispielsweise könnten Intensivpatienten profitieren, oder man könnte die Möglichkeit des Winterschlafs für die Kontrolle von Stoffwechselstörungen nutzen. Spannend ist auch die Verlängerung der Lebenszeit der Tiere: Sie verlängert sich ungefähr um die Zeit, die sie im Winterschlaf verbringen. Das könnte, wenn man die Mechanismen verstanden hätte und diese dann auf Menschen übertragen könnte, einen neuen Ansatz für die Steuerung von Alterungsprozessen und die Rolle des Stoffwechsels bieten. Bis dahin ist der Weg noch lang, aber es wäre zweifellos ein Gamechanger in der Medizin. 

Ein ESA-Projekt untersucht die Wirksamkeit von Achtsamkeits- und Entspannungsübungen - könnte dies die mentale Gesundheit von Raumfahrtcrews stärken?
Judith-Irina Buchheim:
Das ist ein spannendes Thema, das vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen wäre. Grundsätzlich hat sich aber auch hier auf der Erde unsere Wahrnehmung von Achtsamkeit und anderen Entspannungstechniken verändert. So haben Atemübungen als Empfehlung zur Stressreduktion und zum Erhalt der Immungesundheit in vielen Bereichen Einzug gehalten. Diese einfach durchzuführende und nicht invasive Gegenmaßnahme ist bereits Teil einer offiziellen Präventivstra
tegie für sogenannte Deep-Space-Missionen. Ein bekanntes Foto zeigt die ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti beim Yoga auf der ISS.

Ein Kollaborationspartner von der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand ist Psychologe und Experte für Mentalgesundheit, und zusammen kamen wir auf die Idee, Entspannungstechniken auf der ISS in Kombination mit biologischen Stressmarkern zu untersuchen. Erfreulicherweise war es kein Problem, interessierte Astronautinnen und Astronauten für diese Untersuchung mit dem Namen ,RelaxPro' zu gewinnen, und wir sind gespannt auf die ersten Ergebnisse. Der große Vorteil ist die recht einfache Umsetzung. Falls wir in Zukunft mehr medikamentöse Therapien im Weltraum einsetzen müssen - was zu erwarten ist - fehlt uns noch einiges an Know-how dazu, wie Medikamente in der Schwerelosigkeit wirken. Für einen Teil gibt es Erfahrungswerte, jedoch wirken nicht alle Medikamente bei jedem Astronauten gleich. Gerade deshalb sind nicht invasive Präventivmaßnahmen wie Achtsamkeitsübungen auch in der Raumfahrt so attraktiv geworden. 

Wie stressfördernd ist es, mit anderen für eine längere Zeit auf so engem Raum zu leben?
Alexander Choukér:
Das ist eine wichtige Frage, die sich jedoch nicht so einfach beantworten lässt. Die Bedingungen der räumlichen Enge in kleineren Gruppen, etwa während eines Langzeitaufenthalts auf der ISS, können zu vielfältigen und nicht immer vorhersagbaren Dynamiken führen. Um sie genauer untersuchen zu können, helfen kontrollierte, künstliche' Isolationsstudien, etwa in einem Forschungszentrum, oder auch unter realen Bedingungen einer Isolation, wie dies etwa das Überwintern in der Antarktis bietet. Vor allem die ISS-Crewmitglieder sind jedoch sehr gut und sehr lange auf ihre Mission vorbereitet und speziell für diese Umwelt ausgebildet worden. Nichtsdestotrotz stellt eine solche Mission immer große Anforderungen an jeden einzelnen. Muss die Crew unvorhergesehene Ereignisse bewältigen, erhöht sich das Stressniveau noch einmal.

Judith-Irina Buchheim: Grundsätzlich sind Astronauten sehr gute Teamplayer, und die besondere Erfahrung, gemeinsam auf der ISS zu leben, schweißt zusammen und stiftet Freundschaften fürs Leben. Als zum ersten Mal in der Geschichte der ISS eine Crew wegen eines medizinischen Notfalls zügig evakuiert werden musste, haben wirklich alle Astronauten auf der Erde mitgefiebert. Aber man hat auch gesehen, dass in der Antarktis, vor allem in der Zeit, in der die Sonne nicht mehr aufgeht und es dunkel bleibt, Probleme mit der Teamdynamik auftreten können. Anekdotisch kam es immer wieder zu psychischen Auffälligkeiten einzelner Personen, da aufgrund der erhöhten Stressbelastung kein Coping mehr möglich war. Man nennt dies auch ´Third Quarter Phenomenon', ein Begriff, der in den 1990er-Jahren geprägt wurde und das Auftreten eines psychologischen Tiefs sowie ein Absinken der Stimmung und der Arbeitsmoral beschreibt. Hier zeigt sich, dass Isolation nach einer Weile, wenn die Euphorie abgeklungen ist, sehr stressfördernd ist. Die Frage ist also, welche Maßnahmen solche Stimmungstiefs in Isolation vermeiden können. Das ist Gegenstand aktueller Forschung.

Ist es überhaupt erstrebenswert, dass sich Menschen eines Tages auf einem anderen Planeten ansiedeln (können)?
Alexander Choukér:
Hierzu gibt es viele Meinungen, Fantasien und schlicht Science-Fiction. Zunächst glaube und hoffe ich, dass Menschen mit einem vertretbaren Risiko für ihre Gesundheit unseren Nachbarplaneten Mars erreichen und erforschen werden. Denn es bestehen viele offene Fragen, die die Planetenforscher dort herausfinden müssen, etwa ob es Biosignaturen früheren oder - dann eher in der Tiefe - Hinweise auf bestehendes Leben gibt, oder auch wie bestimmte Steinformationen und abgelagerte Materialien (sogenannte Sedimente) geologische und klimatische Veränderungen zu rekonstruieren helfen. Hierfür benötigen wir Menschen direkt vor Ort, um unvorhergesehene Entdeckungen sofort analysieren und interpretieren und ihre Experimente dann dynamisch anpassen zu können. So wie es die astronautische Raumfahrt seit Jahrzehnten ermöglicht, so werden auch Reisen zum Mars viel Kreativität und Innovation mit sich bringen, was wiederum neue Perspektiven für unser Leben auf der Erde eröffnen wird. Aber ansiedeln? Im Sinne einer Kolonie? Nein, das ist nicht erstrebenswert und sollte lieber eine Utopie bleiben. Der Erhalt des Lebens auf unserem ´Raumschiff Erde' sollte immer den größten Stellenwert behalten. Besser, glücklicher und vor allem gesünder als hier werden wir sehr wahrscheinlich nirgendwo leben können!



Das Interview führte Nicole Schaenzler


IM PORTRÄT

PROFESSOR DR. ALEXANDER CHOUKÉR

Foto: LMU Klinikum München
Foto: LMU Klinikum München

Professor Alexander Choukér ist Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie und Leiter des Forschungslabors "Translational Research Stress and Immunity“ am LMU Klinikum München. Gemeinsam mit seinem Team hat er zahlreiche experimentelle, klinische und raumfahrtbezogene Studien zu stressassoziierten Auswirkungen auf das Immunsystem durchgeführt - immer mit dem Ziel, gesundheitliche Risiken sowohl für Raumfahrtcrews als auch für Patienten auf der Erde zu minimieren. Professor Choukér ist Vorsitzender und aktives Mitglied mehrerer Beratungsgremien, darunter verschiedener Raumfahrt- und Nicht-Raumfahrt-Gremien europäischer Organisationen.

PRIVATDOZENTIN DR. JUDITH-IRINA BUCHHEIM

Foto: LMU Klinikum München
Foto: LMU Klinikum München

Privatdozentin Dr. Judith-Irina Buchheim ist Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie und ebenfalls am Forschungslabor "Translational Research Stress and Immunity“ am LMU Klinikum München tätig. Sie ist Vorsitzende und aktives Mitglied in Beratungsgremien der ESA. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Weltraummedizin und die Anpassung des menschlichen Körpers an extreme Umweltbedingungen; hierfür war und ist sie Studienleiterin zahlreicher internationaler Projekte.

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 25.04.2026

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