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Professor Peter Falkai: „Viele psychische Erkrankungen sind immer noch stigmatisiert"

Depressionen, Angst- oder Zwangserkrankungen gehören zu den häufigsten psychischen Krankheiten hierzulande. Foto: Adobe Stock (Kl-generiert)

TAG DER SEELISCHEN GESUNDHEIT

Professor Peter Falkai: „Viele psychische Erkrankungen sind immer noch stigmatisiert"

Professor Peter Falkai erläutert im Interview die Entwicklungen und Umbrüche in Diagnostik und Therapie seit der Eröffnung der Psychiatrischen Klinik des LMU-Klinikums.

Dass München zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Psychiatrie Weltgeltung erlangte, hatte zwei Gründe: Zum einen wurde in der bayerischen Landeshauptstadt vor genau 120 Jahren die hochmoderne Königlich Psychiatrische Klinik der Universität München eröffnet. Zum anderen war es gelungen, den berühmten Psychiater, Professor Emil Kraepelin als ersten Direktor der Klinik und als Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität zu gewinnen. Zu den Assistenten, die Emil Kraepelin nach München folgten, gehörte auch Alois Alzheimer, den Kraepelin sogleich damit beauftragte, ein hirnanatomisches Laboratorium aufzubauen. Schon bald wurde das Laboratorium weltberühmt, denn hier kam Alzheimer 1906 den histologischen Veränderungen im Gehirn auf die Spur, die kennzeichnend für die nach wie vor häufigste Demenzerkrankung sind – und die heute seinen Namen trägt: Alzheimer. In jenen Jahren wurden die psychiatrischen Einrichtungen oft noch „Irrenanstalten“ und die Psychiatriepatienten „Irre“, „Wahnsinnige“ oder „Geisteskranke“ genannt. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. „Dennoch kommt es auch heute noch viel zu häufig vor, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung Abwertung und Ausgrenzung erleben“, bedauert Professor Peter Falkai, der seit fast 40 Jahren Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des LMU Klinikums ist. 

Herr Professor Falkai, die Psychiatrische Klinik des LMU Klinikums feiert im November ihr 120-jähriges Bestehen. Was bedeutete es vor 120 Jahren, „psychisch krank“ zu sein?

Professor Peter Falkai:
Als die Psychiatrische Klinik 1904 eröffnet wurde, war die Psychiatrie gerade im Begriff, sich als akademische Wissenschaft zu etablieren; hieran hatte übrigens Emil Kraepelin maßgeblichen Anteil. Wirklich akzeptiert war das Konzept „psychisch krank zu sein“ zu dieser Zeit allerdings noch nicht. Nach wie vor war es üblich, Menschen mit einer psychischen Erkrankung auszugrenzen, ihnen ihre Autonomie zu nehmen und sie oftmals für den Rest ihres Lebens in Einrichtungen unterzubringen, ohne dass sie dort eine würdevolle und eine für ihr Krankheitsbild angemessene Behandlung erhielten. Diese Bedingungen haben sich glücklicherweise grundlegend geändert.

Für Professor Peter Falkai ist die Stigmatisierung pychisch kranker Menschen deren „zweite Krankheit“. Foto: LMU Klinikum München
Für Professor Peter Falkai ist die Stigmatisierung pychisch kranker Menschen deren „zweite Krankheit“. Foto: LMU Klinikum München

Welche Entwicklungen waren besonders bedeutsam?

Allein in der Zeit, in der ich als klinisch tätiger Psychiater arbeite, also von 1987 bis jetzt, gab es zahlreiche wegweisende Entwicklungen. So wissen wir heute zum Beispiel sehr viel besser Bescheid über die verschiedenen Mechanismen und Faktoren, die zur Entstehung einer psychischen Erkrankung beitragen können. Zudem können wir mithilfe von standardisierten Definitionen und Kriterien eine psychische Erkrankung in den meisten Fällen sicher diagnostizieren. Aber vor allem verfügen wir mittlerweile über ein breitgefächertes Therapieangebot, das sowohl somatische Behandlungsmethoden wie Medikamente als auch psychotherapeutische Maßnahmen umfasst. Oft kommt eine Kombination von Therapien zur Anwendung, etwa ein Psychopharmakon in Kombination mit einer Gesprächstherapie. Die Grundlagen für die Entwicklung der modernen Psychopharmakologie stammen ebenfalls von Emil Kraepelin. Dank dieser und vieler anderer Errungenschaften der Forschung auf dem Gebiet der Psychiatrie können wir den Betroffenen heute individuelle Hilfestellung geben und sie sehr effektiv darin unterstützen, dass sie ihre Funktionsfähigkeit und Lebensqualität zurückgewinnen. 

Hat die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen durch die Gesellschaft abgenommen?

Für einige Krankheiten wie Depressionen, Angsterkrankungen oder Zwangserkrankungen, die hierzulande zu den häufigsten psychischen Erkrankungen gehören, trifft das sicherlich zu. Diesen Erkrankungen wird allgemein eine reelle Chance auf Genesung eingeräumt: Man kann zwar daran erkranken, aber man kann auch wieder gesund werden. Anderen psychischen Erkrankungen, allen voran schizophrenen Psychosen, bipolaren Störungen oder Suchterkrankungen, hängt dagegen bedauerlicherweise nach wie vor ein starkes Stigma an. Dabei sind diese Krankheiten zwar bislang nicht vollständig heilbar, aber gut behandelbar. 

Welche Vorurteile halten sich besonders hartnäckig?

Viele Betroffene sehen sich zum Beispiel mit der falschen Vorstellung ihrer Umgebung konfrontiert, sie seien nun für den Rest ihres Lebens nicht mehr „fit“ und „belastbar“ – ein Aspekt, der auch und gerade in der Arbeitswelt oft sehr negative Auswirkungen hat. Oder es wird ihnen unterstellt, aufgrund einer „falschen“ Einstellung zum Leben selbst schuld an ihrer Krankheit zu sein. Würden sie endlich mal „positiv“ sein und „mehr Disziplin“ aufbringen, gäbe es auch keine „Notwendigkeit“ für sie, psychisch krank zu sein. Aber es gibt noch viele weitere Formen der Entwertung und Stigmatisierung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Diese Menschen leiden also in doppelter Hinsicht: Sie haben nicht nur mit den Symptomen und Einschränkungen ihrer Krankheit zu kämpfen, sondern auch mit dem Unverständnis und der abwertenden Haltung ihrer Umwelt. In der Psychiatrie wird Stigmatisierung deshalb auch als „zweite Krankheit“ bezeichnet, weil sie ähnlich belastend erlebt wird wie die Erkrankung selbst. Hinzu kommt, dass Stigmatisierung einer der Gründe dafür ist, weshalb viele Menschen mit psychischen Problemen oft erst verspätet oder gar keine Hilfe suchen. 

Der erste Direktor der Klinik gilt als Begründer der modernen Psychiatrie. Was gehört zu Emil Kraepelins größten Verdiensten? Einer seiner größten Leistungen ist die Neuordnung der psychiatrischen Klassifikationen, die fünf Hauptgruppen vorsah und die bis heute die wichtigsten internationalen Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-5 prägt. Besonders bedeutsam war Kraepelins kategoriale Trennung der Psychosen in „Dementia praecox“, die später zur „Schizophrenie“ wurde, und dem Krankheitsbild des „manisch-depressiven Irreseins“, das wir heute als „bipolare Störung“ bezeichnen. Damit wurden erstmals Subgruppen mit einer jeweils unterschiedlichen Symptomatologie und einem jeweils unterschiedlichen Verlauf beschrieben – ein Meilenstein, der wiederum zur Grundlage für die Entwicklung unterschiedlicher Behandlungsansätze wurde. Kraepelin war es auch, der 1917 die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie gründete, die Vorläuferin des heutigen Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München.

Die Forschung ist der Psychiatrischen Klinik ein zentrales Anliegen geblieben. Welche Forschungsfelder stehen im Vordergrund?

Als Klinik, in der neben Emil Kraepelin und Alois Alzheimer auch viele andere berühmte Persönlichkeiten erfolgreich gearbeitet haben, setzen wir die Tradition einer herausgehobenen klinischen Forschung fort. Auf diese Weise ist es uns gelungen, bis heute zu den führenden Forschungskliniken Deutschlands zu gehören. Wir bieten Forschungsmöglichkeiten für alle Krankheitsgruppen: von Suchterkrankungen, affektiven und psychotischen Erkrankungen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen und Demenzen. Derzeitige Forschungsschwerpunkte sind beispielsweise neue Methoden der Hirnstimulation, die Entwicklung spezieller Psychotherapieprogramme oder die Früherkennung psychischer Erkrankungen mit modernen bildgebenden Verfahren. Hierfür verfügt unsere Klinik über eine Fülle von Forschungsmethoden, etwa eine hochmoderne Bildgebung im Haus oder eine eigene Biobank. Unser Ziel war und ist es, durch Grundlagenforschung und klinische Studien die Psychiatrie weiter voranzutreiben und den Betroffenen so neue Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Entsprechend behandeln wir unsere Patienten nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen – und immer unter Berücksichtigung ihrer individuellen Bedürfnisse. Interview: Nicole Schaenzler

Tag der Offenen Tür

Am Mittwoch/Donnerstag, 6./7. November, feiert die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des LMU Klinikums ihr 120-jähriges Jubiläum mit einem hochkarätigen Symposium. Am Freitag, 8. November, ist Tag der Offenen Tür – und damit die Gelegenheit für alle Interessierten, einen Blick hinter die Kulissen der Psychiatrischen Klinik zu werfen: Von 8 Uhr bis 15 Uhr können alle, die mehr über die Arbeit und Chancen in der Psychiatrie erfahren möchten, sowohl in der Nußbaumstraße 7 als auch im St.-Vinzenz-Haus in der Nußbaumstraße 5 in ein vielfältiges Rahmenprogramm eintauchen. Neben Infoständen und Gesprächen mit Expertinnen und Experten der Psychiatrischen Klinik gehören auch Führungen durch die Räumlichkeiten zum Programm. Außerdem erhalten Interessierte fachkundige Einblicke in verschiedene Behandlungsformen und haben die Möglichkeit, Therapien direkt kennenzulernen. schae

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 10.10.2024

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