Anzeige

Weiden: Geschichte und Erbe der Oberpfälzer Porzellankunst
Weiden: Geschichte und Erbe der Oberpfälzer Porzellankunst

Gründerzeit und Jugendstil in der Porzellanstadt Weiden. Foto: Rubow

LEBEN UND ARBEITEN IN DER OBERPFALZ

Weiden: Geschichte und Erbe der Oberpfälzer Porzellankunst

Drei Porzellanfabriken prägten die Oberpfälzer Porzellanherstellung, und zwei davon – Bauscher und Seltmann – sind noch heute auf dem Markt und überzeugen mit hochwertigen Porzellanprodukten

Das oberpfälzer Städtchen Weiden hat einen bezaubernden Stadtplatz, aber wenn man den Aufstieg zur Industriestadt verstehen möchte, muss man den mittelalterlichen Kern mit seinen Giebelhäusern aus der Renaissance verlassen und sich in die von Gründerzeitbauten geprägte äußere Stadt begeben. Denn im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde Weiden, das im Mittelalter von der Eisenerzeugung in der Region profitiert hatte und später als Eisenbahnstadt galt, reich am weißen Gold – wovon etwa auch die Josefkirche (erbaut 1899-1901) zeugt, ein neogotischer Bau mit einer grandiosen Jugendstil-Ausstattung in seinem Inneren. Drei Porzellanfabriken prägten die Oberpfälzer Porzellanherstellung, wovon bis heute zwei, nämlich Bauscher und Seltmann, nach wie vor auf dem Markt sind. Die dritte Firma im Bunde war die Porzellanfabrik Bavaria, wobei der Zusatz Ullersricht bis heute nicht nur die Herkunft bei Weiden anzeigt, sondern als Echtheitssiegel für dieses besonders kunstvolle Porzellan gilt, dessen Herstellung sich nur über wenige Jahre, von 1920 bis 1931, erstreckt. Dass Nordbayern zum Porzellaneldorado wurde, ist dem Vorkommen der weißen Tonerde Kaolin in Hirschau (Landkreis Amberg-Sulzbach) zu verdanken, das eisenfreie Kaolin ist einer der drei (natürlichen) Grundstoffe für die Porzellanindustrie. Aber ebenso den Arbeitskräften (denn Porzellanherstellung braucht bis heute Handarbeit) sowie der böhmischen Braunkohle und natürlich der Eisenbahnlinie, die ab 1863 durch Weiden ging.

1881 wurde Weidens erste Porzellanfabrik Bauscher gegründet, gleich hinter dem Bahnhof der Stadt, bis heute produziert man überwiegend für Hotellerie, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. In den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts war die Norddeutsche Lloyd mit dem robusten und stapelbaren Bauscher-Porzellan ausgestattet, das Seegang ebenso übersteht wie den scheppernden Servierwagen in der Klinik. Das B1100 Stapelgeschirr, das jeder kennt, der schon einmal im Krankenhaus war, gehört zu den meistverkauften Porzellanen der Welt. Aber auch Fine Dining-Liebhaber kommen bei Bauscher auf ihre Kosten, denn man arbeitet schon lang mit Künstlern und Designern zusammen, etwa in den Zwanzigerjahren des vorangegangenen Jahrhunderts mit Hans Christiansen und Peter Behrens. Das Brüderpaar Bauscher, einer Chemiekaufmann, der andere Konditor, war das perfekte Gründermatch. Im Stadtmuseum der Stadt Weiden kann man auch die Serie Luzifer bewundern, die bis heute feuerfestes Geschirr präsentiert. Bauscher gehört inzwischen zur BHS tabletop AG mit Standorten in Selb, Schönwald (Oberfranken) sowie Weiden in der Oberpfalz.

Während sich Bauscher seit seinen Anfängen vor allem dem Hotel- und Gastroporzellan widmet und inzwischen auch mehrfach verkauft wurde (das heutige Kürzel BHS steht für Bauscher, Hutschenreuther und Schönwald, wobei Hutschenreuther recht bald an Rosenthal weitergereicht wurde), ist Seltmann, das von Beginn an auch Geschirr für den Esstisch daheim fertigte, nach wie vor in Familienbesitz. An der Spitze der Firma steht heute Christian Seltmann der IV., wobei der fünfte Christian bereits das Teenageralter erreicht hat. Die Großmutter des aktuellen Chefs, Maria Seltmann (1903-2005), hat die wundervolle Sammlung chinesischen Porzellans aus der Qing-Dynastie, die ihr Mann Wilhelm Christian Seltmann (1895-1967) zusammengetragen hatte, der Weidener Zweigstelle der Neuen Sammlung (gehört zum Staatlichen Museum für angewandte Kunst in München) vermacht. Chinesisches Porzellan war über Jahrhunderte DAS Vorbild in Europa, sogar der Name Kaolin kommt aus dem Chinesischen, in Gaoling wurde die Erde zuerst gefunden.

Das traditionelle Kaffeegeschirr Monika aus der Oberpfalz. Foto: Rubow
Das traditionelle Kaffeegeschirr Monika aus der Oberpfalz. Foto: Rubow

Sauberweißes Rohmatrial

Gegründet wurde Seltmann im Jahr 1910 von Christian Seltmann, einem gelernten Porzelliner, gemeinsam mit seinem älteren Bruder, die beiden besaßen schon vorher die Porzellanfabrik Johann Seltmann Vohenstrauß und kamen gebürtig aus Arzberg, ebenfalls ein berühmter Porzellanort Nordbayerns, aber in Oberfranken gelegen. Christian war der Geschirrbegeisterte und bemalte in seiner Freizeit Porzellan. Im Stadtmuseum kann man ein hauchdünnes Teeservice bewundern, das die beiden 1920 herausbrachten. Der Schwerpunkt lag aber immer schon auf alltagstauglichem Porzellan für die Familie, die Serie „Monika“ hat nicht nur Oberpfälzer Kaffeekränzchen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren geprägt. Die Weidener sind bis heute vielfach mit ihrem Porzellan verbunden, was sich etwa im „Weidener Griff“ zeigt, über den der Stadthistoriker Dr. Sebastian Schott gern aufklärt. Mit dem Anheben des Geschirrs und dem Blick auf dessen Unterseite vergewisserten sich die Bürger, ob es Bauscher oder Seltmann war – oder vielleicht sogar Bavaria Ullersricht.

Wilhelm Christian Seltmann hatte sich bereits um die Automatisierung und Modernisierung der Porzellanherstellung in seinen damals drei Werken verdient gemacht, ein Weg, den die heutige Firma Seltmann mit der Konstruktion eigener Maschinen weiter beschreitet. So beschäftigt das Werk in Erbendorf nicht nur Arbeiterinnen und Designer, sondern auch Maschinenbauingenieure (derzeit wieder dringend gesucht) für die Weiterentwicklung der zahlreichen Porzellanroboter. Wer auf der Porzellanstraße (www.porzellanstrasse.de) unterwegs ist oder in Weiden zu Gast, kann an einer Werksführung durch das Seltmann-Werk in Erbendorf bei Weiden teilnehmen (vorherige Anmeldung erforderlich). Dabei beeindruckt vor allem das sauberweiße Rohmaterial, zu Beginn noch formbar wie Lehm, aber viel feiner von der Textur her. „Porzellan lebt“, diesen Satz äußert der langjährige Fertigungsleiter, Roland Wende, mehrmals. Das weiße, aber noch nicht strahlend weiße Material wird zwischen Flusssteinen maschinell gemahlen, in Wasser gewaschen, in der Filterpresse wieder von Wasser befreit und geknetet, bis es eine homogene Masse ist. Im ersten Brand löst sich der Scherben von selbst aus seiner Gipsform, er ist dann etwas eingegangen. Die meiste Arbeit macht übrigens der Henkel einer Tasse, kostet die Tasse zehn Euro, verbraucht allein ihr Henkel 6,50 Euro.

Besonders stolz ist man bei Bauscher wie auch bei Seltmann auf die Porzellankreationen für die Spitzengastronomie, Bauscher hat da sehr ordentlich vorgelegt, Seltmann zieht mit den Serien Coup Fine Dining und Nori nach. Für Porzellan mit feinen schwarzen Linien oder goldenen Dekoren braucht es dann doch wieder kunsthandwerkliches Geschick, sprich Porzellanmaler.

Apropos Kunst. Im Stadtmuseum in Weiden, in einem alten Schulhaus gleich hinter der Kirche St. Michael untergebracht, kann man Figurinen bewundern, die es an Qualität und künstlerischer Gestaltung durchaus mit den Nymphenburger Porzellanfiguren aufnehmen können. Sie stammen aus der Hand Hans Simon Feilners (1726-1798), eines berühmten Rokoko-Künstlers seiner Zeit, der als Stuckateur, Porzellanmaler und Modelleur vor allem bei Fürstenberg gewirkt hat. Aus der Hand des gebürtigen Oberpfälzers stammt auch die Bergbande (ausgestellt auf einem breiten Fensterbrett im Treppenhaus). Sie zeigt die verschiedenen Gewerke im Oberpfälzer Bergwerk und ist der Beweis, dass die Oberpfälzer Porzellanindustrie schon damals Kunst konnte.

Bettina Rubow 

Tipp:

Der schneeweiße Monte Kaolino bei Hirschau ist heute ein Freizeitberg zum Sandskifahren und vieles mehr.

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 04.05.2024

Das könnte Sie auch interessieren