Jedes Jahr stellt sich Abiturientinnen und Abiturienten die Frage aller Fragen. Was soll ich studieren? Ein naturwissenschaftliches Fach? Wirtschaftswissenschaften? Oder doch lieber Psychologie? Zweifellos ist die Studienwahl ein Meilenstein im Leben jeder künftigen Akademikerin. Sie legt den Grundstein für die berufliche Laufbahn und beeinflusst maßgeblich die persönliche Entwicklung sowie die finanzielle Zukunft. Eine Fehlentscheidung möchte man deshalb unbedingt vermeiden. Was aber ist die richtige Wahl“? Die groben Kriterien sind relativ klar: Neben dem persönlichen Interesse an einem Fach und der Aussicht auf einen interessanten Beruf lassen sich viele Abiturienten davon leiten, welche finanziellen Möglichkeiten ein Studium verspricht. Der Karriere- und Sicherheitsaspekt sowie die Frage, ob es genügend Jobs geben wird, sind ebenfalls relevant. Empirische Daten belegen dies. Laut dem Portal Statista ist persönliches Interesse das Topmotiv bei der Auswahl des Studienfachs. An zweiter Stelle stehen attraktive Berufsperspektiven, gefolgt von guten Verdienstmöglichkeiten und Karrierechancen. (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1182798/umfrage/studierende-studienfachwahl-nach-geschlecht).
Klar ist: Studiengänge, die auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts der kommenden Jahre ausgerichtet sind, bieten gute Aussichten für Absolventen. Das trifft auf die MINT-Fächer zu - das Akronym steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Mit einem Studienabschluss in diesem Bereich sind sehr gute Gehalts- und Berufsperspektiven verbunden - einfach deshalb, weil diese Fächer mit Innovation und Fortschritt verknüpft sind und Absolventinnen jetzt und in Zukunft dringend gebraucht werden. MINT-Fächer bilden das Fundament für zahlreiche Berufe. Insbesondere ein Informatikstudium eröffnet breite Möglichkeiten. Die fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft führt zu einem steigenden Bedarf an Fachkräften im Bereich von Softwareentwicklung, Datenanalyse, Künstlicher Intelligenz (KI) und Cyber Security. Die Fähigkeiten, komplexe Probleme zu lösen und innovative Lösungen zu entwickeln, sind Schlüsselqualifikationen in diesem Fach. Data Science und Künstliche Intelligenz als Teilgebiet der Informatik sind Fachgebiete, die aktuell besonders wachsen und eine hohe Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften haben. Die Fähigkeit, große Datenmengen zu analysieren und daraus Erkenntnisse zu gewinnen, ist in vielen Branchen von entscheidender Bedeutung. Absolventen mit Kenntnissen in Data Science und Künstlicher Intelligenz finden daher oft schnell gut bezahlte Positionen in verschiedensten Branchen.
Aber auch in den Naturwissenschaften und in der Technik sind die Aussichten rosig. Von der Biotechnologie über die Physik bis zur Elektrotechnik bieten MINT-Studiengänge zahlreiche Möglichkeiten, sich an der Gestaltung der Zukunft zu beteiligen. Der Bedarf an Ingenieuren und technischen Fachkräften bleibt ebenfalls hoch, insbesondere in Bereichen wie Maschinenbau und Elektrotechnik. Zu bedenken ist auch: Ein Studium in einem MINT-Fach vermittelt nicht nur Fachwissen, sondern fördert auch wichtige Schlüsselqualifikationen wie analytisches Denken, Problemlösungsfähigkeiten und Teamarbeit. Diese Kompetenzen sind in nahezu allen Branchen gefragt und bieten Absolventen hervorragende Aussichten auf dem Arbeitsmarkt.
Allerdings sind die MINT-Studiengänge anspruchsvoll und nicht für jeden geeignet. Das zeigt schon die Abbrecherquote, die in diesem Bereich vergleichsweise hoch ausfällt. Denn viele Studieninteressierte sehen vor allem die guten Zukunftschancen, vergessen dabei aber, dass das Studium sehr zahlenlastig und komplex ist. Wer also mit Mathe in der Schule nichts anfangen konnte, der sollte sich überlegen, ob er wirklich Maschinenbau oder Informatik studieren möchte.
Es muss auch nicht immer ein MINT-Fach sein - im Gegenteil. Viele weitere Studienfächer bieten ebenso gute Perspektiven. Neben den klassischen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen rücken in den letzten Jahren Fächer rund um die Themen Umwelt, Klimaschutz und Nachhaltigkeit stärker in den Fokus. Das ist nicht weiter erstaunlich: Weil Nachhaltigkeit in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ein zentrales Thema geworden ist, steigt die Nachfrage nach Fachkräften, die sich damit auskennen, entsprechend. Studienfächer in diesem Umfeld beschäftigen sich beispielsweise mit Fragen wie: Auf welche Weise können wir Güter wirtschaftlich produzieren und gleichzeitig die Umwelt schützen? Wie lässt sich Müll sicher entsorgen oder besser aufbereiten? Wie können unsaubere Gewässer und Abluft gereinigt werden? Wie bauen wir die Gesellschaft klimafreundlich um?
Studiengänge dazu finden sich inzwischen an verschiedensten Universitäten und Hochschulen. Sie bieten von Umweltwissenschaften bis hin zu erneuerbaren Energien vielfältige Möglichkeiten, sich für eine lebenswerte Zukunft einzusetzen. Konkrete Studiengänge sind etwa Energiemanagement, Umweltwissenschaften, Bioenergie, Nachhaltigkeitsmanagement oder Versorgungstechnik. Solche Fächer sind oft interdisziplinär ausgerichtet - ein Trend, den es vor zehn Jahren noch nicht gab. Interdisziplinäre Studiengänge führen verschiedene Disziplinen und Weitsichten zusammen und ermöglichen es gleichzeitig, sich zu spezialisieren. Typische Beispiele für interdisziplinäre Studiengänge sind etwa Life Science, Regenerative Energiesysteme, Wirtschafts- und Umweltrecht oder Liberal Arts and Science-Programme. Solche interdisziplinäre Fächer sind eine gute Wahl für alle, die harte Naturwissenschaften mit Soft Skills verbinden möchten. Die Studierenden erwerben in der Regel naturwissenschaftliche Grundlagen zusammen mit wirtschaftlichen und sozialen Skills, um unterschiedliche Disziplinen zu vereinen - eine Fähigkeit, die immer relevanter wird und optimal auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet.
Während MINT-Fächer die technologischen Innovationen vorantreiben, sind soziale und medizinische Fächer nicht weniger von Bedeutung. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Gesellschaft und der Bewältigung sozialer Herausforderungen. Der demografische Wandel und die steigende Lebenserwartung führen zu einem wachsenden Bedarf an Fachkräften im Gesundheitswesen. Bis vor einigen Jahren gab es in diesen Bereichen hauptsächlich Ausbildungsberufe, doch die Forderung nach Personal mit akademischem Fachwissen steigt auch hier. Dazu entstehen im Gesundheitsbereich ständig neue Studiengänge, die auf die sich ändernden Umstände im Sozial- und Pflegebereich reagieren. Absolventen von Studiengängen wie Medizin, Pflegewissenschaften und Gesundheitsmanagement spielen eine wichtige Rolle bei der Versorgung von Patienten sowie der Gestaltung der Gesundheitspolitik und werden dringend gebraucht.
Auch für Psychologen und Sozialpädagogen eröffnen sich weiter gute Perspektiven. Die Analyse menschlichen Verhaltens, die Untersuchung gesellschaftlicher Strukturen und die Entwicklung von Lösungen für soziale Probleme sind zentrale Aufgaben von Psychologinnen, Sozialpädagogen oder Soziologinnen. Insbesondere in den Bereichen Beratung, Sozialarbeit, Bildung und Personalmanagement werden Fachkräfte mit Kenntnissen in Sozialwissenschaften und Psychologie benötigt. Es muss also nicht immer MINT sein.
Klaus Manhart
Erschienen im Tagesspiegel am 15.03.2024