Nicht nur der Fußballclub St. Pauli mit seinem Stadion am Millerntor genießt Kultstatus, sondern auch der benachbarte Flakbunker an der Feldstraße. Der 40 Meter hohe Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der schon lange als beliebter Anlaufpunkt für Kreative und Nachtschwärmer gilt, wurde um fünf pyramidenförmige Geschosse erweitert. Entstanden sind in den bis zu vier Meter breiten Bunkerwänden und dem Aufbau unter anderem Hamburgs neueste Konzerthalle, Ausstellungsflächen, eine Halle für Sport- und Kulturveranstaltungen, ein Restaurant sowie ein Hotel. Eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus und die Zwangsarbeiter, die von 1942 bis 1944 den Bunker errichteten, soll noch folgen. Was den Aufbau des Bunkers aber besonders macht, ist sein Grünkonzept: 4700 Bäume und unzählige Pflanzen wurden auf den Terrassen gepflanzt. Auf dem Dach wurde eine weitläufige Rasenfläche angelegt. Dadurch soll nicht nur der hässliche, graue Betonriese grün werden, sondern auch das Stadtklima nachhaltig positiv beeinflusst werden.
Ein computergesteuertes Bewässerungssystem sorgt für das nötige Nass und minimale Abflussmengen. Auch bei Starkregen wird genügend Wasser in Retentionsflächen zurückgehalten. Dadurch wird die öffentliche Kanalisation entlastet und das zurückgehaltene Wasser sorgt bei Hitze durch seine Verdunstung für Kühlung und senkt den Wasserbedarf der Pflanzen. Die sorgfältig ausgewählten immergrünen Bäume, Sträucher, Büsche und Kletterpflanzen, die hauptsächlich in Nordeuropa und dem alpinen Raum beheimatet sind, halten den teils extremen Wetterbedingungen durch Sturm, Hitze und Frost auf dem Bunker stand. Die größeren Gewächse sind durch eine zusätzliche unterirdische Verankerung gegen Windstöße gesichert. Seit Anfang Juli kann man sich auf den breiten, öffentlichen „Bergpfad“ machen, um den nun fast 60 Meter hohen Bunker zu besteigen und die Fortschritte des Pflanzenwuchses zu bewundern.



Lohnend ist der Aufstieg an der Außenfassade des Bunkers aber auch durch die unverstellte Aussicht in alle Himmelsrichtungen, mit Blick auf den Hamburger Michl und die Elbphilharmonie. Mit dem Bunker ist die Stadt um eine Attraktion reicher und hat zudem ein eindrucksvolles Mahnmal für seine wechselhafte Geschichte. Im Zweiten Weltkrieg fanden in dem Hochbunker auf St. Pauli bis zu 25.000 Menschen Schutz vor Luftangriffen. Nach dem Krieg sollten auf Anweisung der Alliierten die Hamburger Bunker eigentlich gesprengt werden. Doch die Sprengkraft für den Flakbunker auf St. Pauli hätte so enorm sein müssen, dass umliegende Viertel mit zerstört worden wären. Der Mangel an Wohnraum und Büroflächen nach dem Krieg führte schnell dazu, dass der Bunker wieder genutzt wurde. Bereits 1946 zog die erste Redaktion des Axel-Springer-Verlages in eines der oberen Stockwerke ein und brachte erste Ausgaben der Programmzeitschrift „Hör zu“ - damals noch für den Hörfunk heraus. 1952 sendete der damalige NWDR die erste „Tagesschau aus dem Bunker.


NWDR - die erste „Tagesschau" aus dem Bunker. In den 1990er-Jahren wurde aus ihm der sogenannte Medienbunker. Werbe- und Promotionsagenturen, die Studios einer Medienhochschule, ein Theater und ein Konzertsaal zogen ein. Dem Club „Uebel & Gefährlich“ kam die Schallisolierung der bis zu vier Meter dicken Wände zugute. International bekannte DJs legen dort heute noch auf. Auch das klassische Ensemble „Resonanz“ nutzt die besondere Akustik der Bunkerwände. Im „Terrace Hill“ lässt es sich bei dezenter Musikbeschallung bestens abhängen. Im Hamburger Stadtgebiet existieren heute noch rund 650 Bunker, die zum Teil als Museen oder Kletterhallen genutzt werden. In der Größe mit dem Flakbunker auf St. Pauli vergleichbar ist aber nur der Bunker im Stadtteil Wilhelmsburg. Er wird als ökologischer Energiebunker genutzt und versorgt große Teile der Nachbarschaft mit Strom und Wärme. Sie werden im Innenraum des Baus mithilfe von Solarenergie, Biomethan und einer Holzfeuerungsanlage erzeugt. WOLFRAM SEIPP
Erschienen im Tagesspiegel am 07.09.2024