Der Begriff Palo de Arco bedeutet so viel wie „Bogenstock“, er bezeichnet das Material und ebenso die Technik, die man hier in Mexiko auf vielfältige Art und Weise rund um den Wohnhausbaueinsetzt. Der hierfür verwendete Laubholzbaum, auch Pau d'Arco oder Lapacho genannt, wächst in den tropischen und subtropischen Regionen Südamerikas, blüht im Oktober und ist für seine leuchtend gelben Blütenbüschel bekannt, die Glocken ähneln. Die weit verbreitete Wildpflanze wird bis zu acht Metern hoch, sie gedeiht an Straßenrändern und in immergrünen Wäldern, im Buschland und in Dornenwäldern.
Ästhetische Anmutung
Die Einheimischen nutzen die besonders biegsamen Äste dieser Baumart, um sie zu Zäunen und Gartentoren, zu Dächern und Vordächern, Sonnenschutz, Jalousien und Fensterläden, Raumteilern oder Balkongittern zu flechten - mittels einer simplen Technik, die zudem höchst ästhetisch wirkt und ganz ohne Verwendung von Nägeln auskommt. Schon die ersten Siedler in Baja California errichteten gesamte Häuser in dieser Technik, inklusive Türen und Wänden. Eine Handwerkskunst, die bis heute nichts von ihrer Tauglichkeit verloren hat. Auch für Möbel eignet sich diese traditionelle natürliche Bauweise, für Innen- ebenso wie für Außenräume.
Teil der Faszination ist: Die in Palo de Arco-Technik gefertigten Strukturen lassen einen Teil der Sonnenstrahlen durch, wodurch sich feine, malerische Licht- und Schattenspiele ergeben, die wie ein eigenes Gestaltungselement wirken und über den Tagesverlauf hinweg mitwandern.


Wenn es also so etwas wie einen Los Cabos-Stil gibt - so heißt die südlichste County von Baja California, zu Deutsch Niederkalifornien -, dann besteht er aus diesen Elementen: Aus eben diesen Stöcken des Palo de Arco-Baums, aus getrockneten Palmblättern, aus Mauern aus gestampfter Erde sowie aus der heimischen Metallverarbeitungstradition. Zumeist also organische, lokal gewonnene Materialien, die für Schlichtheit, Funktionalität und Lokalkolorit stehen.
Widerstandsfähige Konstruktion
Durch seine Stabilität und Biegsamkeit erlaubt das Astwerk, das von frühen Völkern als Jagdbogen verwendet wurde und in etwa vergleichbar mit Bambus ist, eine Vielzahl kreativer handwerklicher Anwendungen. Zu einer markanten Webstruktur verflochten, so kommt es vor allem in minimalistisch-modernen Gebäudestrukturen perfekt zur Geltung. Viele örtliche Architekten haben Bedeutung und Möglichkeiten dieser nachhaltigen Handwerkstradition verstanden und setzen das von zahlreichen Generationen weitergegebene kulturelle Erbe in überzeugenden Projekten der Gegenwart ein. Wer offenen Auges durch Städte wie Todos Santos, San Josè del Cabo oder Cabo San Lucas zieht, der findet erstaunlich viele, visuell gelungene Beispiele auf Schritt und Tritt. Auch im Rahmen der typischen offenen Hütten namens „Palapa“ (Palmendach) kommt die altehrwürdige Technik buchstäblich zum Tragen: Hierfür werden getrocknete Blattstiele von Palmblättern überlappend geschichtet und mit dem biegsamen, widerstandsfähigen Bogenholz verbunden - offene Konstruktionen, die bestens geeignet sind für heiße und feuchte Klimazonen, da sie eine gute Luftzirkulation und Schutz vor Sonne und Regen bieten.
Dem besonderen Holz werden zudem heilende Kräfte bestätigt: Es wird zu einer Vielzahl von medizinischen Behandlungen eingesetzt. Als Tee, der aus der inneren Rinde gewonnen wird, vermag Palo de Arco entzündungshemmend, antiviral und antibakteriell zu wirken, er lindert Schmerzen und wirkt fiebersenkend. Auch bei Erkältungssymptomen und Rheuma kommt das natürliche Mittel zum Einsatz, sowie für weitere Heilzwecke. Es wurden insgesamt 55 verschiedene Anwendungen und 56 chemische Verbindungen beschrieben. Eine vielseitige Pflanze also, die zur äußeren Verwendung ebenso taugt wie zur inneren Anwendung.
FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 02.08.2025