Wussten Sie, dass der Cardón (Pachycereus pringlei) bis zu 1,5 Meter dick und bis zu 20 Meter hoch wächst? Der Gigant der Kakteen zählt zu den mächtigsten der Welt, wird bis zu 200 Jahre alt und gedeiht in den mexikanischen Bundesstaaten Baja California, Sonora und Sinaloa, wo das trockene Wüstenklima die Vegetation zu höchstem Erfindungsreichtum zwingt. Für die heimischen Vögel ist er eine Art Wolkenkratzer mit mehrstöckigen Appartement-Etagen. in denen der Nachwuchs gut geschützt vor Fressfeinden aufwachsen kann.
Daneben prägen Arten wie Cholla, Pitaya, Senita, Kandelaberkaktus oder Orgelpfeifenkaktus die Landschaft. Wahre Naturschönheiten, die Wasser speichern, Lebensraum und Nahrung bieten und so das Ökosystem bereichern - rund 120 diverse Arten gibt es hier in Baja California. Wer durch die Küsten- oder Bergregion von Los Cabos streift, staunt alle paar Meter über die Größen- und Formenvielfalt der rigiden Überlebenskünstler: Säulenförmig oder als Kugel, mit scheiben oder zylinderförmigen Trieben, so sprießen sie entlang der Landstraßen, auf Klippen, in Gärten oder an den Hängen der Sierra de la Laguna, seit 1994 ein UNESCO-Biosphärenreservat, das 900 Pflanzenarten beherbergt und Heimat vieler endemischer Arten ist.


Pflanzliche Resilienz
Mit ihrem großflächigen, oberflächennahen Wurzelwerk erfassen Kakteen das Regenwasser und speichern es in ihrem Gewebe ein, das sein Volumen vervielfachen kann, bei manchen Arten durch das Ziehharmonika-Prinzip. So kann eine Kaktee bis zu 95 Prozent aus Wasser bestehen. Durch die Evolution entwickelten sich die Blätter zu Dornen in unterschiedlicher Form und Härte, Wachsschichten und Silberhärchen schützen vor der Sonneneinstrahlung. Eine eher kleinwüchsige, runde und besonders dichtbedornte Art (Echinocactus grusonii) firmiert übrigens als„Schwiegermutterkissen“.
Mit ihren spärlichen Blütenphasen wirken Kakteen eher spröde: Während die einen nur nachts blühen und dadurch Fledermäuse und Insekten anlocken, öffnen andere ihre Pracht dem Sonnenlicht - wenn auch nur für wenige Tage. Weiß, rot oder orange, so bringen sie lebensbejahende Farbtupfer in die staubige Westernszenerie. Manche gesellen sich mit Vorliebe zu anderen Pflanzenarten: „Der Orgelpfeifenkaktus wächst häufig in Nähe des Elefantenbaums, der seinen Namen von seiner sich pellenden Baumrinde erhalten hat“, sagt Guide Sol Rodriguez auf einem Trip in Richtung des Wasserfalls von Sol de Mayo, einer fast biblisch wirkenden, üppig grünen Szenerie umgeben von Sandpisten und staubtrockenen Felshängen.
Dann zeigt er auf eines dieser übermannshohen Gebilde, die als floraler säulenartiger Fingerzeig in der Landschaft stehen, den widrigen Elementen trotzen und somit erfolgreich eine ökologisch schwierige biologische Nische besetzen. Und alles andere als schnelllebig sind: Der Saguaro blüht im Alter von 70 Jahren zum ersten Mal und bildet mit rund 100 Jahren den ersten Seitenarm aus. Immer in Relation zur jeweils verfüg baren Regenmenge: Die Natur tickt ökonomisch.
Die Mexikaner lieben ihre Kakteen. So wie wir uns Geranien auf unsere Landhaus-Balkone pflanzen, so setzen die Einheimischen gerne strikt aufrecht wuchernde Stachelkakteen in Nischen und Vorgärten, ein Sinnbild für pflanzliche Resilienz. Was in der Wildnis scheinbar planlos vor sich hin wuchert, wirkt im bewusst gesetzten, architektonischen Rahmen als skulpturales Element, das ästhetische Akzente zu setzen vermag.


Vielleicht brauchte es den Input einer Reise ins ursprüngliche Habitat dieser bewundernswerten Sukkulenten, um Wert und Widerstandsfähigkeit dieser Gewächse zu erkennen. Der Klimawandel könnte dazu beitragen, dass die eine oder andere Kakteenart - meist Temperaturen von Null bis 43 Grad gut vertragend - ihren Wirkungskreis in deutschen Gärten findet. Dekorativ und pflegeleicht ist so ein Kaktus allemal.
Erschienen im Tagesspiegel am 02.08.2025