Es ist fast neunzig Meter lang und wirkt dennoch filigran: das Holz-, Glas- und Beton-Bauwerk mit seinem begrünten Flachdach und den Fotovoltaik-Modulen an der Straubinger Uferstraße, aufgeständert in unmittelbarer Nachbarschaft zur Donau. Beim jüngsten Hochwasser schien das Gebäude über der Donau zu schweben, wie ein nachhaltiger Bauhaus-Traum für das 21. Jahrhundert. Es handelt sich um das Lehr- und Forschungsgebäude der TU München (Technische Universität) für Nachhaltige Chemie am Campus Straubing, das vor knapp drei Jahren seinen Betrieb aufnahm.
Seit 2017 ist Straubing dank des TUM-Campus offiziell eine Universitätsstadt: Mit Forschung und Lehre, ausgelegt für rund eintausend Studierende. Im Wintersemester 2023/24 waren sogar 1070 eingeschrieben.
„Wissenschaftsstadt“ Straubing
Seit 2007 durfte sich die alte Wittelsbacher Donau-Metropole „Wissenschaftsstadt“ nennen; ein Titel, den die Bundesländer vergeben. Der Grund: Kurz vor der Jahrtausendwende hatte sich die Staatsregierung entschlossen, das bayerische Know-how in Sachen nachwachsender Rohstoffe in Straubing zu bündeln. Es entstand das „KoNaRo“, das „Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe“. Das 1992 gegründete „Centrale Agrar-Rohstoff Marketing- und Energie-Netzwerk“ (abgekürzt C.A.R.M.E.N. e.V.) – ein Zusammenschluss einschlägiger Unternehmen, Verbände und Gebietskörperschaften zog damals nach Straubing um. Das Technologie- und Förderzentrum (TFZ) des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus folgte. Alle drei residieren mittlerweile in einem eleganten Holz-Glas-Komplex in der Schulgasse 18. Die TU München und die Hochschule Weihenstephan-Troisdorf er-öffneten vor rund zwanzig Jahren erste Forschungseinrichtungen. Die Gründung des TUM-Campus für Forschung und Lehre vor einem Jahrzehnt waren die logische Folge. Inzwischen werden sechs interdisziplinäre Studiengänge angeboten: Biogene Werkstoffe, Biomassetechnologie, Bioökonomie, Chemische Biotechnologie, Nachwachsende Rohstoffe, Sustainable Management and Technology sowie Technologie Biogener Rohstoffe. Straubing ist dank dieser geballten Kompetenz heimliche Nachhaltigkeitshauptstadt Bayerns. Nicht nur auf dem Gebiet der Wissenschaft, sondern auch in Sachen Nachhaltigkeitsbildung für Schulen, für die berufliche Weiterbildung sowie für die Information der Öffentlichkeit.
So hat sich das C.A.R.M.E.N.-Team eine „Box“ für den Einsatz im Unterricht ausgedacht, außerdem eine mobile Ausstellung „Bioökonomie zum Anfassen: Biobasierte Produkte im Alltag“. Interessant sind die Podcasts des Vereins (Tipp: „Vom Baum zum Bau“). Das TFZ Straubing bietet zahlreiche Fachvorträge an: im Juli zur E-Mobilität oder im August zu Energie- und Rohstoffpflanzen auf der Landesgartenschau in Kirchheim.
Nicht zuletzt verfügt Straubing seit dem Frühjahr 2023 über das Mitmach-Museum Nawareum (Kurzform für Nachwachsende Rohstoffe und regenerative Energien im Museum), das gegenüber des KoNaRo-Komplexes in der Schulgasse 23a seine Heimat hat. Ein zwölf Meter hohes Holzbauwerk mit 79 Lärchenstämmen, die als Dachstützen wie als Blickfang dienen. Es ist ein Passivhaus, das durch Erdsonden und eine Wärmepumpe beheizt wird. Solarmodule sorgen für Warmwasser, Fotovoltaikpaneele auf dem Dach liefern Strom. So spannend das Äußere, so aufregend ist das Innere, mit einer multimedialen und interaktiven Ausstellung - sie ist mehrere Besuche wert. Klar, dass das Nawareum Führungen durch das Haus sowie den wunderbaren Kräuter- und Wildblumengarten anbietet, ebenso Workshops. Ein Hit sind die Rallyes „Energiefüchse unterwegs“ für Grundschulkinder und die „Energie-Rätsel“ für Kinder ab der 5. Klasse. Zusätzlich gibt es Rallyes zu Themen wie Garten, Sonne, Klima, Erneuerbare Energien, Plastik, Ernährung und Wald.
kram
Erschienen im Tagesspiegel am 13.07.2024