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"Time is muscle" - das gilt auch für Frauen!

Ein Herzinfarkt kann bei Frauen völlig andere Symptome zeigen als bei Männern, das macht die Diagnose oft so kompliziert.    Foto: Adobe Stock

Forum Spitzenmedizin

"Time is muscle" - das gilt auch für Frauen!

Frauen und Männer sind von Herzerkrankungen unterschiedlich betroffen; umso wichtiger sind eine angepasste Diagnose und Behandlung - dazu ist dringend eine bessere Aufklärung über Frauenherzgesundheit notwendig

Übelkeit und Oberbauchschmerzen? Könnte eine Magenverstimmung sein. Sehr müde und erschöpft? Kein Wunder, bei dem Arbeitsstress in den letzten Wochen. Ungewöhnlich schnell aus der Puste? Die Kondition war auch schon mal besser. Immer wieder kommt es vor, dass Frauen Symptome eines Herzinfarkts als harmlose, vorübergehende Unpässlichkeit einschätzen - und so in eine lebensgefährliche Situation geraten. Dass zum Wesen des weiblichen Herzinfarkts auch atypische Beschwerden gehören können, ist vielen nicht bewusst. Zudem ist nach wie vor zu wenig bekannt, dass insbesondere bei Frauen der typische Brustschmerz, das Leitsymptom des Herzinfarkts, fehlen kann. Dadurch wird im Ernstfall häufig zu lange gezögert, bis der Rettungsdienst gerufen und die Betroffene die dringend benötige Hilfe erhält. 

Leider kann es auch im Krankenhaus einige Zeit dauern, bis die richtige Diagnose gestellt ist, weil die Symptome zunächst fehlgedeutet werden. Bei einem Herzinfarkt entscheidet jedoch jede Minute über Leben und Tod. Und gerade Frauen sind gefährdet, den Infarkt nicht zu überleben, wie erst kürzlich wieder eine Untersuchung bestätigt hat. So erleiden Frauen zwar seltener einen Herzinfarkt als Männer, aber sie sterben fast doppelt so häufig daran: In Deutschland überleben jedes Jahr rund 20.000 Frauen einen ersten Infarkt nicht. Damit ist der Herzinfarkt bei Frauen die mit Abstand häufigste Todesursache - und nicht Brustkrebs, wie viele denken. Doch auch bei der Herzschwäche haben Frauen ein deutlich höheres Sterberisiko: Allein 2022 verstarben rund 23 000 Frauen und knapp 15 000 Männer an dieser irreparablen Funktionsstörung des Herzens. Dass es nicht zuletzt anatomische Unterschiede zwischen den Herzen der beiden Geschlechter sind, die Frauenherzen so besonders machen, und welchen Risikofaktoren vor allem Frauen besondere Beachtung schenken sollten, erklären die beiden Fachärztinnen für Innere Medizin und Kardiologie Privatdozentin Dr. Teresa Trenkwalder und Dr. Amadea Erben vom Deutschen Herzzentrum. 

Frau Dr. Trenkwalder, es heißt 'Frauenherzen schlagen anders'. Was unterscheidet denn Frauenherzen von Männerherzen?
PD Dr. Teresa Trenkwalder:
Frauenherzen sind im Durchschnitt etwas kleiner und schlagen meist schneller als Männerherzen. Kardiologische Studien belegen, dass Frauen und Männer bei Herzkrankheiten biologisch und klinisch unterschiedlich betroffen sind. Frauen entwickeln Herz-Kreislauf-Erkrankungen meist sieben bis zehn Jahre später als Männer, was mit der schützenden Wirkung des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen vor der Menopause auf die Gefäße erklärt wird. Zudem besitzen Frauen kleinere und zartere Blutgefäße. Frauen sind zwar später von Verengungen der großen Herzkranzgefäße betroffen, jedoch weisen sie auch häufiger Veränderungen der kleinen Gefäße auf. Dieser Umstand kann die Diagnostik erschweren. 

Frau Dr. Erben, in Deutschland sterben fast doppelt so viele Frauen wie Männer an einem Herzinfarkt - was sind die Gründe?
Dr. Amadea Erben: 
Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass Frauen bei einem akuten Herzinfarkt später medizinische Hilfe suchen, häufiger atypische Symptome zeigen und seltener standardisierte Behandlungen erhalten als Männer. Dadurch erhöht sich die Sterblichkeit. Zudem sind Frauen im Durchschnitt zum Zeitpunkt eines Herzinfarkts älter und kränker - und sie werden auch seltener reanimiert. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass Frauen mit einem STEMI, also dem klassischen ST-Hebungsinfarkt, bei dem ein Herzkranzgefäß vollständig verstopft ist, seltener eine Koronarintervention erhielten als Männer. All dies sind Gründe, warum die Sterblichkeit vor allem bei Frauen mit akutem Herzinfarkt erhöht ist. 

Der Herzinfarkt bei Frauen ist anhand der Symptome oftmals nicht so klar zu erkennen wie bei Männern. Welche Warnsignale sollten Frauen unbedingt ernst nehmen?
Teresa Trenkwalder:
Neben Brustschmerzen treten bei Frauen häufiger unspezifische Symptome auf. Atemnot, eingeschränkte Belastbarkeit, Bauchschmerzen und Übelkeit, aber auch Rückenoder Kieferschmerzen können bei Frauen Hinweise auf einen akuten Myokardinfarkt sein. Diese atypischen Beschwerden können zu Fehldiagnosen oder Verzögerungen führen. Hinzu kommt, dass es immer noch ein falsches Rollenbild von dem,klassischen männlichen Herzinfarktpatienten' gibt. Wichtig ist daher, ein Bewusstsein für kardiovaskuläre Erkrankungen bei Frauen zu schaffen und auch bei atypischen Beschwerden an einen Herzinfarkt zu denken und dies abzuklären.

Wie wird ein Herzinfarkt behandelt?
Amadea Erben:
Ein akuter Herzinfarkt ist ein absoluter Notfall, der unbedingt schnell in einer spezialisierten Klinik behandelt werden muss. Das verschlossene Gefäß muss schnell wieder mittels einer Herzkatheter-Intervention oder eines Bypasses eröffnet werden. Hierbei zählt der Leitsatz ´Time ist muscle' – je früher das Gefäß wieder durchgängig ist, desto besser ist die Prognose für das Herz und die Patientin beziehungsweise den Patienten. In Deutschland stehen hierfür extra zertifizierte Chest Pain Units zur Verfügung, die eine rasche und standardisierte Versorgung dieser Patienten gewährleisten. 

Gibt es auch bei anderen Herzerkrankungen Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Teresa Trenkwalder:
Ja, Frauen entwickeln zum Beispiel häufiger eine Herzschwäche, die wir auch als diastolische Herzinsuffizienz kennen: Hierbei ist die Pumpfunktion zwar noch erhalten, das Herz kann sich jedoch nicht mehr ausreichend mit Blut füllen, weil sich das Gewebe infolge eines Elastizitätsverlusts nicht mehr gut dehnen kann. Männer leiden dagegen häufiger unter einer systolischen Herzinsuffizienz, bei der die Pumpleistung vermindert ist. Von Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern sind Männer häufig früher betroffen, jedoch weisen Frauen aufgrund der späteren Manifestation mehr Begleiterkrankungen auf und haben daher ein schlechteres Outcome mit einer höheren Schlaganfallrate.

Welche Risikofaktoren gibt es für die Herzgesundheit?
Amadea Erben:
Bekannte kardiovaskuläre Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Diabetes mellitus, hohe Cholesterinwerte, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel. Interessanterweise haben Frauen mit Diabetes ein höheres relatives Risiko für koronare Herzerkrankungen als Männer, und auch langjähriges Rauchen hat bei Frauen einen stärkeren proatherogenen, also Arteriosklerose fördernden, Effekt. Dazu kommen frauenspezifische Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes in der Schwangerschaft, die langfristig ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko nach sich ziehen. Auch psychosoziale Faktoren spielen besonders bei Frauen eine große Rolle.

Was macht ein zu hoher Blutdruck mit dem Herzen?
Teresa Trenkwalder:
Durch einen dauerhaft erhöhten Blutdruck muss unser Herz mehr arbeiten. Dies hat mit der Zeit eine Verdickung des Herzmuskels zur Folge: Er versteift zunehmend und kann langfristig schwächer werden. Zudem schädigt ein erhöhter Blutdruck unsere Gefäße und fördert so eine Arteriosklerose mit Verkalkungen und Verengungen der Blutgefäße. Bei Frauen entwickelt sich durch Bluthochdruck häufiger eine Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion.

Wird Bluthochdruck bei Frauen anders behandelt als bei Männern?
Amadea Erben:
Für die medikamentöse Therapie stehen Frauen und Männern dieselben Medikamentenklassen zur Verfügung. Allerdings reagieren Frauen anders auf einzelne Medikamententypen, was in einer modernen individualisierten Therapie noch viel mehr beachtet werden muss. Dazukommt, dass Frauen in der Vergangenheit in Arzneimittelstudien oft unterrepräsentiert waren und daher frauenspezifische Erfahrungswerte fehlen.

Gibt es bei Frauen eine kritische Zeit, in der sie besonders gefährdet sind, eine Herzkrankheit zu entwickeln?
Teresa Trenkwalder:
Ja, absolut. Das Risiko steigt deutlich nach den Wechseljahren an, wenn die schützende Wirkung von Östrogen verloren geht. Hier sollte bei Frauen besonders auf die kardiovaskulären Risikofaktoren geachtet werden. Insbesondere kann sich eine arterielle Hypertonie nach den Wechseljahren neu manifestieren und/oder es kann zu einem Anstieg der Blutfette kommen. Auch sollte auf das Gewicht geachtet werden, da viele Frauen durch die hormonelle Veränderung zunehmen.

Kommt es auch bei jüngeren Frauen vor, dass bei ihnen eine Herzkrankheit erst einmal übersehen wird?
Amadea Erben:
Ja leider. Vor allem jungen Frauen können von sogenannten Koronardissektionen betroffen sein, bei denen eine eingerissene Gefäßwand einen akuten Herzinfarkt verursacht. Da dies in der Regel junge, gesunde Frauen sind, kann dies dazu führen, dass ein solcher Notfall zu spät diagnostiziert oder übersehen wird. Aber auch mikrovaskuläre Veränderungen oder Koronarspasmen können bei jungen Frauen auftreten. Von dem sogenannten Takotsubo-Syndrom scheinen Frauen ebenfalls häufiger betroffen zu sein als Männer.

Was ist genau darunter zu verstehen?

Teresa Trenkwalder:
Das Takotsubo-Syndrom, auch als Broken Heart Syndrom oder Stress-Kardiomyopathie bezeichnet, wird durch emotionalen oder physischen Stress wie dem Tod eines nahen Familienangehörigen oder einem Unfall ausgelöst und führt zu einer vorübergehenden Einschränkung des Herzmuskels. Besonders häufig betrifft dies postmenopausale Frauen. Klinisch äußert sich das Takotsubo-Syndrom wie ein Herzinfarkt. Deshalb ist es wichtig, hier die richtige Diagnose zu stellen und die Patientinnen und Patienten dann in einem Zentrum mit Expertise zu betreuen.

Welche Präventionsmaßnahmen können Frauen ergreifen, um ihr Herz gesund zu halten?
Amadea Erben:
Kardiologische Leitlinien empfehlen regelmäßige Bewegung, idealerweise 150 Minuten pro Woche, eine gesunde und ausgewogene Ernährung, Rauchstopp, eine Kontrolle von Blutdruck- und Cholesterinwerten sowie eine Normalisierung des Gewichts, wenn die Waage überschüssige Pfunde anzeigt. Dazu kommen Programme zur Stressbewältigung und ausreichender Schlaf. Risikofaktoren sollten auch in besonderen Zeiten wie in der Schwangerschaft und in der Menopause beachtet und behandelt werden. Zudem müssen wir als Gesellschaft Frauen gezielt in Präventionsprogramme und klinische Studien aufnehmen, um hier eine faire Behandlung für beide Geschlechter zu ermöglichen.



Das Interview führte Nicole Schaenzler

Lebensgefahr für die Leber

Adipositas verursacht schlimme Krankheiten

Adipositas betrifft mittlerweile alle Altersgruppen und alle Gesellschaftsschichten. Das zeigen aktuelle Zahlen überdeutlich: In Deutschland sind rund zwei Drittel der Männer (67 Prozent) und etwa die Hälfte der Frauen (53 Prozent) übergewichtig. Etwa ein Viertel der Erwachsenen ist stark übergewichtig (adipös), das sind 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen. Die Prävalenz von Adipositas steigt mit zunehmendem Alter. Auch bei Kindern und Jugendlichen nimmt Übergewicht zu: Nach den Daten der "Studie für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS) des Robert Koch-Instituts sind rund 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen übergewichtig, davon etwa sechs Prozent adipös.
Eine der häufigsten Folgeerkrankungen von Adipositas und häufig Teil des Metabolischen Syndroms, das das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Leberzirrhose deutlich erhöht, ist die Fettlebererkrankung, wie die Deutsche Leberstiftung schreibt. Diese Form wird als Metabolisch Dysfunktions-assoziierte Steatotische Lebererkrankung (MASLD) bezeichnet. Führt die Erkrankung zu Entzündungen in der Leber, spricht man von einer Metabolisch Dysfunktions-assoziierten Steatohepatitis (MASH), die sich sogar zu einem Hepatozellulären Karzinom (HCC) entwickeln kann - oft schon, bevor eine Zirrhose entsteht. Der Beginn einer MASLD verläuft meist asymptomatisch, sodass die Erkrankung über Jahre unbemerkt bleiben kann. Gleichzeitig bietet dies ein großes Zeitfenster, um die Krankheit frühzeitig zu erkennen und therapeutisch zu behandeln.

In Forschung und klinischer Anwendung gibt es aktuell wichtige Fortschritte. Eine Analyse aus dem Oktober 2025 zeigt, dass die Forschung im Bereich Fettlebererkrankungen weltweit stark zunimmt. So zeigen GLP-1-Medikamente, die ursprünglich zur Gewichtsreduktion und Diabetes-Therapie eingesetzt wurden, auch positive Effekte auf Fettleber und MASH, indem sie Entzündungen und Fettansammlungen in der Leber reduzieren.
Solche Wirkstoffe werden der Leberstiftung zufolge inzwischen gezielt in Studien zur Fettlebererkrankung untersucht; Zulassungen für Lebererkrankungen werden geprüft. Zudem zeigen neue Substanzen wie Resmetirom, die direkt auf die Leber wirken, vielversprechende Verbesserungen und könnten künftig als Therapieoption zur Verfügung stehen. "Trotz aller neuen Therapieansätze zeigen aktuelle Studien weiterhin: Lebensstilmaßnahmen wie ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und Gewichtskontrolle sind entscheidend für die Prävention und Reversibilität von Leberverfettung und Stoffwechselstörungen - manchmal sogar unabhängig von Medikamenten“, sagt Professor Heiner Wedemeyer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung. Er lehrt und forscht an der Medizinischen Hochschule Hannover. In Deutschland ist jedoch das Bewusstsein für gesunde Ernährung immer noch unzureichend ausgeprägt. Viele Menschen wissen zu wenig über die Bedeutung einer lebergesunden Ernährung und die Folgen von zuviel Zucker oder Fertigprodukten für die Lebergesundheit.

Eine aktuelle Analyse des gemeinnützigen Vereins Foodwatch e. V. zeigt, dass Menschen in Deutschland täglich fast 26 Gramm Zucker allein durch Getränke zu sich nehmen - mehr als doppelt so viel wie Italiener. Kein anderes westeuropäisches Land liegt beim Zuckerkonsum durch Limonaden und Fruchtsäfte so weit vorn.
Für die Lebergesundheit ist jedoch eine ausgewogene und vollwertige Ernährung entscheidend. Empfehlenswert sind kohlenhydratarme Mahlzeiten mit frischen, natürlichen Lebensmitteln, insbesondere frischem Gemüse, ergänzt durch Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte. Gesunde Fette wie Omega-3-Fettsäuren aus pflanzlichen Ölen sollten bevorzugt werden, während auf Fertigprodukte, fettes Fleisch und Alkohol weitgehend verzichtet werden sollte. Auch beim Obst ist Vorsicht geboten: Zuckerarme Sorten sind vorzuziehen, und Obst sollte gegessen, nicht getrunken werden. Die vermeintlich gesunden Smoothies enthalten oft deutlich mehr Fruktose als der Verzehr von rohem Obst und belasten damit die Leber zusätzlich.


dfr

Weitere Informationen: www.deutsche-leberstiftung.de

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 25.04.2026

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