Wenn der Begriff „Scenic“ etwas mit „sich in Szene setzen“ zu tun hat, dann beherrscht der Renault Scenic E-Tech sein Metier. Die neue, rein elektrische Generation der französischen Familienkutsche setzt sich in vielerlei Hinsicht gut in Szene. Das fängt beim Design an, das markenprägend sein soll und so aufregend aussieht wie ein neuer Pod-Racer bei Star Wars. Und das hört beim ein Quadratmeter großen Glasdach auf, das auf Knopfdruck entweder den Himmel freigibt, oder die Scheibe milchig werden lässt. Ein echt gallisches Auto könnte man sagen, denn dieser Volksstamm hatte ja bekanntlich die Befürchtung, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt.
Der Renault Scenic ist nicht nur ein französisches Auto, sondern eines der erfolgreichsten. Der Familien-Van hat sich über fünf Millionen Mal verkauft, ging 2023 kurz in den Ruhestand, um dann als Elektrofahrzeug in diesem Sommer zurückzukehren. Wie ein Van sieht er auch nicht mehr aus, eher wie ein SUV, und dann doch wieder nicht. Das soll jeder Betrachter selbst entscheiden. Ins Auge sticht jedenfalls das Design der 4,47 Meter langen und 1,57 Meter hohen Karosserie. Hier wird das rautenförmige Firmenzeichen gezielt in Szene gesetzt. Zum Beispiel im Kühlergrill, der aus einem Mosaik lauter kleiner Renault-Rhomben besteht. Sie gruppieren sich um ein riesiges Logo und verleihen der Front Dreidimensionalität. Überall gibt es kantige Ecken und knackige Linien im Blech. Mon Dieu – nach Familienkutsche sieht das nicht aus.
Auch wenn der Scenic genau für diese Zwecke gebaut wurde, denn Raum gibt es im Inneren genug. Da ist einmal der Radstand von 2,86 Metern. Er übertrifft damit sogar den neuen VW Passat Variant. Vorne sitzt man königlich, hinten immerhin noch fürstlich und im Kofferraum ist auch ordentlich Platz. 545 Liter passen hinter die teilbare Rücksitzbank (40:20:40). Legt man sie um, sind es sogar 1670 Liter. Aber leider entsteht keine durchgehend ebene Fläche, was vermutlich an den Batterien liegt, die im Unterboden eingebaut sind. Ärgerlich auch: Die Ladekante ist mit 25 Zentimetern einfach zu hoch. Man kann zwar gegen einen Aufpreis einen doppelten Ladeboden ordern, dann schrumpft die Kante auf sechs Zentimeter, so richtig praktisch ist das aber immer noch nicht. Praxistauglichkeit kann man hingegen allen Bedienelementen bescheinigen. Renault hat eine gute Mischung aus digitalen und analogen Lösungen gefunden. Sprich: Die meisten wichtigen Funktionen wie die Klimaanlage kann man noch schalten (leider nicht die Lautstärke). Das Cockpit ist branchenüblich digital. Der Tacho misst 12,3 Zoll, der Multimedia-Touchscreen 12,0 Zoll. Er sitzt hochkant auf dem Armaturenbrett. Als Grundlage dient Google – damit ist der Fahrer in zwei wichtigen Bereichen schon mal gut aufgestellt: Die Sprachsteuerung funktioniert gut und über die Vorteile von Google Maps muss man nicht reden. Natürlich wurde die Navigation an die Anforderungen eines E-Autos angepasst, nebst Auswahl der energieeffizientesten Strecken, Lademöglichkeiten und der Vorhersage, ob das Ziel mit dem aktuellen Akku-Stand zu erreichen sein wird. Denn, richtig! Der Renault Scenic E-Tec Electric ist ja ein waschechter Stromer. Zwei Varianten bieten die Franzosen im Augenblick an: Einmal als Comfort Range (41.400 Euro) mit einem 170 PS starken Frontmotor, einer 60-kWh-Batterie und mit 430 Kilometer Reichweite. Und als Long Range (48.900 Euro) mit 218 PS, einer 87kWh-Batterie und mit bis zu 625 Kilometern Reichweite. Preislich liegen 7500 Euro zwischen den beiden Modellen, neben der Akku-Größe gibt es weitere technische Unterschiede. Der Langläufer rennt in 7,9 Sekunden von 0 auf Tempo 100 und darf 170 km/h schnell sein, der Scenic mit der geringeren Leistung braucht 8,6 Sekunden, schon bei 150 km/h regelt das System ab. Geladen wird bei AC jeweils mit 11 respektive 22 kW, bei DC mit 130 oder 150 kW. Der kleine Akku wird somit in 32 Minuten von 15 auf 80 Prozent geladen, nur fünf Minuten mehr braucht die große Batterie.

Der neue Scenic fährt sich eher komfortabel als sportlich, was aber zum Charakter des Autos passt. Leistung und Drehmoment sind für die 1,8 bis 1,9 Tonnen schweren Geräte angemessen und nicht übertrieben. Immerhin kann man bis zu 1,1 Tonnen ziehen – und schnell genug ist man auch noch, wenn man auf der Landstraße überholen will. Die Lenkung ist leider ein wenig beliebig mit schlechter Rückmeldung. In den Kurven lässt sich der Scenic schon mal aus der Ruhe bringen und fängt an zu schieben. Aber nur, wenn man ihn fordert. Beim Verbrauch landeten wir bei 18,7 kWh, das waren rund zehn Prozent mehr als angegeben. Ob man mit dem Long-Range-Modell damit die versprochenen 626 Kilometer weit kommt, darf angezweifelt werden. Je nach Temperatur, Fahrweise, Strecke und Rest-Kapazität des Akkus dürften 350 bis 450 Kilometer realistisch sein.
Unser Fazit: Wir möchten dem neuen Scenic jetzt keine Szene machen: Aber wenn man sich die Preise ansieht, dann ist fraglich, ob sich die angepeilte Kundschaft, die jungen Familien, so ein Auto leisten kann. Auf der anderen Seite ist er die perfekte Wahl für Kind und Kegel. Der Renault hat Platz, fährt sich entspannt, bietet vorne und hinten ausreichend Lademöglichkeiten und sogar Halterungen für Tablets gibt es für die Hinterbänkler. Das magische Panoramadach für einen Aufpreis von 1500 Euro ist die Sahnehaube obendrauf.
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Erschienen im Tagesspiegel am 23.09.2024