Als Leistungssportler würde sich Linus F. nicht bezeichnen. Dennoch trainiert der 25-jährige Hobbyhandballer fast täglich: zweimal pro Woche abends gemeinsam mit den Mannschaftskollegen in der Halle und an mindestens zwei weiteren Abenden für sich allein, um sich mit Konditions- und Krafttraining fit zu halten. Körperliche Aktivität ist ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Und es stimmt ja auch: Sport ist gesund und stärkt das Herz - aber nur, wenn der Organismus nicht durch eine Erkrankung geschwächt ist. Dann kann schon eine leichte Anstrengung dem Körper schweren gesundheitlichen Schaden zufügen, wie Linus F. inzwischen weiß. Das erste Mal merkte der angehende Lehrer während des Mannschaftstrainings, dass etwas nicht stimmte: „Ich fühlte mich schlapp und verspürte leichte Schmerzen in meiner Brust“, erinnert er sich. Am nächsten Tag ging es ihm kaum besser, selbst das Treppensteigen bereitete ihm Mühe. Für Linus F. jedoch kein Grund, das Bett zu hüten: „Es stand ein wichtiges Spiel an, das wollte ich auf keinen Fall verpassen. Also nahm ich eine Tablette gegen die Brustschmerzen und verschwieg dem Trainer mein Unwohlsein“, erklärt er. Nach dem Spiel bekam er dann jedoch so starke Kreislaufprobleme, dass ein Mannschaftskollege ihn direkt ins Krankenhaus fuhr: „Die Ärzte behielten mich gleich da. Noch am selben Abend erhielt ich die Diagnose: akute Herzmuskelentzündung.“ Die Mediziner nennen das Krankheitsbild auch Myokarditis.
Verschleppter Virusinfekt
Eine Woche lang musste Linus F. im Krankenhaus bleiben, wo er wegen Herzrhythmusstörungen - eine häufige Begleiterscheinung der Herzmuskelentzündung - rund um die Uhr monitorüberbewacht werden musste. “Auch nachdem ich das Krankenhaus wieder verlassen hatte, war erst einmal strikte Bettruhe angesagt. Bis ich wieder zur alten Form zurückfand, verging fast ein Jahr“, ergänzt er. Heute gesteht er sich ein, dass er wohl nicht genug auf die Warnsignale seines Körpers gehört hat: „Schon die Erkältung, die ich kurz vor der Herzmuskelentzündung hatte, hätte ich ernster nehmen müssen. Statt sie vollständig auszukurieren, habe ich meinen Husten einfach ignoriert und bin weiter zum Training gegangen.“ Ein verschleppter Virusinfekt ist einer der häufigsten Gründe für die Entstehung einer akuten Herzmuskelentzündung. Schon ein milder grippaler oder Magen-Darm-Infekt können zu Auslösern werden, wenn die Erkrankung nicht vollständig auskuriert ist und zu früh wieder Sport getrieben wird. Neben Viren können mitunter außerdem Bakterien, Pilze und Parasiten eine infektiöse Herzmuskelentzündung hervorrufen. Aber auch nicht-infektiöse Ursachen wie Giftstoffe, eine Strahlentherapie im Rahmen der Krebsbehandlung oder bestimmte Medikamente kommen infrage. Zudem kann eine Herzmuskelentzündung Folge einer Überreaktion des Immunsystems sein, etwa bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder einer rheumatoiden Arthritis. In diesen Fällen ist die Gefahr für bleibende Schäden am Herzen besonders groß. Es kann sein, dass der Betroffene gar nichts von der Herzbeteiligung bemerkt und der Infekt komplikationslos ausheilt. Genauso gut ist es jedoch möglich, dass es zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen oder zu einem kardiogenen Schock kommt bis hin zum Tod durch Herzversagen. Tatsächlich ist eine (unbehandelte) Entzündung des Herzmuskels ein bekannter Auslöser des plötzlichen Herztods, insbesondere bei Sportlern. Neben diesen akuten Komplikationen kann eine Myokarditis auch eine dauerhafte Schwächung der Herzmuskulatur, eine Herzinsuffizienz, zur Folge haben.
Dass der Krankheitsverlauf so unterschiedlich sein kann, gehört zu den Hürden für eine rasche Diagnose und ist auch für den erfahrenen Arzt oft nur schwer vorhersehbar. Hinzu kommt, dass die Symptome oft eher unspezifisch sind. Wenn jedoch selbst kleinere Belastungen wie Treppensteigen oder ein kurzer Spaziergang als sehr anstrengend erlebt werden, ist dies auf jeden Fall ein Alarmsignal. Oft fühlen sich die Betroffenen zudem abgeschlagen und müde. Weitere Anzeichen können Atemnot, Schmerzen in der Brust und/oder Unregelmäßigkeiten im Herzschlag wie Herzrasen oder Herzstolpern sein. Aber auch ein nahezu symptomloser Verlauf ist möglich.
Wichtig: eine eindeutige Diagnose
Zur kardiologischen Basisuntersuchung gehören ein EKG, das oft schon charakteristische Auffälligkeiten anzeigt, sowie eine Blutuntersuchung. Mit ihr lassen sich zum Beispiel erhöhte Entzündungsparameter und mitunter auch erhöhte Werte von bestimmten Herzenzymen nachweisen, die freigesetzt werden, wenn durch die Entzündung Herzmuskelzellen geschädigt wurden. Ebenso können mithilfe einer Ultraschalluntersuchung (Echokardiografie) Veränderungen am Herzmuskel festgestellt werden. Vor allem bei unklarem Befund ist eine Untersuchung mittels Magnetresonanztherapie unverzichtbar: Mit einer Kardio-MRT lässt sich der Verdacht auf eine Myokarditis meist zweifelsfrei bestätigen. Eine Gewebeprobeentnahme aus dem Herzmuskel ist heute nur noch in Ausnahmefällen notwendig. Die Behandlung richtet sich im Wesentlichen nach der Schwere der Entzündung, verfolgt aber letztlich immer das gleiche Ziel: das Herz konsequent zu entlasten. Dementsprechend steht in der Akutphase der Erkrankung eine strikte körperliche Schonung im Vordergrund. Zugleich ist es wichtig, die Herzleistung zu stabilisieren beziehungsweise bei einer beeinträchtigten Pumpleistung Medikamente zu verabreichen, die einem Fortschreiten der Herzschwäche entgegenwirken. In leichteren Fällen genügt es, die Erkrankung zu Hause auskurieren. Nicht selten ist jedoch ein längerer Krankenhausaufenthalt notwendig, etwa wenn gravierende Herzrhythmusstörungen oder eine sich akut verschlechternde Herzleistung eine ständige Monitorüberwachung erfordern.
Grundsätzlich gilt: Erst wenn sämtliche Beschwerden verschwunden sind und auch die Kontrolluntersuchungen bestätigen, dass keine Krankheitszeichen mehr nachweisbar sind, kann der Betroffene wieder sein gewohntes Alltagsleben aufnehmen. Allerdings sollte die körperliche Belastung schrittweise gesteigert werden. Bewährt haben sich zum Beispiel Spaziergänge, die mit der Zeit immer weiter ausgedehnt werden. Die beste Präventionsmaßnahme ist, darauf zu achten, dass jeder Infekt komplett ausheilen kann - auch wenn es sich nur um eine banale Erkältung handelt. Wer krank ist, gehört ins Bett oder sollte sich zumindest schonen. Nach dem überstandenen Infekt sollte man es mit dem Wiedereinstieg in den Sport langsam angehen lassen.
Nicole Schaenzler
Erschienen im Tagesspiegel am 25.04.2026