An der Südspitze der Halbinsel von Baja California - zu Deutsch Niederkalifornien - gelegen, nimmt der Bezirk Los Cabos eine geologisch einzigartige Lage ein. Wie ein Riegel erstreckt sich der Gebirgszug der Sierra de la Laguna zwischen beiden Küstenlinien: dem Pazifik im Westen und der „Sea of Cortez im Osten, die die Halbinsel von Mexikos Festland trennt.
Im County Los Cabos geben sich traditionelle und moderne Baustile die sprichwörtliche Klinke in die Hand: mit Referenzen zu Kolonialstil, Pueblo- und Adobe-Bauweise und zeitgenössischen Einflüssen. Manch Fassade leuchtet in bunten Farben, die von den spanischen Einwanderern aus dem 16. und 17. Jahrhundert herrühren - daneben finden sich Bauten mit abgerundeten Kanten in erdigen Naturtönen, die von der heimischen indigenen Kultur der Lehmbauten zeugt.
Dann sind da noch kubische Formen und monumentale Flächen, die an den wohl größten mexikanischen Architekten erinnern: Luis Barragán. Der aus Guadalajara stammende Ingenieur lebte von 1902 bis 1988 und erhielt 1980 mit dem Pritzker-Preis für Baukunst den wohl renommiertesten Preis der Branche. Barragáns Kennzeichen: geradlinige und weitreichende Flächen, oft in kräftigen Primärfarben verputzt. Als ikonische Beispiele gelten der modernistische Bau "La Cuadra San Cristobal“ oder die "Casa Barragán“ von 1948 in Mexiko-Stadt.


Zurück nach BCS, so lautet die Abkürzung für Baja California Sur. Ein Rundtrip von Cabo San Lucas über Todos Santos nach San José del Cabo zeigt die gesamte architektonische Vielfalt des südlichsten Countys, das am Breitengraddes „Tropic of cancer“ liegt - dem Wendekreis des Krebses. Das Klima erweist sich als semiarid, mit wenig Niederschlägen und hohen Temperaturen. Prägende Natur-Elemente sind das Meer und die Wüste des Hinterlands mit dem Gebirgszug der Sierra. All diese Faktoren beantwortet die Architektur mit ihren charakteristischen Formen und Materialien.
Dieschon erwähnten Kolonialbauten stehen für spanischen Einflüsse - erkennbar an verzierten Fassaden in bunten Farben, an Balkonen, Arkaden und Bögen. Die Innenhöfe, Patio genannt, dienen dabei mit reichem Pflanzenbewuchs als grüne Oase. Ein Beispiel hierfür ist die Stadt Todos Santos nahe der Pazifikküste auf einem Tafelberg gelegen. Typisch sind hier die rotgrundigen, massiven Backsteinhäuser. Manches ältere oder neue Gebäude ist auch in Lehmbauweise errichtet, welche für Kühlung und Isolierung sorgt. Die buchstäbliche Erdverbundenheit steht für die starke Beziehung zur Natur sowie als Hommage an die Umgebung.
Neben Elementen der Pueblo-Architektur findet sich auch der Pueblo-Revival-Stil, zwei verwandte, aber unterschiedliche Konzepte. Pueblo-Architektur bezeichnet den traditionellen Baustil der indigenen Pueblo-Völker in Mexiko und im Südwesten der USA, der sich durch Lehmziegelbauten, Flachdächer und runde Formen auszeichnet, mitunter in Adobe-Bauweise errichtet, das heißt, aus sonnengetrocknetem Schlamm, häufig in Erdtönen gestrichen, um sich an die Umgebung anzupassen. Viele Gebäude dieses Stils haben abgerundete Fassaden mit quadratischen Fenstern, die das Aussehen traditioneller Gebäude der Pueblo-Indianer nachahmen. Die Gebäude sind oft von niedrigen Mauern umgeben und können eingebaute Bänke, sogenannte Bancos, aufweisen.


Der Pueblo-Revival-Stil hingegen entstand Anfang des 20. Jahrhunderts. Er orientiert sich an den traditionellen Bauten und simuliert seine Merkmale wie dicke, niedrige, abgerundete Wände, kombiniert diese aber mit Wesenszügen der Kolonialarchitektur. Ein Mix diverser Einflüsse und Inspirationen also. Reinen Tisch machte dagegen Barragán himself - seine Formensprache aus klaren, geraden Linien und Flächen steht für eine architektonische „tabula rasa“, indem er das Vokabular heimischer Traditionen weiterentwickelte und mit dem Geist der Moderne verband. Muchas gracias, Luis Barragán!
FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 07.07.2025