Am ersten Dezember war es so weit: Das historische Posthotel Taube in Schruns öffnete seine Pforten und zählt nun zu den besten am Platz. Umbau und Erweiterung erfolgten durch das Vorarlberger Architekturbüro Bernardo Bader, welches zu den renommierten Büros unter vielen wegweisenden Planern im Westen Österreich zählt.
Die Marktgemeinde Schruns liegt auf 700 Metern Höhe, hat rund 4000 Einwohner und ist Hauptort des Montafons, eines über 39 Kilometer langgezogenen Bergtals in Vorarlberg, das sich von Bludenz bis zur Bielerhöhe erstreckt. Aufgrund seiner Lage im Dreiländereck Deutschland, Österreich, Schweiz war das Tal stets offen für Touristen und Gäste. Zu den ersten prominenten Besuchern gehörte der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway, der die heimischen Gipfel in den Wintern zwischen 1924 und 1926 entdeckte: „Am Weihnachtstag in Schruns war der Schnee so weiß, dass es den Augen wehtat, wenn man aus der Weinstube hinausblickte und die Leute aus der Kirche nach Hause kommen sah“, schrieb er einst. Randnotiz: Hemingway war Stammgast im Posthotel „Taube“, mit der Adresse Silvrettastraße 1, direkt im Ortszentrum von Schruns. Schon seit 1840 nächtigten hier Gäste von nah und fern.
Ein historisches Haus also, das jüngst von Bernardo Bader Architekten umgebaut wurde. Das in Bregenz ansässige Studio hatte sich in den letzten Jahren mit Projekten zwischen München und Wien, zwischen Garmisch, Feldkirch, Kitzbühel und Dornbirn hervorgetan. Nun also das Montafoner Posthotel Taube als Bauaufgabe, das die Revitalisierung des traditionsreichen Hotels beinhaltete. Zwischen 2021 und 2023 generalsanierten und modernisierten die Architekten rund um Bernardo Bader das Objekt im Auftrag der Bauherren-Familien Frey und Rhomberg.


Herz und Seele des Gemäuers mitsamt des Gastgartens sollten erhalten bleiben, dazu spielte natürlich Nachhaltigkeit eine bedeutende Rolle. Vier zumeist unterirdisch verbundene Häuser zählen zum heutigen Baukomplex: Die Taube mit 34 Zimmern und Suiten, einem À-la-carte-Restaurant und der mondänen Schurle Halle, mit einem Weinkeller und dem Taubenkeller. Im Alpgues-Haus wartet ein Spa auf Gäste, im alten Jagdhaus von 1453 finden gastronomische Soireen statt, im gegenüberliegenden Haus Nescherina kommt man zu Konferenzen und Tagungen zusammen.
Im gesamten Komplex spielten regionale Materialien eine Rolle: Holzgetäfelte Wände, natürliche Töne, Stein, Leder, Loden - Innenaustatterin Marika Marte ließ im Interieur zahlreiche Ortsbezüge anklingen. „Seit dem 18. Jahrhundert hat die Taube mehrere Entwicklungsschritte erlebt. Der Hauptbau mit der Fassade blieb beim jüngsten Umbau erhalten. Die Taube ist nicht nur in Schruns, sondern generell für das Montafon ein wichtiges Haus, für die Einheimischen wie für die Gäste. Das Haus ist keine Insel!“, sagte Architekt Bernardo Bader in einem Interview. Hoteldirektor Lukas Baschnagel, der aus dem Schwarzwald stammt, pflichtet ihm bei: „Die Taube ist ebenso ein Haus für die Schrunser, für Handwerker oder Geschäftsführer, für alle, die hier ein- und ausgehen!“
Um die Historie zu würdigen, wurden im Interieur Montafoner Stühle und Tische sowie Lampen und Tische aus altem Bestand übernommen. Ebenso wichtig ist freilich die Ökobilanz: „Wir heizen Fernwärme und verfügen über eine Wärmepumpe und Erdsonden. Einheimische Gewerke haben den Innenausbau erstellt und hiesige Materialien verwendet, zum Beispiel Eiche gebeizt oder den hellgrünen langlebigen Andeerer-Granit aus der nahen Schweiz“, zählt Baschnagel auf: „Der genius loci sollte dabei unbedingt erhalten bleiben.“
Der Spagat zwischen Alt und Neu, zwischen Edelschiene und Nachhaltigkeit scheint geglückt. Der stattliche Bau wird seinem Erbe gerecht, während ökologische Aspekte das Objekt zukunftsfähig machen - eine gelungene Verschränkung diverser Bezüge: sozial, zeitlich, architektonisch.
FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 06.04.2024