Von Vogelgesang am frühen Morgen geweckt zu werden, wird seltener. Weltweit sind zahlreiche Vogelstimmen verstummt, der Bestand ist rapide geschrumpft. Jede achte Vogelart ist inzwischen vom Aussterben bedroht. Rebhühner und Kiebitze gelten auch hierzulande bereits als Exoten. Versiegelte Flächen und ein zunehmendes Insektensterben durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln machen es vielen Vogelarten schwer, einen geeigneten Lebensraum zu finden. An einen Nahrungsengpass im Winter sind die Vögel eigentlich angepasst. Der Bund Naturschutz empfiehlt daher nur bei Schnee und Minusgraden Vögeln ein zusätzliches Nahrungsangebot bereitzustellen. Viele Arten kämen ohnehin nicht an die Futterstellen. Wichtiger als die Fütterung im Winter sei, den Lebensraum von Vögeln zu verbessern. Jeder Gartenbesitzer könne dazu beitragen, indem er einen Naturgarten anlege. Stauden, Altgras oder Disteln sollten im Herbst stehengelassen werden, da darin zahlreiche Insektenlarven überwintern, die für viele Vögel zu den Leckerbissen zählen. Auch Komposthaufen oder liegengelassenes Laub bieten Vögeln ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Wer Vögeln für den Winter eine Futterstelle bieten möchte, sollte einiges beachten.
Jede Vogelart hat andere Vorlieben: Drosseln und Rotkehlchen etwa lieben Äpfel, Rosinen und Haferflocken, Meisen mögen Fett, das beispielsweise als Rindertalg zur Verfügung gestellt werden kann, Finken picken gerne Körner und Beeren. Speisereste sind für Vögel tabu. Sie enthalten meist Salze und Gewürze, die für Vögel tödlich sein können. Manche Vogelarten holen ihr Futter am liebsten vom Boden, andere - wie etwa Meisen - picken ihr Futter aus aufgehängten Knödeln. Bauart und Positionierung der Futterstelle haben daher einen Einfluss auf die Vogelarten, die zu Besuch kommen.
Das Futter sollte nicht auf den Boden geworfen werden, da es sich mit Vogelkot mischen und bei mildem Wetter zu tödlichen Vogelkrankheiten führen kann. Außerdem sollte das Futter sicher vor Feuchtigkeit - möglichst in einem Futtersilo - aufbewahrt werden. Ein dichtes Dach mit Überstand hilft bei Holzhäuschen, die Wände trocken zu halten. Das Holz des Vogelhäuschens sollte aber zudem durch ein Holzöl imprägniert sein. Futterstellen aus Steingut, Plastik oder Metall sind besonders resistent gegen Witterungseinflüsse.



Ein Vogelhäuschen sollte mindestens 1,50 Meter hoch hängen, damit es sicher vor Katzen, Ratten und Mäusen ist. Man sollte darauf achten, dass das Vogelhäuschen gut zu reinigen ist und feucht gewordenes Futter entfernen. Einige Arten wie Drosseln oder Rotfinken scheuen sich, irgendwo hineinzuschlüpfen, auch wenn das Einflugloch groß genug ist. Ein Rand, auf dem sie sicher landen können, ist daher sinnvoll. Eine größere Fläche, auf der die Vögel herumlaufen können, birgt die Gefahr, dass das Futter durch Kot verunreinigt wird. Hochwertige Modelle haben verschiedene Fütterungsmöglichkeiten für Nüsse, Samen, Körner und Insekten.
Für welches Vogelhäuschen man sich entscheidet, ist ansonsten eine Preis- und Geschmacksfrage. Es gibt zahlreiche verschiedenen Modelle, von der nordischen Blockhütte bis zur Toskana-Villa. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Auch Nistkästen und Nisthöhlen können vielen Vogelarten helfen. In Höhlenkästen finden sich häufig Kleinvögel wie Kohlmeise, Bleimeise, Kleiber, Feldspatz oder Haussperling ein. In Nistkästen ziehen gerne kleinere Meisenarten ein. Nistkästen aus Holz, Ton, Kokos oder Seegras sind am besten geeignet.
Neben dem Vogelhäuschen und Nisthöhlen sind auch eine Vogeltränke und ein Vogelbad sinnvoll. Denn Vögel brauchen neben Futter auch Wasser. In einem Vogelbad können sie ihr Gefieder reinigen und die isolierende Eigenschaft des Gefieders erhalten. Allerdings sollte das Vogelbad regelmäßig ausgeleert und neu befüllt werden. Kommen dann die Vögel zu der Futterstelle oder spritzen mit dem Wasser im Vogelbad herum, ist es vor allem für Kinder ein bereicherndes Naturerlebnis, bei dem verschiedene Arten in Ruhe beobachtet werden können. WOLFRAM SEIPP
Erschienen im Tagesspiegel am 07.09.2024