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Trendwende in Sachen Studium?
Trendwende in Sachen Studium?

Den Hochschulen und Universitäten gehen zwar noch nicht die Studierenden aus, doch deren Anzahl steigt erstmals seit vielen Jahren nicht mehr an. Dagegen verzeichnen private Hochschulen mit ihren zahlreichen dualen Studiengängen einen echten Zuwachs. Foto: Adobe Stock

BILDUNG AKTUELL

Trendwende in Sachen Studium?

Die Zahl der Studienanfänger an Hochschulen und Universitäten stagniert, während das duale Studium immer beliebter wird

Es war eine Klage, die viele Jahre zu vernehmen war: Immer mehr junge Menschen drängen an die Universitäten und Hochschulen, immer weniger wollen einen handwerklichen Beruf ergreifen. Der aktuelle Bildungsbericht der Bundesregierung und der Länder zeigt nun eine Trendumkehr auf: Der Akademisierungsprozess sei vorerst zum Stillstand gekommen, heißt es dort. Im Jahr 2023 haben sich 483.000 junge Menschen für ein Studium entschieden, rund 8000 mehr als im Jahr davor, aber deutlich weniger als in den Vor-Coronajahren, als sich um die 510.000 Studienanfängerinnen und -anfänger in die Hochschulen und Universitäten einschrieben. Gleichzeitig habe die Zahl der Einsteigenden in das duale System (auf 456.000) zugenommen, zumindest im Vergleich zum Jahr 2021 (mit 438.000). Doch liegt auch sie noch weit unter dem Vor-Coronajahr 2019 (mit 484.000 Neuzugängen).

Attraktiv für Studierende
aus dem Ausland

Zunächst ein Blick auf die Hochschulen. Falls sich tatsächlich auf Dauer immer weniger junge Menschen für einen akademischen Ausbildungsgang entscheiden sollten, stehen die Lehrstühle vor einem ernsthaften Problem: Wie lässt sich das stark gewachsene und hoch spezialisierte Studienangebot aufrechterhalten? Das Autorenteam des Bildungsberichts stellt daher eine Forderung auf, nämlich die nach der richtigen Balance zwischen der Autonomie von Hochschulen und einer koordinierten, zielgerichteten Abstimmung“. Ein schwieriges Thema auch und gerade wegen der Bund-Länder-Zuständigkeiten.

Ein Lichtblick ist, dass Deutschland mittlerweile auf Platz drei der Zielländer für ein Auslandsstudium steht - hinter den USA und dem Vereinigten Königreich. Gut 20 Prozent aller Masterabschlüsse und Promotionen werden inzwischen von internationalen Studierenden erworben, ist im Bericht zu lesen, in den MINT-Fächern ist der Anteil sogar noch höher. Viele dieser erfolgreichen Akademikerinnen und Akademiker wollten anschließend im Lande bleiben, stellt der Bildungsbericht fest und verweist dabei unter anderem auf eine OECD-Studie, nach der zehn Jahre nach Studienbeginn noch zirka 40 Prozent der internationalen Studierenden in Deutschland leben.

Nach einer bundesweit repräsentativen Studierendenbefragung gaben sogar 60 Prozent der internationalen Studierenden an, dass sie sich für Deutschland entschieden hätten, um nach dem Studienabschluss hier zu leben und zu arbeiten. Im Jahr 2022 waren rund 115.000 ausländische Studierende an deutschen Hochschulen und Universitäten eingeschrieben, rund 5000 mehr als im Vor-Coronajahr 2019. Die größte Gruppe kam 2022 aus den westlichen und südlichen asiatischen Ländern mit 26.000 Studierenden, darunter 16.000 aus Indien. Die zweitgrößte Gruppe kommt aus Westeuropa mit 24.000 Studierenden, darunter 5100 aus Italien.

Ein weiterer Lichtblick für die Zukunft der akademischen Lehrstätten kommt von der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK): Deren jüngste Prognose besagt, dass mittelfristig wieder mit einer Zunahme von Studienwilligen zu rechnen ist, allein aus demografischen Gründen. So rechnet die KMK damit, dass im Jahr 2033 erstmals die 500.000-Marke überschritten wird. Im Jahr 2036 sollen dieser Prognose zufolge sogar mehr 526.000 junge Menschen ein Studium aufnehmen.

Aktuell werden in Deutschland ungefähr eine halbe Million Studienabschlüsse erworben, davon gut 300.000 Erstabschlüsse (Bachelor, Staatsexamen) und 200.000 Folgeabschlüsse (Master, Promotion). Wobei die Bedeutung der Fachhochschulen in den vergangenen Jahren zugenommen hat, auch die Relevanz privater Hochschulen. Rund 20 Prozent der Bachelor- und 25 Prozent der Masterabschlüsse im Fachhochschulsektor werden inzwischen an privaten Hochschulen erlangt.

Perspektivenwechsel zu
„Vielfalt als Chance“

Doch allein durch mutmaßliche demografische Entwicklungen sowie das volatile Interesse von internationalen Studierenden - gerade in Zeiten steigenden Ausländer-Ressentiments hierzulande - lässt sich der Mangel an hoch qualifizierten akademischen Arbeitskräften nicht beheben. Dazu müssten auch soziale Ungleichheiten beseitigt werden: Nur 25 Prozent der Jugendlichen, die aus Familien ohne Akademiker-Elternteil stammen, nehmen in Deutschland ein Studium auf, bei Jugendlichen aus Akademikerfamilien liegt der Anteil hingegen bei 78 Prozent. Ein Problem, das schon seit langem bekannt ist und das sich auch beim Wechsel von Grundschulkindern zu den weiterführenden Schulen beobachten lässt. Bettina Stark-Watzinger (FDP), Bundesministerin für Bildung und Forschung, konstatiert: „Der Bildungsbericht zeigt, dass unser Bildungssystem vor großen Herausforderungen steht.“ Sie fordert daher „dringend eine bildungspolitische Trendwende“ sowie einen Perspektivwechsel und Bildungsinstitutionen, die Vielfalt als Chance begreifen.“ Die FDP-Politikerin betont: „Wir setzen uns mit aller Kraft für mehr Chancengerechtigkeit ein.“

Positiv bewertet das Bildungsbericht-Team übrigens die zunehmende Verzahnung von dualer Ausbildung und Studium: Rund 25 Prozent der Studienanfängerinnen und -anfänger haben zuvor einen Beruf erlernt oder verbinden Ausbildung und Studium, an privaten Hochschulen sind es sogar 50 Prozent.
kram

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 19.07.2024

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