
Wer seinen Blick gerne über die aktuellen Immobilienangebote schweifen lässt, bleibt sicherlich auch mal bei dem ein oder anderen großen Haus aus vergangenen Tagen hängen. Aus heutiger Sicht wurde da mitunter fast schon verschwenderisch mit dem Platz umgegangen, und das nicht mal nur bei ausgesprochen herrschaftlichen Villen oder Ähnlichem. In Zeiten, in denen man beim Wohnen in den Städten immer näher zusammenrücken muss, in denen man möglichst wenig zusätzliche Fläche versiegeln möchte und in denen beim Baugrund aus Kostengründen um jeden Zentimeter gebuhlt wird, ist der überlegte Umgang mit Raum das Gebot der Stunde.
Das hat aber nichts mit Mangelverwaltung zu tun, sondern vielmehr mit zeitgemäßen Konzepten für das Bauen: Ein Weniger an Platz kann ein Plus für die Architektur sein, wie der Autor Thomas Drexel in seinem neuen Buch „Kleine Häuser unter 120 m²“ eindrucksvoll zeigt. Er präsentiert 25 Wohngebäude, die trotz ihrer kleinen Ausmaße so richtig viel hermachen. Wie kann das gelingen? Durch eine überlegte Planung, Offenheit für neue Herangehensweisen und die Fokussierung aufs Wesentliche. Egal ob Neubau oder Umgestaltung im Bestand.
Wer eines von beidem vorhat, findet in dem Buch gleich zu Beginn einen verständlich und fundiert geschriebenen Leitfaden für den Start und die Umsetzung des kleinen großen Wohnens. Und wenn das eigene Haus dann so gelingt wie all die gezeigten Beispiele, dann kann man sich wohl glücklich schätzen. Wie etwa die Besitzerin eines ehemaligen Tagelöhner-Hauses in Oberbayern.
Es wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet und bezaubert heute durch seine schlichte Eleganz und die clevere Nutzbarkeit von gerade mal 70 Quadratmetern Wohnfläche. Baugeschichte mit Weiterführung ins Heute: eine echte Inspiration.
Kai-Uwe Digel
Erschienen im Tagesspiegel am 05.04.2025