"Ich möchte einen Tempel des Geistes, ein Monument“ nicht geringer, lautete die Erwartung, die Hilla von Rebay 1943 in einem Brief an den amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright formulierte. Die deutschstämmige Kuratorin und Künstlerin war zu jener Zeit Präsidentin der Solomon R. Guggenheim Foundation. Sie hatte den legendären Kunstsammler Solomon R. Guggenheim beim Aufbau seiner wachsenden Sammlung zeitgenössischer und avantgardistischer Kunst, darunter zahlreiche Werke von Picasso, Miró und Kandinsky - seit den 1930er-Jahren beraten. Die Meisterwerke des Impressionismus, Expressionismus, Surrealismus und abstrakter Kunst hatte Guggenheim zunächst in seinem Apartment im New Yorker Savoy-Plaza-Hotel ausgestellt.
Nun sollte ein würdiger Rahmen für die Kunst auf dem Baugrund an der Fifth Avenue in unmittelbarer Nähe zum Central Park entstehen. Obwohl Frank Lloyd Wright die enge Bebauung in Manhattan für das Museum nicht geeignet fand, machte er sich sofort an die Arbeit und fertigte an die 700 Skizzen. Auch Hilla von Rebay nahm Einfluss auf die Planung und setzte durch, das Gebäude in weißer Farbe zu halten. Ursprünglich hatte Wright einen roten Farbton vorgesehen und wollte wesentlich mehr Glasflächen. Trotz fortgeschrittener Planungen konnte erst 1956 mit den Arbeiten an dem Museum begonnen werden. Die hohe Inflation infolge des Zweiten Weltkriegs und Blockaden durch die Baubehörde verhinderten einen früheren Baubeginn. 1959, nach nur drei Jahren Bauzeit, konnte das Museum schließlich seine Tore für das Publikum öffnen. Frank Lloyd Wright erlebte die feierliche Eröffnung nicht mehr, er war ein halbes Jahr vorher gestorben.



Wrights Entwurf sieht die Grundform einer Rotunde mit terrassenförmigen Etagen vor, die sich spiralförmig um die zentrale Halle winden. An einer nach innen offenen Rampe mit einer Steigung von drei Prozent werden die Kunstwerke ausgestellt. Wrights Konzept sah vor, dass Besucher mit einem Aufzug bis zum höchsten Punkt der Rotunde fahren und spiralförmig an den Kunstwerken entlang nach unten laufen können und nicht wie bisher in Museen üblich von einem Raum zum nächsten geführt werden. Die offenen Etagen ermöglichen es, die Kunstwerke aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Galerien sind in verschiedene Sektoren unterteilt. Der 28 Meter hohe Rundbau wird durch eine Glaskuppel erhellt. Die Kunstwerke selbst werden durch helle fluoreszierende Lampen mit neutraler Lichtfarbe in Szene gesetzt, die sie optisch von den Wänden abheben. Neben der zentralen Rotunde gibt es noch einen kleineren Rundbau, der damals als Wohnungen für Guggenheim und Rebay geplant war und heute als Büro genutzt wird. 1990 wurde das Museum erweitert und der bereits von Frank Lloyd Wright geplante Turm realisiert.
Im Museum sind nicht nur runde Formen als Hauptmotiv anzutreffen, sondern auch andere geometrische Formen wie Dreiecke, Quadrate oder Ovale. Die Plastizität organischer Strukturen soll sich nach Wrights Vorstellung in dem Gebäude widerspiegeln und sich dadurch harmonisch in die Umgebung integrieren. Umgesetzt hat Wright dieses Konzept auch bei seinem berühmten Haus Fallingwater, das über einen Wasserfall gebaut wurde und ebenfalls als Meisterwerk der modernen Architektur gilt. Beim Guggenheim Museum spielte die Natur des nahen Central Parks als Ruhepol zu dem hektischen Treiben New Yorks eine Rolle in Wrights Überlegungen. Trotz des Beifalls für das revolutionäre Konzept des New Yorker Solomon R. Guggenheim Museums gab es auch Kritik. Vor allem Künstler bemängelten, der Bau selbst stehle den ausgestellten Kunstwerken die Schau und sei eigentlich selbst ein Kunstwerk. Unbestritten ist hingegen, dass die ungewöhnliche Architektur des Museums schon seit seiner Eröffnung mit jährlich rund 700.000 Besuchern ein Publikumsmagnetist und über mittlerweile sechs Jahrzehnte das Interesse an der ausgestellten Kunst weltweit förderte.
Erschienen im Tagesspiegel am 07.07.2025