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Psychiatrie der TUM: "Die Perspektive von Betroffenen und Angehörigen viel mehr mitdenken"

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Tag der seelischen Gesundheit

Psychiatrie der TUM: "Die Perspektive von Betroffenen und Angehörigen viel mehr mitdenken"

Die Psychiatrie bietet im Rahmen ihrer Tagesklinik psychisch erkrankten Menschen therapeutische Hilfe an.

Seelische Gesundheit benötigt eine solide Basis. Diese hat im universitätsklinischen Kontext mehrere Standbeine: Patientenbehandlung, Forschung und Lehre bilden einen Dreiklang, der Menschen mit psychischen Erkrankungen individuelle, moderne Therapiekonzepte bietet - so wie an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München. Deren Direktor, Professor Dr. Josef Priller, definiert seelische Gesundheit "als ein Element des gesamten Wohlbefindens, das ganz intensiv von körperlichen und sozialen Aspekten unterstützt wird.“ Im Zusammenspiel des multiprofessionellen Klinikteams werden psychische Erkrankungen und somatische Krankheiten daher „von beiden Seiten betrachtet.“ Im Gespräch erläutert der Klinikdirektor das Prinzip der Tageskliniken und welche Erfolgsperspektiven jeweils gegeben sind.

Herr Professor Priller, warum bietet die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in ihrer Tagesklinik zwei spezialisierte Bereiche an?
Prof. Josef Priller: Bisher richtet sich eine unserer Tageskliniken an Patientinnen und Patienten über 50 Jahren, die andere ist für Menschen jeden Alters offen. Traditionell werden jüngere und ältere Patienten mit unterschiedlichen Programmen behandelt, weil man davon ausgeht, dass zum Beispiel bei den Älteren eher neurodegenerative Prozesse eine Rolle spielen. Wir gehen aber dazu über, diese Trennung nicht mehr so strikt zu nehmen, denn altersgemischte Gruppen profitieren vom generationenübergreifenden Austausch. Daher wollen wir statt der altersgetrennten künftig stufenweise eine psychiatrische und eine neuropsychiatrische Tagesklinik anbieten.

Welche Vorteile hat eine Tagesklinik gegenüber einem stationären Aufenthalt?
Das ist eine wichtige und häufig gestellte Frage. Eine teilstationäre Behandlung in der Tagesklinik ermöglicht den Fortbestand sozialer Integration im persönlichen Umfeld. Für Berufstätige werden der Erhalt eines Teils der Erwerbstätigkeit oder der Wiedereinstieg in den Beruf leichter als nach längerer Abwesenheit wegen einer stationären Behandlung. Um Berufstätigen, Familien oder auch pflegenden Angehörigen entgegenzukommen, bieten wir demnächst auch eine Abendstation mit tagesklinischen Angeboten an. Generelle Voraussetzungen für den Besuch einer Tagesklinik ist, dass Patienten nicht akut suizidgefährdet sind und keine Krankheitsbilder mit zu ausgeprägtem Schweregrad haben.

Für welche Ihrer tagesklinischen, ambulanten und stationären Patienten eignet sich Ihr neues, nicht-invasives Hirnstimulationsverfahren?
Diese schonende Therapie mittels magnetisch ausgelöster elektrischer Ströme wird bisher erfolgreich bei therapieresistenten Depressionen oder bei Psychosen jüngerer und älterer Patientinnen und Patienten eingesetzt. Wir sind dabei, immer besser zu verstehen, wie oft und an welchen Stellen des Gehirns, auch bei Schizophrenie oder Halluzinationen, wir behandeln müssen und damit sogar Symptome wie sozialen Rückzug zurückdrängen können.

Mit welchen Behandlungserfolgen können die Tagesklinik-Besucher rechnen?
Die Behandlungserfolge hängen auch vom Krankheitsbild ab. Depressionen und Ängste werden reduziert, kognitive Prozesse verbessert, wir geben auch Unterstützung in sozialen Belangen und können den Übergang in unsere Ambulanzen dynamisch gestalten. Prinzipiell gibt es nur wenige Behandlungen, die man nicht tagesklinisch durchführen kann. Alle profitieren zum Beispiel davon, dass Tageskliniken helfen, Therapieabbrüche zu vermeiden. Denn die Patienten kehren täglich in ihr gewohntes Umfeld zurück, das ist nicht nur für Ältere angenehm.

Apropos Ältere: Welche Angebote haben Sie bei Depressionen im Alter und Demenz?
Depressionen zeigen sich zwar über alle Altersstufen, es gibt aber zwischen älteren und jüngeren Patientinnen und Patienten Unterschiede beim Ansprechen auf Behandlungsmethoden. Gründe sind zum Beispiel, dass Ältere häufig viele Medikamente einnehmen und körperliche Erkrankungen bei ihnen häufiger sind. Depressionen im Alter oder frühe Boten von Demenz muss man mit neuropsychiatrischen Maßnahmen gut adressieren. 

Wir bieten passive Immunisierungen im Anfangsstadium der Alzheimer-Krankheit an. Depressionen sind ein wesentlicher Risikofaktor für späteres Auftreten von Demenz, psychotherapeutische Verfahren wie in unserer Tagesklinik werden in Zukunft deshalb eine große Rolle bei der Prävention spielen. Außerdem wollen wir den präventiven Gedanken an die individuellen Bedürfnisse anpassen. Dazu gehört auch, sicherzustellen, dass der ältere Mensch gut hört oder zu angemessener körperlicher Aktivität angeregt wird. Motivierend wirken auch unsere Angebote in Kunst-, Bewegungs- und Musiktherapie. Ebenso wie kognitives Training helfen sie beim sozialen Umgang mit anderen Menschen. Mehr Sicherheit im Alltag können unsere Patientinnen und Patienten auch mittels einer VR-Brille üben. Indem sie sich zum Beispiel in ihrem Tempo durch die digitale Realität eines Supermarktes bewegen und dort den Umgang mit unerwarteten Situationen ausprobieren und besser damit umzugehen lernen können. In der Tagesklinik lassen sich neue Alltagsroutinen und Verhaltensweisen sehr gut einüben.

In welchem Zusammenhang spielt Demenz auch in Ihrem Schlaflabor eine wichtige Rolle?
Wir wissen, dass lange vor einer Demenz Veränderungen der Schlafqualität, beispielsweise durch Fragmentierung des Schlafes, zum Beispiel durch wiederholte Unterbrechungen, auftreten. Allerdings wissen wir noch nicht, ob dies Symptom oder Ursache neurodegenerativer Erkrankungen ist. Dies untersuchen wir gerade in einer durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Studie und hoffen, damit die Zusammenhänge zwischen innerer Uhr und Schlaf im Zusammenhang mit Demenz besser zu verstehen.

Wie binden Sie als bundesweit einer von sechs Standorten des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit, kurz DZPG, Patienten und Angehörige ein?
Ein ganz großes Thema in unserem, aber auch in anderen Fächern, ist es, die Perspektive von Betroffenen und Angehörigen viel mehr mitzudenken. Wir möchten wissen: Wo sind im Alltag die wirklichen Herausforderungen? Um Erfahrungswissen zu teilen, hat das DZPG an jedem seiner Standorte einen lokalen Standortrat aus Betroffenen, Angehörigen sowie verständlich und nachvollziehbar kommunizierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern etabliert. Im kontinuierlichen Miteinander und Austausch kann sich Fortschritt besser entwickeln. 

Zum Beispiel bei der Frage, ob und inwieweit unsere Modelle aus Sicht von Betroffenen und Angehörigen die Realität widerspiegeln. Der Austausch ermöglicht Vergleichbarkeit, zum Beispiel auch bei dem mir sehr am Herzen liegenden Thema psychischer Belastungen in Folge von Migration oder Armut. 

Wie profitiert die seelische Gesundheit auch jüngerer Patienten von neuropsychiatrischer Behandlung?
Traditionell haben in Deutschland Neurologie und Psychiatrie in der Nervenheilkunde zusammengearbeitet, das hat sich erst im Zuge der zunehmenden Spezialisierung in der Medizin geändert. Nun stehen wir immer öfter vor der Frage, wie wir wieder zusammenfinden können, denn es gibt kaum Krankheiten, deren Bild nicht beide Disziplinen betrifft. So können Parkinson-Patienten Psychosen entwickeln und Depressive haben ein höheres Schlaganfall-Risiko. Um beide Seiten zu betrachten, nutzen wir das interdisziplinäre Zusammenspiel aller Berufsgruppen.

Das Interview führte Ina Berwanger.

ZUR PERSON: PROF. DR. JOSEF PRILLER

Prof. Dr. Josef Priller hat im Jahr 2020 die Leitung der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Rechts der Isar und den Lehrstuhl für Psychiatrie der Technischen Universität München (TUM) übernommen. Der 55-Jährige ist unter anderem Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und forscht intensiv zu den Zusammenhängen zwischen fehlgeleiteten Immunreaktionen bei psychischen und neurodegenerativen Erkrankungen sowie im Bereich der Neuropsychiatrie. 

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 10.10.2025

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