Seit 1954 wird in der Brennerei Schraml aus Erbendorf ein Single Grain Whisky mit 45 Prozent aus Rohfruchtgetreide hergestellt, der zehn Jahre lang in einem Limousin-Eichenfass, Fassungsvermögen 300 Liter, aus Cognac-Belegung lagert. Am ersten Maiwochenende ist das Familienunternehmen Gastgeber des dritten Festivals der deutschen Whisky-Hersteller. Das neue Haus „Stonewood Warehouse II“ wird am 28. September mit einem Tag der offenen Tür eröffnet.
Der Name Stonewood verweist auf den Steinwald, in dem das Dorf liegt, das kleinste Naturschutzgebiet in Bayern. Die karge Landschaft, die Kombination aus Wald und Stein, führt dazu, dass manche die Region die bayerischen Highlands nennen.
Inzwischen hat Gregor Schraml drei weitere Sorten im Angebot: den Stonewood Woaz aus Weizen- und Gerstenmalz, mit Weißbierhefe vergoren und sieben Jahre in amerikanischer Missouri-Weißeiche gereift, den Stonewood Drà aus Gerstenmalz, der fünf Jahre braucht, und der Smokey Monk aus Buchrauchmalz, drei Jahre lagert. Sein Name rührt daher, dass es der rauchigste Whisky der Brennerei ist, der im alten Kloster am Steinwald gebrannt wird, dazu Finishes in Sherry-, Port-, Rotwein- und Rumfässern. Der Woaz erhielt 2014 die Goldmedaille bei den World Spirit Awards und im vergangenen Jahr eine Goldmedaille bei der International Wine and Spirits Competition in London.
Die Bezeichnung Stonewood 1818 für den ersten Whisky des Hauses bezieht sich auf die lange Geschichte des Familienbetriebs. Johann Baptist Schraml, der Urururgroßvater des heutigen Chefs, war Bäckermeister und einer der wenigen bayerischen Soldaten, die Napoleons Russlandfeldzug überlebten. Dass er der leichten Kavallerie angehörte, dürfte den Rückzug erleichtert haben. 1817 heiratete er eine Erbendorfer Bürgerstochter mitsamt Anwesen und bekam 1818 vom bayerischen König eine Lizenz zum Schnapsbrennen.


Seitdem stellten die Schramls dort Korn her, damals eine weit verbreitete Branche in der Oberpfalz. Allerdings war ihre Destillerie die einzige im Umkreis von 100 Kilometern, die nach dem Zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Vermutlich trug dazu bei, dass Destillerie und Bäckerei die wirtschaftlichen Standbeine waren und Landwirtschaft nur im Nebenerwerb betrieben wurde, während es bei anderen Betrieben genau umgekehrt war, die Destille war das Nebengeschäft zur Landwirtschaft. Jedenfalls erhielten die Schramls 1948 von der amerikanischen Besatzungsmacht wieder eine Lizenz zum Schnapsbrennen.
Die Herstellung von Whisky bei den Schramls ergab sich einerseits aus herkömmlichen Verfahren, die in dem Betrieb seit dem 19. Jahrhundert angewandt wurden: Korn wurde in Cognac-Fässern gelagert, nahm einen anderen Geschmack und eine braune Farbe an. Ausgeschenkt wurde das Getränk daraufhin unter der Bezeichnung „Lagerkorn“ direkt vom Fass, was manchen Kunden durchaus mundete. Dieses Produkt wurde im Betrieb weiter verfeinert, von Whisky sprach aber noch niemand. Andererseits war Gregor Schramls Vater begeistert von den Kulturgütern, die die Amerikaner mitbrachten. Er übernahm schon als 19-Jähriger den Betrieb und lancierte 1954 den ersten Whisky, drei Jahre später folgte der erste Gin in Erbendorf.
Geschäftlich waren diese Versuche allerdings ein Misserfolg, für seinen Vater ein regelrechtes Trauma, sagt Gregor Schraml. Denn es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis die Deutschen Whisky und Gin für sich entdeckten. Allenfalls waren im Wirtschaftswunderland die großen Marken gefragt, der Jack Daniels etwa. Die Brennerei baute stattdessen ein klassisches Sortiment aus Obst- und Edelobstbränden sowie Likören auf. Es blieb vorerst bei einem Fass Whisky und etwa 80 Flaschen Gin, die Jahr für Jahr hergestellt wurden. Das sorgte immerhin dafür, dass weiter Erfahrung gesammelt und experimentiert wurde, was dem Unternehmen heute zugutekommt.
Gregor Schraml stieg 2004 in den Familienbetrieb ein, als jüngster Sohn war er dafür nicht prädestiniert, aber er brachte die notwendige Ausbildung, Erfahrung und vor allem das Interesse mit. Schraml brannte schon als Schüler seinen ersten Schnaps, absolvierte eine Ausbildung als Destillateur und anschließend ein Studium der Lebensmitteltechnologie in München-Weihenstephan. Er arbeitete einige Jahre als Produktentwickler für Unternehmen in Hessen und Sachsen, wo er sich anfangs auf Grundstoffe für alkoholfreie Erfrischungsgetränke konzentrierte.

In gewisser Hinsicht ist Schraml damit ein Quereinsteiger im Brennereigeschäft, was von Vorteil sein dürfte. Er kann auf das Wissen von fünf Generationen zurückgreifen und ist gleichzeitig innovativ. Das Besondere an der Destillerie sei, dass dort eine „sanfte Kombination von alt und neu“ stattfinde, sagt der 49-Jährige. Sicher von Vorteil ist die lange Tradition als Kornbrenner, während die meisten anderen Betriebe Obstler herstellten, dazu verfügt Stonewood über ein eigenes Sudhaus, hat Erfahrung mit Bier und darum im Umgang mit Hefe, die für ein starkes Destillat ausschlaggebend ist, und ganz wichtig ist die Lagerung in geeigneten Fässern, denn für den Geschmack entscheidend ist der Sauerstoff, der über das Holz eingeht.
Nachdem Schraml das Familienunternehmen übernommen hatte, begann er das Whiskygeschäft auszubauen. 2008 wurde der Stonewood 1818 mit der Goldmedaille der World Spirit Awards ausgezeichnet. 2013 stellte die Brennerei bereits 50 Fässer Whisky her, inzwischen sind es an die 200 pro Jahr. „Wir sind ein kleiner Betrieb, aber im Whisky-Segment vorne dabei, wir entwickeln uns“, sagt der Firmenchef. Das Unternehmen hat inzwischen 16 Mitarbeiter und die Marke Stonewood ist inzwischen ein Name unter Kennern.
Peter Bierl
Erschienen im Tagesspiegel am 04.05.2024