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Spitzenmedizin jenseits von Stadtgrenzen

"Die moderne Krebsmedizin darf nicht an den Stadtgrenzen von Ballungsräumen enden. Unser Ziel ist eine intelligente Vernetzung“, sagte Professor Volker Heinemann, Direktor des CCC München LMU (von links nach rechts): Professor Hana Algül, Geschäftsführender Direktor des CCC München TUM, Marina Schmid, Koordinatorin CCC München, Geschäftsstellenleitung, B.A. Gesundheitsmanagement, Dr. Alisa Martina Lōrsch, Fachärztin, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III, TUM Klinikum Rechts der Isar, Fachärztin für Innere Medizin und Hämatologie und Onkologie, Sprecherin Molekulares Tumorboard ZPMTUM, Dr. Till Seiler, Chefarzt der Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin am Klinikum Garmisch-Partenkirchen, Dr. Pia Heuẞner, Leitende Oberärztin, Psychoonkologie Klinikum Garmisch-Partenkirchen und Murnau GmbH, Professor Volker Heinemann, Geschäftsführender Direktor des CCC München LMU, Präsident der Bayerischen Krebsgesellschaft, Dr. Mox Hubmann Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie, Vorstand BNHO (Berufsverband der Niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte für Hämatologie und medizinische Onkologie). Engelbert Waldmann, Patientenbeiratsmitglied des CCC München und Leiter der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Krebs in Neuburg an der Donau"   Foto: CCC München

Forum Spitzenmedizin

Spitzenmedizin jenseits von Stadtgrenzen

Krebspatienten auf dem Land haben oft längere Wege zu bewältigen und weniger Therapieangebote zur Verfügung - vernetzte Strukturen sollen das ändern

Die Diagnose Krebs ist eine Zäsur - es ist der Moment, in dem für jeden Betroffenen die Welt stillzustehen scheint. In dieser belastenden Situation wird die moderne Onkologie zum wichtigsten Hoffnungsträger. Während die Medizin heute Erfolge erzielt, die noch vor kurzem als Science-Fiction galten, hängen die Heilungschancen allerdings oft an einem frustrierend banalen Detail: der eigenen Postleitzahl. Von einer geografischen Ungerechtigkeit zu sprechen, ist dabei kaum übertrieben. Wer im Schatten der Münchner Frauentürme lebt, ist nur eine U-Bahn-Fahrt von den klügsten Köpfen der Krebsforschung entfernt. Wer jedoch auf dem Land und in den Randgebieten des Freistaats wohnt, findet sich oft in einer medizinischen Sackgasse wieder. Nicht nur, dass die Koryphäen der modernen Krebstherapie weit entfernt forschen und arbeiten. Auf dem flachen Land wird schon der Weg zur lebensnotwendigen Therapie zur logistischen Belastungsprobe. Bereits die basale Krebsversorgung mit Chemo- und Strahlentherapie, regelmäßiger Nachsorge und damit verbundenen stundenlangen Auto- oder Busfahrten raubt den Betroffenen die Kraft, die sie eigentlich für den Heilungsprozess benötigen. 

Engelbert Waldmann aus Neuburg an der Donau, der selbst an Schilddrüsenkrebs erkrankte und heute eine Selbsthilfegruppe leitet, hat das hautnah erlebt. Für ihn und die Mitglieder seiner Gruppe kann schon der Weg zum Bahnhof eine unüberwindbare Hürde darstellen - sei es aufgrund des Alters, der Schwäche durch die Therapie oder schlicht wegen des mangelhaften öffentlichen Nahverkehrs. Gerade wenn Patientinnen und Patienten älter oder sehr krank seien, könnten sie keine langen Strecken zurücklegen, auch weil es auf dem Land an öffentlichem Nahverkehr fehlt. "Ein Patient sollte seine Kraft für den Kampf gegen den Krebs aufwenden, nicht für den Weg zur Therapie", betont er.

Suche nach Lösungen: Vernetzte Versorgung

Auf dem Land fehlen oft Mobilitätskonzepte; wer alt oder durch die Behandlung geschwächt ist, kann die Fahrt in das weit entfernte Zentrum kaum bewältigen. Dabei beschränken sich die Defizite nicht auf die rein krebsmedizinische Behandlung. Besonders prekär ist die Lage in der Psychoonkologie. Während die Chemotherapie vielfach noch wohnortnah organisiert werden kann, klafft bei der seelischen Unterstützung eine "gefährliche Lücke“. Wartezeiten von vier bis sechs Monaten sind in ländlichen Regionen keine Seltenheit - für Menschen mit fortgeschrittenen Tumoren ist das oft länger als die verbleibende Lebenszeit. Es ist eine stille Krise in der Krise, bei der Betroffene mit ihren Ängsten zwischen monatelangen Wartezeiten und nicht finanzierten Anfahrtswegen allein gelassen werden.
Diese "Postleitzahlen-Lotterie“ beschäftigt auch Fachleute. Anlässlich des Weltkrebstags 2026 machte das Comprehensive Cancer Center (CCC) München auf die strukturellen Unterschiede aufmerksam. Das gemeinsame Spitzenzentrum des LMU Klinikums und des TUM Klinikums Rechts der Isar betont: Hochwertige Krebsmedizin darf kein Privileg städtischer Regionen sein.

Digitale Brücken in die Provinz

Wie kann eine hochwertige onkologische Versorgung auch jenseits der Ballungsräume gelingen? Auf einer Pressekonferenz diskutierten Medizinerinnen und Mediziner aus Klinik, Praxis und Vertreter der Selbsthilfe diese Frage. Einigkeit bestand darin, dass ein flächendeckender Neubau von Spezialkliniken keine realistische Option darstellt. Stattdessen setzen Experten auf eine eng vernetzte Versorgungsstruktur mit einer hybriden Betreuung. Bei dieser gemischten Therapie finden die hochkomplexe Diagnostik und die Planung der Strategie in spezialisierten Zentren statt, die Durchführung erfolgt hingegen wohnortnah in der vertrauten Umgebung. Professor Volker Heinemann, Direktor des CCC München LMU, sieht darin den entscheidenden Hebel für die Zukunft. Er stellt klar: "Die moderne Krebsmedizin darf nicht an den Stadtgrenzen von Ballungsräumen enden. Unser Ziel ist eine intelligente Vernetzung." 

Das zentrale Instrument dieser Vernetzung sind sogenannte "Molekulare Tumorboards“. In diesen digitalen Konferenzen analysieren Experten verschiedenster Fachrichtungen gemeinsam genetische Profile von Tumoren und entwickeln individuelle Therapievorschläge. Das Besondere: Der behandelnde Arzt aus der ländlichen Praxis oder dem kleinen Regionalklinikum sitzt virtuell mit am Tisch. Er bringt die Expertise der Münchner Universitätskliniken direkt zu seinem Patienten, ohne dass dieser für jede Beratung in die Landeshauptstadt reisen muss. Der Patient profitiert von einer personalisierten Therapieempfehlung, muss sein vertrautes Umfeld aber nicht verlassen. Professor Hana Algül, Direktor des CCC München TUM, beschreibt diesen Ansatz als technologischen Befreiungsschlag. "Durch digitale Brücken wie das Molekulare Tumorboard bringen wir die universitäre Expertise direkt in die ländliche Praxis“, erklärt Professor Algül. "So sichern wir Spitzenmedizin auf dem Land, ohne die Patienten durch weite Wege zusätzlich zu belasten". Dass dieser Bedarf real ist, zeigen die Zahlen: Bereits 30 Prozent der Fälle in diesen Boards stammen mittlerweile von externen Ärzten.

Modernste Kommunikationsmittel machen die Einbindung von Hausärzten ins Tumorboard, die schnelle Absprache mit großen Zentren und die Einsicht in aktuelle Befunde möglich.    Foto: Adobe Stock
Modernste Kommunikationsmittel machen die Einbindung von Hausärzten ins Tumorboard, die schnelle Absprache mit großen Zentren und die Einsicht in aktuelle Befunde möglich.    Foto: Adobe Stock

Die Praxis als Anker

Für die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten im ländlichen Raum ermöglicht die enge Zusammenarbeit zwischen zertifizierten Kliniken und niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen eine leitliniengerechte onkologische Versorgung. Die Wege werden bei einer solchen wohnortnahen Behandlung kürzer, Angehörige können in der Routineversorgung und in Notfällen schneller unterstützen und die Betreuung ist persönlicher. Der Faktor Mensch bleibt dabei erhalten. Die Landbewohner müssen nicht mehr zu den - oft negativ wahrgenommenen - anonymen Hightech-Medizinzentren anreisen. Vielmehr fungieren die niedergelassenen Onkologen vor Ort als Ankerpunkte. Sie bieten die Kontinuität und die persönliche Bindung, die eine anonyme Großklinik in diesen Fällen selten leisten kann. In der Kombination aus lokaler Empathie und globalem Expertenwissen per Mausklick liegt die Hoffnung für die Patienten außerhalb der Metropolen.

Unterstützung und Orientierung

Zu der Hoffnung gehört auch eine Anerkennung und Förderung der Psychoonkologie. Während Kosten für Fahrten zur Chemotherapie von Krankenkassen finanziert werden, müssten Patientinnen und Patienten den Weg zur psychologischen Hilfe selbst organisieren. "Zwischen monatelangen Wartezeiten und nicht finanzierten Anfahrtswegen werden schwerstkranke Menschen mit ihren Ängsten allein gelassen. Wir brauchen dringend eine Anerkennung der Fahrtkosten und eine bessere Ressourcenverteilung, damit Wohnort und körperliche Schwäche nicht zum Ausschlusskriterium für psychologische Hilfe werden“, forderte Pia Heuẞner, Leitende Oberärztin der Psychoonkologie am Klinikum Garmisch-Partenkirchen. 

Um die Brücke zwischen lokaler Betreuung und konzentrierter medizinischer Expertise für Patienten zugänglicher zu machen, hat das CCC München zudem das „Infoportal Krebs“ (infoportal-krebs.de) ins Leben gerufen - einen digitalen Wegweiser, der Betroffenen hilft, sich im Dschungel der Angebote zurechtzufinden, von der Nachsorge bis hin zu spezialisierten Beratungsstellen. "Mit dem Infoportal Krebs ermöglichen wir Patientinnen und Patienten einen unkomplizierten Zugang zu qualitätsgesicherten Informationen - jederzeit und unabhängig vom Wohnort“, sagte Marina Schmid, Zentrumskoordinatorin und Geschäftsstellenleitung des CCC München. Am Ende geht es um ein einfaches, aber fundamentales Versprechen: Dass die Qualität der Behandlung keine Frage der Geografie sein darf. Der Kampf gegen den Krebs ist schwer genug - er sollte nicht an einer fehlenden Busverbindung oder einer starren Sektorengrenze scheitern.



Klaus Manhart

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 25.04.2026

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