Herr Professor Birkenmaier, ist die Halswirbelsäule so beweglich wie die Lendenwirbelsäule?
Professor Christof Birkenmaier: Von allen Wirbelsäulenabschnitten ist die Halswirbelsäule in aller Regel sogar der beweglichste. Das muss auch so sein, denn sie trägt den Kopf mit den Seh-, Hör- und Gleichgewichtsorganen. Um diese optimal und in Abstimmung mit den Körpersinnen nutzen zu können, ist eine große Beweglichkeit sehr vorteilhaft. Diese besondere Beweglichkeit macht sie jedoch auch anfällig für Verletzungen und Verschleißerscheinungen. Während die Halswirbelsäule mit ihren sieben Wirbeln, fünf Bandscheiben, Muskeln und Bändern das Bindeglied zwischen Schädel und oberem Rumpf ist, verbindet die Lendenwirbelsäule das Becken mit dem Brustkorb. Eine zentrale Rolle spielt die Halswirbelsäule zudem bei der nervlichen Versorgung der Arme, Schultern und Hände. Dabei bilden die Nervenwurzeln, die aus dem Rückenmark austreten, ein komplexes Geflecht, das die motorischen und sensiblen Funktionen der oberen Extremitäten steuert. Probleme mit der Halswirbelsäule äußern sich deshalb oft durch Beschwerden in Armen, Händen und Fingern.
Gibt es weitere Unterschiede zu den anderen Abschnitten der Wirbelsäule?
Ja, beispielsweise weisen die Halswirbel bestimmte anatomische Merkmale auf, die sie deutlich von den Wirbeln anderer Abschnitte der Wirbelsäule unterscheiden. Aber vor allem verläuft im Spinalkanal der Halswirbelsäule auch das Rückenmark, das wichtige Verschaltungen und Leitungsbahnen für die Arme und den restlichen Körper enthält - im Gegensatz zum Wirbelkanal der Lendenwirbelsäule, der vornehmlich nur noch einzelne Nervenfasern führt. Außerdem verlaufen durch spezielle Knochenkanäle der Halswirbel zwei der vier Schlagadern, die das Gehirn mit sauerstoffreichem Blut versorgen. Diese Aspekte haben Auswirkungen auf das Risiko und den Schweregrad von Erkrankungen im Halswirbelsäulenbereich: Ist auch das Rückenmark in Mitleidenschaft gezogen, kann dies zu besonders schweren Schäden führen.
Was sind die wichtigsten Gründe für chronische Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule?
Der mit Abstand wichtigste Grund ist die individuelle Veranlagung. Tatsächlich ist die Weite des Wirbelkanals in Relation zu den Wirbelkörpern von Mensch zu Mensch unterschiedlichund bei einigen ist er von Natur aus so eng, dass die darin verlaufenden Nerven und das Rückenmark von vornherein nur wenig Platz haben. Auch die Langlebigkeit der Bandscheiben hängt - neben äußeren Einflüssen wie Rauchen, oder spezifische Belastungen - vor allem von genetischen Faktoren ab. Kommt es im höheren Lebensalter zusätzlich zu degenerativen Veränderungen, kann dies zum Problem werden. Ein häufiges verschleiẞbedingtes Krankheitsbild ist zum Beispiel eine Wirbelkanalverengung. Diese Verengung - oder Stenose - kann durch verdickte Bandstrukturen, vorgewölbte Bandscheiben oder auch durch Knochenanbauten entstehen, die sich an den Rändern der Wirbelkörper gebildet haben und nun in den Spinalkanal oder die Nervenkanälchen hineinragen. Dadurch wird der Raum im Spinalkanal noch kleiner, sodass Nerven und Rückenmark zunehmend bedrängt und schließlich so stark komprimiert werden, dass sie irreparabel geschädigt werden. Dadurch kann es zu gravierenden neurologischen Ausfällen wie Störungen der Koordination, Gangstörungen und Lähmungen kommen. Tatsächlich sind die Folgen einer zervikalen Spinalkanalstenose, so der medizinische Fachbegriff, oft schwerwiegender als die einer Stenose der Lendenwirbelsäule, und auch die Lebensqualität der Betroffenen ist häufig noch stärker eingeschränkt.
Wann ist ein operativer Eingriff notwendig?
Ob eine chirurgische Intervention empfehlenswert ist, ist immer eine individuelle Entscheidung, das gilt auch für die Frage, welcher Technik der Vorzug gegeben wird. Grundsätzlich gilt jedoch: Geht die Wirbelkanalenge mit einer Quetschung des Rückenmarks einher - ein Zustand, der sich meist sehr gut mithilfe der Magnetresonanztomographie erkennen lässt -, ist das oberste Behandlungsziel, Enge und Kompression zu beseitigen und einer weiteren Verschlechterung vorzubeugen. Nicht immer kann jedoch gewährleistet werden, dass die neurologischen Ausfälle in Armen und Beinen vollständig wieder verschwinden, dies gilt umso mehr, wenn sie schon länger bestehen.
Gibt es Möglichkeiten, diese Risikogruppe zu identifizieren, bevor es zu Schädigungen des Rückenmarks gekommen ist?
Theoretisch ja, aber in der Realität leider nicht, denn dazu bedürfte es regelmäßiger MRT-Reihenuntersuchungen bei einer nicht sehr häufigen Krankheit. Oft wird eine Stenose der Halswirbelsäule daher erst erkannt, wenn die Symptome den Patienten oder die Patientin bereits stark beeinträchtigen. Deshalb kann es von ersten leichten Beschwerden, die von den Betroffenen oft erst einmal als normale Alterserscheinung abgetan werden, bis hin zur Diagnose Monate und sogar Jahre dauern. Entsprechend hoch ist die Dunkelziffer. Und auch eine verlässliche Prognose über den weiteren Verlauf einer diagnostizierten zervikalen Spinalkanalstenose lässt sich meist kaum treffen - er ist individuell unterschiedlich und hängt auch von weiteren Risikofaktoren ab. Fest steht jedoch: Sind die Beschwerden bereits chronisch geworden, erholen sich die Schäden am Rückenmark oft nur unvollständig. Umso wichtiger sind eine frühzeitige Diagnose und Behandlung, um die Erkrankung besser kontrollieren zu können.
Können chronische Schmerzen auch durch einen Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule verursacht werden?
Wer einen weichen "frischen“ Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule erlitten hat, gehört in der Regel nicht zur chronisch schmerzgeplagten Patientengruppe, sondern bei ihm. treten die Beschwerden meist akut auf, also zum Beispiel Nackenschmerzen beziehungsweise Nackensteife und/oder ausstrahlende Schmerzen in Schulter, Kopf, Arm, Hand und Finger. Das Beschwerdebild kann variieren, je nachdem, auf welcher Etage der Halswirbelsäule der Bandscheibenvorfall liegt und ob die vorgefallenen Bandscheibenanteile seitlich auf einen Spinalnerven oder mittig auf das Rückenmark drücken. Im Gegensatz zur zervikalen Spinalkanalstenose haben zervikale Bandscheibenvorfälle jedoch eine hohe Selbstheilungsrate, sofern das vorgefallene Bandscheibenmaterial "frisch“ und damit wasserhaltig ist. Bis es so weit ist, muss der Betroffene allerdings einiges an Geduld aufbringen - und auch der Leidensdruck ist oft hoch. Neben den Schmerzen empfinden viele Patientinnen und Patienten vor allem Gefühlsstörungen und Missempfindungen als sehr unangenehm. Tatsächlich können Symptome wie Kribbeln, Taubheitsgefühle und andere neurologische Ausfälle in Armen, Händen und Fingern wochenlang anhalten. Dennoch ist bei einem solchen Bandscheibenvorfall in den meisten Fällen keine Operation notwendig.
Auf welche Maßnahmen stützt sich die konservative Behandlung bei einem zervikalen Bandscheibenvorfall?
Maßnahmen wie anfängliche Ruhigstellung und Entlastung, etwa durch das Tragen einer Halsstütze, in Kombination mit einer individuell abgestimmten medikamentösen Schmerztherapie, stehen im Vordergrund der konservativen Behandlung. Ergänzend haben sich Wärmeanwendungen und gezielte Physiotherapie bewährt. Sind die Beschwerden weitgehend abgeklungen, kann auch ein kraftaufbauendes Training der umgebenden Muskulatur gute Dienste leisten. Auf diese Weise lassen sich im Allgemeinen nicht nur die Schmerzen, sondern auch leichtere Gefühlsstörungen gut behandeln.
Und wann raten Sie Ihren Patientinnen und Patienten zu einer Operation?
Wenn durch die Kompression von Nervenwurzeln oder Rückenmark Lähmungserscheinungen oder andere relevante neurologische Störungen verursacht werden, ist die chirurgische Druckentlastung in der Regel alternativlos, da sonst bleibende Schäden drohen. Ein weiterer Grund für eine Operation sind Situationen, in denen trotz konsequenter konservativer Therapie keine ausreichende Besserung der Symptome und der Schmerzen erzielt werden kann.
Weil dort das Rückenmark verläuft, ist eine Operation an der Halswirbelsäule sicherlich ein hochsensibler Eingriff, der spezialisierte Erfahrung erfordert...
... das ist richtig. Aber ebenso wichtig wie die rein praktisch-chirurgische Erfahrung gemessen an Fallzahlen ist aus meiner Sicht, dass der Wirbelsäulenchirurg über einen sehr hohen Präzisionsanspruch und ein hohes Verantwortungsbewusstsein verfügt und in jeder Hinsicht einem patientenorientierten Denken und Handeln verpflichtet ist. Dies gilt natürlich grundsätzlich für alle chirurgischen Eingriffe, aber an der Halswirbelsäule wird es besonders klar.
Woran erkennt man, ob die Beschwerden durch einen Bandscheibenvorfall oder durch muskulär bedingte Nackenverspannungen ausgelöst werden?
Das ist tatsächlich nicht immer leicht zu erkennen. Es gibt Fälle, in denen die Halswirbelsäule oder auch die Brustwirbelsäule - mit einer eindeutigen Nervenwurzelkompression nicht das typische Ausstrahlungsbild am Arm oder am Brustkorb verursachen, sondern neben den Nackenschmerzen erst einmal nur einen muskulären Schmerzpunkt in der Schultergürtelmuskulatur haben. Dies ist neurologisch auch erklärbar. Aber dieser Umstand erschwert eine klare Abgrenzung von rein muskulär bedingten Krankheitsursachen und macht weitere diagnostische Schritte wie den Einsatz der Magnetresonanztomographie und eine sehr gute klinische Untersuchung notwendig. Gerade hier ist auch die präzise Kommunikation und die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Neurologen und Wirbelsäulenchirurgen äußerst hilfreich.
Gibt es trotzdem einige Anhaltspunkte?
Allgemein lässt sich sagen, dass bei der muskulären Verspannung der Schmerz meist lokal auf den Nacken- und Schulterbereich beschränkt ist und die Muskulatur sich hart, knotig und druckempfindlich anfühlt. Zudem sind durch muskuläre Nackenverspannungen verursachte Beschwerden oft belastungsabhängig. Vor allem aber strahlen sie in der Regel nicht in den Arm oder die Finger aus - im Gegensatz zum Bandscheibenvorfall. Bei Verspannungsschmerzen fehlen auch die für einen zervikalen Bandscheibenvorfall typischen Nervenkompressionsbeschwerden wie Muskelschwäche oder ein Kraftverlust in Arm und Hand, Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheitsgefühle und/oder „eingeschlafene“ Arme oder Hände. Treten diese Beschwerden auf, sollten sie zeitnah ärztlich abgeklärt werden. Denn je früher ein Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule diagnostiziert und angemessen behandelt wird, desto größer ist die Chance auf einen unkomplizierten Heilungsverlauf.

Bleibt zum Abschluss die Frage: Kann man degenerativen Veränderungen an der Halswirbelsäule vorbeugen?
Der Faktor der individuellen Disposition, den ich bereits angesprochen habe, lässt sich natürlich nicht wirklich beeinflussen. Dennoch macht es zum Beispiel Sinn, auf eine gesunde Körperhaltung zu achten, das gilt besonders für Personen, die viel am Schreibtisch sitzen beziehungsweise am Computer arbeiten.
Ein ergonomisch gestalteter Arbeitsplatz ist hier entscheidend; gleiches gilt für eine optimale augenoptische Versorgung für die spezifische Arbeitsplatzsituation bei einer bestehenden Fehlsichtigkeit. Dazu gehört aber ganz grundsätzlich auch, dass der Monitor auf Augenhöhe steht, um so ein zu starkes Beugen des Kopfes beziehungsweise eine Nackenstreckung zu vermeiden - um jetzt nur eine wichtige Maßnahme zu nennen. Regelmäßiges Aufstehen, Schultern kreisen, den Nacken dehnen und dynamisches Sitzen helfen ebenfalls dabei, die Halswirbelsäule vor einer anhaltenden übermäßigen Belastung zu schützen. Grundsätzlich sind Menschen ja nicht für eine so monotone Arbeitssituation konstruiert - dies ist für uns unnatürlich. Ein gezieltes und korrekt angeleitetes Training der Nacken- und Schultergürtelmuskulatur kann jedoch den häufigen Überlastungsschmerzen abhelfen.
Das Interview führte Nicole Schaenzler
IM PORTRÄT PROFESSOR CHRISTOF BIRKENMAIER

Professor Dr. Christof Birkenmaier ist Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Chirurgie und Chefarzt der Abteilung Wirbelsäulenchirurgie und Skoliosezentrum des Artemed Klinikums München Süd. Vor seinem Wechsel war er als Leiter der Wirbelsäulenchirurgie am Muskuloskelettalen Universitätszentrum München (MUM) des LMU Klinikums tätig. Neben der Therapie der typischen Verschleißerkrankungen gehören zu Professor Birkenmaiers Expertise die Korrektur von Skoliosen und anderen Wirbelsäulendeformitäten, die Behandlung von Gleitwirbeln, Rekonstruktionsund Revisionseingriffe nach vorangegangenen Operationen sowie besonders schonende Verfahren wie die vollendoskopische Wirbelsäulenchirurgie, zum Beispiel bei Bandscheibenvorfällen.
schae
Erschienen im Tagesspiegel am 14.03.2026