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Viele Fragen, wenig konkrete Antworten

Trotz aller Bedenken: Kl ist mittlerweile auch in der Schule angekommen (siehe Beispielfoto oben). Wie das Lehrpersonal diese neue Technologie erkennen und nutzen kann, ist noch nicht geklärt. Foto: Adobe Stock

BILDUNG AKTUELL

Viele Fragen, wenig konkrete Antworten

Auf die Herausforderungen von KI im Schulunterricht reagiert die KMK zurückhaltend

Ein dreiviertel Jahr kann eine Ewigkeit sein. Im Arbeitsleben wie in der Schule. Gerade beim Thema Künstliche Intelligenz (KI). Denn was vor ein paar Monaten noch für Aufregung sorgte, wird allmählich zum Alltagsgeschäft, allen berechtigten Besorgnissen zum Trotz. So hatte die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz (KMK) im Januar ihren Ministerinnen und Ministern empfohlen, KI-Chatbots erst ab der achten Klasse einzusetzen.

Didaktik, Prüfungen, Lehrerbildung, Chancengleichheit mit KI?

Im Herbst folgte die Erwiderung der Kultusministerkonferenz (KMK). Im diplomatischen Ton hält sie einen „Verzicht auf KI-Sprachmodelle in der Grundschule und in den ersten Jahren der Sekundarstufe I, wie ihn die SWK empfiehlt, (für) erörterungsbedürftig.“ Aus gutem Grund: KI-Chatbots, aber auch KI-Photo-, Audio- und Videobearbeitungs-Software sind inzwischen Alltag bei vielen Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 13 Jahren.

Der Erörterungswunsch der KMK ist daher richtig und wichtig, zeigt aber auch, wie sehr Politik und Kultusbürokratie der Realität hinterherhinken. Was auch die „Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen“ vom Oktober bestätigt - ein 16-Seiten-Werk, in dem auch das obige Zitat zu finden ist.

Die Ministerinnen, Minister und ihre beamteten Bildungsprofis formulieren darin ihre aktuellen Vorstellungen zum Einfluss von Kl auf Didaktik, Prüfungen, Lehrerbildung, Regulierung und Chancengerechtigkeit. Manches hat man so oder ähnlich schon gelesen, beispielsweise die Idee, dass „alle Lernenden entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen passgenau zu fördern“ seien. Kl könne dabei helfen, meint nun die KMK. Wie, bleibt jedoch offen.

Bisweilen werden die Kultus- und Bildungschefinnen und -chefs auch konkreter. Etwa wenn sie anmerken, dass „KI vielfältige Möglichkeiten zur Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen“ bieten könne und dann zwei sehr nachvollziehbare Beispiele nennen: automatische Bildbeschreibungen sowie die Transkription von Texten in Leichte Sprache. Themen, die übrigens Ende November sehr ausführlich in Erfurt auf einem Kongress der „Aktion Mensch“ mit vielen Praxisbeispielen diskutiert wurden.

Die Hase-Igel-Situation nicht nur der Kultusbürokratie, sondern auch vieler Lehrerinnen und Lehrer zeigt sich an den KMK-Empfehlungen zur „Veränderung der Prüfungskultur durch KI“. Dort finden sich viele allgemeine Aussagen wie„KI-Anwendungen können den Lehrkräften (...) Unterstützungspotenziale im Korrektur- und Bewertungsprozesses bieten“, ergänzt um die Stichworte: „Vorkorrektur, Korrekturassistenz und anschließende adaptive Lernunterstützung“. Dann wird es fast kryptisch: „Sofern bei der Erstellung eines Produkts Kl genutzt wird, soll bei der Leistungsmessung im Rahmen einer Präsentation und insbesondere in der Verteidigung zusätzlich die versierte Koaktivität und die Fähigkeit, die Ergebnisse zu reflektieren, berücksichtigt werden.“ Mal abgesehen davon, dass viele Deutsch-Lehrende ein Fragezeichen in Sachen Stilistik setzen würden, übergeht die KMK das Grundproblem: Woran erkennt die Lehrkraft die Nutzung von KI? Das mag im Rahmen einer Präsentation durch die jeweiligen Schülerinnen und Schüler möglich sein, doch wie umgehen mit dem Verdacht, dass zwanzig bis dreißig Aufsätze von einem KI-Bot formuliert wurden? 

Die Antwort scheint einfach: Die Lehrkräfte müssen„professionalisiert“ werden, wie die KMK formuliert. Das Ländergremium fordert, dass KI in allen Phasen der „Lehrkräftebildung“ einzubetten sei, also an der Uni, im Referendariat und dann an der Schule. Aber was machen die derzeit rund 180.000 Lehrerinnen und Lehrer, die in diesem Schuljahr mit den rasanten KI-Fortschritten umgehen müssen? Ein Lichtblick ist, dass die obersten Schulverantwortlichen vor diesem offensichtlichen Problem nicht die Augen verschließen.„Lehrkräfte zu kontinuierlichem Lernen und zur Anpassung an neue Technologien zu ermutigen, heißt auch, ihnen die notwendigen Ressourcen und Freiräume zur Verfügung zu stellen“, heißt es in dem Papier. Eine Aussage, die vermutlich zahlreiche Schulleiterinnen und Schulleiter in den nächsten Momenten von ihren Pädagoginnen und Pädagogen zu hören bekommen.


kra

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 13.12.2024

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