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„Gravelbike“: Der Traum von der großen Freiheit

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„Gravelbike“: Der Traum von der großen Freiheit

Eine neue Dimension auf zwei Rädern, zwischen Mountainbike und Straßenrenner verspricht das neue Rad maximale Variabilität auf allen Straßen.

Nein, das Rad lässt sich nicht mehr neu erfinden. Aber das Radfahren durchaus. Jedenfalls sind sich die meisten Experten und Freizeitsportler einig, dass genau dies gerade wieder einmal passiert ist: Das sogenannte „Gravelbike“ hat den Fahrspaß auf zwei Rädern in eine neue Dimension katapultiert. – So tönt es zumindest in den euphorischen Werbetexten, welche die neuartigen Zweiräder anpreisen. Aber was ist wirklich dran am Hype?

Um das zu ergründen, braucht es kaum mehr als ein paar Kilometer im Sattel eines solchen Vehikels, das sich unter anderem durch breitere Reifen und eine etwas entspanntere Rahmengeometrie von reinrassigen Rennmaschinen unterscheidet. Schnell mal raus aus der Stadt, rein ins Abenteuer: Es riecht und schmeckt nach grenzenloser Freiheit, dort in der neuen Nische zwischen Mountainbike und Straßenrenner. Aber was heißt hier Nische: Es ist eine völlig neue Daseinsebene für Radler, die da von findigen Ingenieuren und noch findigeren Marketing-Leuten in den Freizeitsport eingezogen wurde – weil hier (fast) alles geht!

Man muss kein Crack sein

Ob flotte Feierabend-Runde oder Langstrecke, bis hin zum Alpencross und einer mehrtägigen Bikepacking-Tour: Das neue Rad verspricht maximale Variabilität auf allen Straßen, vereint das Beste aus zwei Radsport-Welten und verleiht schon Einsteigern, die bis dato noch nie auf einem Rennrad oder einem Mountainbike saßen, eine erstaunliche Reichweite. Limits waren gestern: Mit einem Gravelbike sind auch Feld- und die meisten Waldwege kein Hindernis mehr. Das eigentliche Geheimnis des Erfolgs ist aber, dass man kein Crack sein muss, um auf einem solchen Rad mit einem Grinsen im Gesicht durch die Flur zu brettern: Leicht und steif wie eine Straßenmaschine, komfortabel wie ein Trekkingrad und so stabil und leichtfüßig wie ein Mountainbike lädt das Gravelbike jeden ein, der noch nicht an das E-Bike verloren ist, die Welt per eigener Muskelkraft zu erobern. Und sei es erst mal nur die kleine Welt vor der Haustür. Auf dem Gravelbike schlagen die Glückshormone Purzelbäume, und die ein oder andere kleine Quälerei an Anstiegen oder bei Gegenwind zahlt sich am Ende auch aus. Denn mit den Muskeln wächst auch die Freude am Fahren. Einfach Zähne zusammenbeißen und fest daran glauben!

Anfangs misstrauisch beäugt

Dass die Zuneigung zum neuen Sport bei manch einem auch schon mal in Richtung Suchtverhalten gehen kann, wurde von Betroffenen bereits glaubhaft überliefert. Aber es gibt Schlimmeres. Das wird jedenfalls jeder bestätigen, der sich regelmäßig aufs Rad schwingt, um irgendwo in der schönen bayerischen Kulturlandschaft zwischen den sonnigen Weinhängen am Main und den aussichtsreichen Weiten des Alpenvorlands auf seinem Zweirad unterwegs zu sein. Wo ist der nächste Biergarten? Wo wartet der nächste Café-Stop? – Ein bisschen fühlt man sich da doch selbst wie ein kleiner Gott in Bayern (siehe auch Tourentipps auf Seite 4).

Alles total übertrieben? Nun, die Hersteller melden erstaunliche Zahlen. Bei vielen Marken sind die Wartefristen für die Top-Modelle noch immer fast so lang wie zu Pandemiezeiten. Nachdem das Gravelbike vor einigen Jahren eingeführt und zunächst von Rennrad- und Mountainbike-Puristen durchaus misstrauisch beäugt worden war, hat es einen atemberaubenden Siegeszug angetreten. Es passt allerdings schon ganz gut, dass das neue Bike so heißt, wie es heißt. Denn „Gravel“, also Kies oder Schotter, braucht es für die Anschaffung durchaus.

Nichts ist unmöglich - auch beim Preis

Der grenzenlose Fahrspaß beginnt bei etwa 1200 Euro für ein solides Rad mit Alu-Rahmen, wer in die etwas leichtere Carbon-Klasse einsteigen will, kommt unter 2500 Euro kaum in diesen Genuss – nach oben gibt es, abhängig von der Ausstattung, bis weit in den fünfstelligen Bereich kaum Grenzen. Tipp für alle, die mit dem Thema Fahren am Berg auf Kriegsfuß stehen: Es gibt passable Gravelbikes mit dezenter E-Motor-Unterstützung – auf dass wirklich nichts mehr unmöglich ist.

Laut der ADFC-Radreiseanalyse nutzten 2022 fast zehn Prozent aller Fahrerinnen und Fahrer auf Touren ein Gravelbike – Tendenz: steigend (2021 waren es noch fünf Prozent). Dazu passt ein weiteres Ergebnis der Befragung: „38 Millionen Menschen in Deutschland haben im Jahr 2022 mindestens einen Tagesausflug mit dem Rad gemacht. Das zeigt deutlich, dass das Rad als umweltfreundliches Verkehrsmittel in der Freizeit immer beliebter wird“, ließ sich ADFC-Tourismusvorstand Christian Tänzler zu der Studie zitieren. „Und nicht nur das: Viele von denen, die in der Freizeit positive Erfahrungen beim Radfahren gemacht haben, entdecken das Fahrrad für den Alltag.“ Radfahren ist in – und das Gravelbike, nicht zuletzt auch das perfekte Vehikel für Berufspendler, boomt wie nichts sonst in der Branche.

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Bei einer Studie der Zeitschrift „Tour“ für das Jahr 2022 gaben 40,2 Prozent der Teilnehmenden an, ein Gravelbike zu besitzen.

„Wer immer das Fahrrad erfunden hat, ihm gebührt der Dank der Menschheit“, soll der britische Admiral und Politiker Charles Beresford (1846-1919) einst im Pathos seiner Zeit zum Besten gegeben haben. Was er zum Gravelbike gesagt hätte, wissen wir nicht, wohlbekannt ist hingegen ein kleiner Witz unter Schotterradlern: Woran erkennt man, ob einem ein Rennradfahrer oder ein Gravelbiker entgegenkommt? – Am Gesichtsausdruck! Will sagen: Gravelbiker schauen eher selten verbissen drein. Für sie geht es nicht um Wattzahlen oder darum, die Durchschnittsgeschwindigkeit hochzuleveln. Auf dem Renner mit den vergleichsweise breiten Reifen ist der Weg das Ziel. Normalerweise.

Motivation mit den „Bergfreundinnen“

Wer vor dem ersten Ausflug noch etwas Anschauungsunterricht oder Motivation benötigt, dem seien die vielen Influencer ans Herz gelegt, die anregenden Gravelbike-Content frei Haus liefern. Da finden sich sympathische Erklärer ihres Sports, darunter etwa die in München lebenden Marius Quast und Niko Weiß, ein als „Mr. Gargelfing“ bekannter Bikepacker, oder auch Anke Eberhardt aus Garmisch (www.instagram.com/anke_is_awesome), die unlängst von der „SZ“ interviewt wurde – unter der schönen Überschrift „Der Geist entwickelt sich mit den Waden“. Die Szene wächst gerade im Sprinttempo. Im BR-Fernsehen sorgten im vergangenen Sommer die als „Bergfreundinnen“ bekannten Podcasterinnen Katharina Kestler, Catharina Schauer und Antonia Schlosser für Furore: Sie schafften in 20 Tagen fast 1300 Kilometer und mehr als 10 000 Höhenmeter – ihre in der Mediathek zu findende Doku „Bergfreundinnen – Bikepacking nach Paris“ erzählt von dem großen Abenteuer und fast alles darüber, was man über die Faszination Gravelbike wissen muss.

Von Menschen und Maschinen

Auch wenn das Radeln per se eine Auseinandersetzung mit sich selbst ist, eine Sache von Mensch, Maschine und Natur, muss das Ganze keineswegs in Soziophobie ausarten. Am meisten Spaß macht‘s sowieso zu zweit. Und für alle, die mehr wollen, gibt es Veranstaltungen, bei denen sich Fahrerinnen und Fahrer in großer Runde über ihr Hobby austauschen. Ein Höhepunkt im Jahreskalender ist etwa das „Gravel Fest“ in den Ammergauer Alpen. Von 5. bis 8. September treffen sich Interessierte – nicht zuletzt, um zur ein oder anderen Gruppentour durch die herrliche Landschaft aufzubrechen. Am besten mit Anke Eberhardts Credo im Kopf: „Fahrradfahren ist das, was man draus macht.“

Infos unter: www.thegravelfest.com

TOUREN: Von Franken bis an den Rand der Alpen

Eigentlich macht das Entdecken neuer Wege besonders viel Spaß. Aber natürlich kann man auf dem Rad der unbegrenzten Möglichkeiten auch gängige Touren in Bayern genießen. Ein paar Tipps.

Sportlich in Franken

„Graveln zu Burgen, Bier und Frankenwein“: Steigerwald und Naturpark Haßberge lassen sich auf mehreren Touren erkunden. Eine sehr aussichtsreiche (und schweißtreibende) startet in Hofheim, führt über Königsberg (es geht recht steil bergauf) und Schloss Eyrichshof wieder zurück.

Infos unter: hassberge-tourismus.de

Zum Starnberger See

Ein Klassiker für Münchner: Los geht die 63 Kilometer lange Tour am Hauptbahnhof in Richtung Südwesten. Durch das Leutstettener Moos kommt man zum See, wo die Möglichkeiten zum Weiterfahren (oder zur Einkehr) mannigfaltig sind. Zurück am besten über Gräfelfing und Pasinger Stadtpark.

Infos unter: www.starnbergersee.de

Voralpen kompakt

Gerade mal 44 Kilometer ist die Tour von Holzkirchen zum Tegernsee lang, aber das reicht, um Oberbayern-Flair in ganz hohen Dosen zu genießen. Die gut ausgeschilderte Genusstour führt teilweise durch das romantische Mangfalltal. Es warten Bademöglichkeiten und Biergärten satt.

Infos unter: www.komoot.com/de-de

Fünf Flüsse auf einmal

Am Landesgartenschau-Gelände in Amberg startet eine Tour, die auf 66 Kilometern kaum Anstiege, aber jede Menge Naturerlebnisse bietet. Sie verbindet die Täler von Donau, Altmühl, Pegnitz, Vils und Naab. Das Asam-Kloster in Ensdorf und das Hammerschloss in Theuern sind nur zwei von vielen Highlights.

Infos unter: fuenf-fluesse-radweg.info

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 04.05.2024

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