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Verdächtige Schmerzen an Kiefer und Zähnen

Sogar eine dauerhaft ungünstige und/oder einseitige Körperhaltung kann zu einer CMD führen. Foto: Adobe Stock

Forum Spitzenmedizin

Verdächtige Schmerzen an Kiefer und Zähnen

Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) können viele Auslöser haben - das kann auch ein falsch sitzendes Implantat sein

Funktionsstörungen im Kausystem, von Fachleuten Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) genannt, werden von spezialisierten Zahnärzten schon seit vielen Jahrzehnten mit Aufbissschienen behandelt. Sie sollen zunächst einmal die Zahnsubstanz schützen. Außerdem können problematische Störungen im Zusammenspiel von Zähnen, Kiefergelenken, Kaumuskulatur und neuromuskulären Abläufen und die dadurch entstehenden Beschwerden gelindert werden. Für diese Beschwerden gibt es vor allem zwei Auslöser: Sehr oft liegt der Grund in psychischen Belastungen und Stress. Daneben kann eine Störung der harmonischen Zahnkontakte vorliegen, in diesem Fall ist von einer Okklusionsstörung die Rede. In einigen Fällen liegt das an einer angeborenen Zahnfehlstellung. Ursache dafür kann aber auch ein falsch sitzendes Implantat oder ein anderer fehlerhaft angepasster Zahnersatz wie Krone oder Brücke sein. Oder eine Lücke im Gebiss nach Zahnverlust, denn wenn diese nicht geschlossen wird, verlieren die Nachbarzähne den Halt und können sich in Bewegung setzen. Auch fehlerhafte kieferorthopädische Behandlungen können verantwortlich sein. Schließlich kann sich auch eine schlechte Körperhaltung schädlich auswirken, besonders bei Menschen, die viel am Schreibtisch arbeiten müssen oder ihren Körper einseitig belasten.

Osteopath Zubair Butt hat an der renommierten British School of Osteopathy studiert. Seit 2010 praktiziert er als selbstständiger Heilpraktiker mit Schwerpunkt Osteopathie und Chiropraktik in München und Starnberg. In seiner Praxis sieht er eine wachsende Zahl von Patientinnen und Patienten, die er wegen Störungen im Kieferbereich behandelt. Foto: privat
Osteopath Zubair Butt hat an der renommierten British School of Osteopathy studiert. Seit 2010 praktiziert er als selbstständiger Heilpraktiker mit Schwerpunkt Osteopathie und Chiropraktik in München und Starnberg. In seiner Praxis sieht er eine wachsende Zahl von Patientinnen und Patienten, die er wegen Störungen im Kieferbereich behandelt. Foto: privat

Viele Menschen bauen Stress ab, indem sie mit den Zähnen knirschen, das Phänomen wird Bruxismus genannt. Das Ergebnis können abgeschliffene, abradierte Zähne sein, Oberund Unterkiefer fügen sich dann nicht mehr harmonisch ineinander. Im Lauf der Zeit verkürzen sich die Zähne immer mehr. Folge ist die Diagnose Abrasionsgebiss, mit einem möglichen Zahnsubstanzverlust von mehreren Millimetern. Man kann sich vorstellen, dass dies nur unter massiver Muskelanspannung vor sich gehen kann und zu dauerhaften Verspannungen und Schmerzen der Kau-, Kopf- und Gesichtsmuskulatur führt, ja sich muskulär bis in den Nacken, die Schultern, in den Rücken und darüber hinaus auswirkt. Und nicht nur das. Auch Beschwerden wie Migräne, Tinnitus und Schwindel können aus der Funktionsstörung resultieren. Auch andersherum wird ein Schuh daraus: Auch Erkrankungen, die nicht direkt den Kiefer betreffen, können Fehlfunktionen hervorrufen. Ein gut vernetzter Zahnarzt kooperiert deshalb mit Therapeutinnen verschiedenster Richtungen wie Physiotherapie, Osteopathie, Prototherapie, Logopädie, Atlastherapie (bei Fehlstellungen des obersten Halswirbels), Kiefer- und Kiefergelenkchirurgie, Rheumatologie, Psychosomatik, Schmerzmedizin und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.

Neben Schmerzen im Kieferbereich gibt es weitere Alarmsignale, auf die man achten sollte: Knackt das Kiefergelenk, wenn der Mund geöffnet und geschlossen wird? Ist die Mundöffnung blockiert? In die Mundöffnung sollten mindestens drei Finger in einer Reihe passen, lässt sich der Mund nicht weiter öffnen, sollte das abgeklärt werden.

Osteopathie kann helfen

Zubair Butt ist ein erfahrener Osteopath, der sein vierjähriges Studium an der renommierten British School of Osteopathy 1991 abgeschlossen hat. Seit 2010 praktiziert er als selbstständiger Heilpraktiker mit Schwerpunkt Osteopathie und Chiropraktik in seinen beiden Praxen in München und Starnberg. In seiner Praxis sieht er eine wachsende Zahl von Patientinnen und Patienten, die er wegen Störungen im Kieferbereich behandelt. Ein Teil dieser Patienten kommt auf Anraten der Zahnärzte zu ihm, bei denen sie sich wegen Schmerzen im Kieferbereich vorgestellt haben. Wird der Grund dafür in nächtlichem Knirschen vermutet, so versorgt der Zahnarzt den Kranken womöglich mit einer Aufbissschiene - zum Schutz der Zähne. Zubair Butt: „Der Hauptkiefermuskel ist der stärkste Muskel des Körpers. Doch während beim Essen eine Belastung von acht Kilogramm auf die Zähne ausgeübt wird, liegt das Gewicht beim nächtlichen Knirschen bei 50 Kilogramm!“ Möglicherweise führt der Zahnarzt die Beschwerden aber auch darauf zurück, dass die obere und untere Zahnreihe beim Beißen nicht harmonieren. Die Behandlung einer solchen Okklusionsstörung, die mehrere Monate in Anspruch nehmen kann und oftmals sehr kostenintensiv ist, kann ebenfalls mit einer Kunststoffschiene erfolgen. Die Zähne verändern ihre Lage, indem die Schiene in regelmäßigen Abständen neu angepasst wird, bis sie durch den Druck der Schiene in die gewünschte Position gebracht worden sind. Der behandelnde Zahnarzt kann sogar in Erwägung ziehen, die Bisslage durch Veränderungen an den Zähnen selbst zu ändern. „Wir begleiten die Behandlung der Zahnärzte, indem wir muskuläre und fasziale Verspannungen in dem betroffenen Bereich lösen“, erklärt Butt.

Es gibt aber auch Patienten und Patientinnen, die mit Beschwerden in die Praxis kommen, die sie gar nicht mit dem Kiefergelenk in Verbindung bringen. Das kann Tinnitus sein“, sagt Butt, „oder sie klagen über Kopfschmerzen, Migräne, Schwindel, Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich, ja sogar Ischiasbeschwerden, die in den Oberschenkel ausstrahlen können.“ Beim ersten Besuch sucht der Osteopath sorgfältig nach möglichen Ursachen: “Wir machen eine Ganzkörperanalyse, betrachten die Gesamtstatik und analysieren die Kieferbewegungen. Wir sehen und tasten Spannungszustände in Kiefer- und Halswirbelmuskeln, auch Schädelknochenbewegungen. Mit Bewegungen, die unsere Patienten kaum wahrnehmen, finden und lösen wir Spannungen der Hirnhäute.“ Immer ist es das Ziel, Spannungen und Blockaden zu lösen, Dysbalancen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Experten betonen heute, das einzelne Körperbereiche bei einer CMD nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Fehlstellungen des Kiefers können den gesamten Rücken verspannen (absteigende Kette), ebenso wie Fehlhaltungen aus dem Becken in den Kiefer aufsteigen können“, erklärt Butt. Organe und Muskeln sind nämlich von Hüllen aus kollagenem Bindegewebe umgeben, die miteinander in Ketten verbunden sind. „Für den Behandler einer CMD stellt sich die Frage: Handelt es sich um eine aufsteigende oder absteigende Kette“, erläutert Butt. Handelt es sich um eine aufsteigende Kette, führt die Heilung über die manuelle Therapie. „Häufig“, so Butt, „finden wir als Ursache für CMD eine Blockade der Brust- bzw. Halswirbelsäule.“ Bei absteigenden Ketten kann von einem Fehler im Aufbiss ausgegangen werden. Zur Ursachenklärung verrät Butt einen einfachen Trick. Im Handel sind sogenannte Aqualizer erhältlich, mit Flüssigkeit gefüllte Bisskissen, die den Kontakt der Zähne verhindern und den Kaudruck gleichmäßig verteilen. Wenn die Schmerzen dann weggehen, ist der Knackpunkt der Kiefer. Letztendlich ist die Ursachensuche bei CMD knifflig, da meist mehrere Faktoren bei der Entstehung der Erkrankung eine Rolle spielen. Dabei steht für Zubair Butt außer Zweifel: Psychischer Stress spielt immer hinein, wenn es um körperliche Spannungszustände geht, und sollte stets mitberücksichtigt werden.
Sona Hähnel


Wichtig zu wissen

Zum Kiefer gehören Ober- und Unterkiefer, also die Bereiche des Schädelknochens, in denen die Zähne verankert sind. Verbunden sind die beiden durch die Kiefergelenke. An den Enden des Unterkiefers liegen die Gelenkköpfe. Sie liegen zusammen mit den Gelenkscheiben beweglich in den Gelenkgruben des Felsenbeins, eines Teils des Schläfenbeins. Die umgebenden Muskeln und Bänder ermöglichen die typischen Kaubewegungen: Der Kiefer öffnet und schließt sich, der Unterkiefer schiebt vor und zurück, die Gelenkköpfe machen mahlende Bewegungen.
Sona Hähnel

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 25.04.2026

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