München hat ein neues Highlight: Mitte September besuchten rund 460 Gäste, darunter Friedrich Merz, Markus Söder und Dieter Reiter, die festliche Wiedereröffnung der Synagoge Reichenbachstraße im Gärtnerplatzviertel. Selbstverständlich in Anwesenheit von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, ebenso von Rachel Salamander, Münchner Literaturwissenschaftlerin und treibende Kraft hinter dem Bauprojekt. Salamander hatte mit ihrem 2011 gegründeten "Verein Synagoge Reichenbachstraße" über zwölf Jahre Rettung als auch Rekonstruktion organisiert und bezeichnet das Projekt als "mein Lebenswerk“.
Im Jahr 1931 von Architekt Gustav Meyerstein anstelle des früheren Betsaals errichtet, trägt der Bau Stilmerkmale der Bauhausmoderne: Der damals modernste Sakralbau Münchens wurde nach Ideen der neuen Sachlichkeit gestaltet.
Trotz seiner Lage im begrenzten Hinterhof bot der in nur vier Monaten fertiggestellte Bau genügend Platz für 550 Gläubige. Bei den Novemberpogromen 1938 von SA-Männern verwüstet, wurde er nach 1945 notdürftig renoviert und 1947 in Anwesenheit von General Lucius Clay zum zweiten Mal eröffnet. Nunmehr Hauptsynagoge, trafen sich hier Displaced Persons, bis im Jahr 2006 die Ohel-Jakob-Synagoge am Jakobsplatz eröffnete. Die "Reichenbach“ verfiel.
Im Rahmen der jüngsten, umfassenden Restaurierung wurde der Sakralbau detailgenau auf seinen Originalzustand von 1931 zurückgeführt.
Durch den Hinterhof betritt man zuerst den in Pompejanisch Rot gehaltenen Vorraum, den zwei Leuchten in Form von Thorarollen in sanftes Licht tauchen. Daran schließt sich der langgezogene, nach Osten ausgerichtete Betraum mit seiner interessanten Tageslichtführung. An der Schmalseite umgibt eine große, mit bernsteinfarbenem Marmor verkleidete Nische den Thoraschrein. Im Kontrast dazu steht der helle Violettton der Wände, während die cremefarben gehaltene Decke mit dem hellen Ton an der Brüstung der Frauenempore korrespondiert.
Das Mosaik-Atelier Gustav van Treeck, ebenfalls eine Münchner Institution, setzte die Glasfenster gemäß der alten, noch von Meyerstein stammenden Vorlagen instand, sodass sie heute wie dereinst das Gotteshaus schmücken.
Die Milchglasscheiben des Oberlichts lassen helles Tageslicht einströmen. "Das natürliche Licht verändert sich im Tagesverlauf und damit auch die Stimmung", sagt Pressesprecher Ralf Geissler bei einem Rundgang. Um den Bauhaus-Gedanken weiterzuführen, dienen heute handgewebte Originalstoffe von Gunta Stölzl als Vorhang für den Thora-Schrein. Die 1897 in München geborene, bedeutende Bauhaus-Künstlerin war eine prägende Figur des Textildesigns. "Die Sparte Textil galt als die erfolgreichste Abteilung des Bauhauses“, erwähnt Ralf Geissler.



Im August 1929 hatte Gunta den aus Österreich stammenden Architekten Arieh Sharon geheiratet, bekam mit ihm Tochter Yael. Arieh Sharon studierte ebenfalls am Bauhaus und wirkte später an den berühmten Bauhaus-Bauten in Tel Aviv mit, genannt "Weiße Stadt" - übrigens ebenso wie Meyerstein, der noch 1931 nach Palästina emigriert war. Werke von Gunta Stölzl, die auch Stoffe für das "Haus Sommerfeld“ von Walter Gropius entwarf, finden sich heute im MoMa in New York, im V&A London und in der Pinakothek der Moderne München.
Über eigene Recherchen konnte Rachel Salamander einen Enkel von Gunta Stölzl in New York ausfindig machen: Ariel Aloni stiftete drei textile Werke seiner Großmutter an die neue "Reichenbach" und überbrachte sie persönlich. Oberste Bestimmung des nun rekonstruierten Kunstdenkmals wird es sein, als jüdisches Gotteshaus zu dienen. Darüber hinaus soll es der Öffentlichkeit für kulturelle Veranstaltungen zugänglich sein. "Die Wiederherstellung der Reichenbach ist ein Gemeinschaftswerk von Juden und Deutschen, die beste Form der Verständigung", sagte Rachel Salamander bei der Eröffnung.
FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 08.12.2025