Bei den Römern galt das Atrium als Herzstück des Hauses. Angrenzend im hinteren Teil befanden sich drei offene Räume mit dem Sitz des Hausherrn. Den Mittelpunkt des Atriums bildete ein Wasserbecken, das in der Größe der Öffnung im Dach entsprach. Charakteristisch war die symmetrische Gliederung sowie die Ausrichtung der Blickachsen, die der Repräsentation dienten. Die Bauform hatten die Römer von den Etruskern übernommen.
Sie ergänzten das Atrium mit einem schattenspendenden Säulengang - später auch mit Arkadengängen, um es optisch aufzuwerten. Es war ein Ort der Begegnung, aber auch der Ruhe, abgeschirmt vom Lärm der Straße. Das römische Atriumhaus war, wie etwa in Pompeji, häufig ein Reihenhaus, dem zur Straßenfront Ladenlokale vorgelagert waren. Als einzeln stehende Villen boten Atriumhäuser Schutz vor Eindringlingen. Sie sind daher bis in den letzten Winkel des Römischen Reiches - so auch in Bayern - nachgewiesen.
Die Idee, Häuser mit einem Innenhof zu bauen, breitete sich in vielen Varianten vor allem in Ländern des Südens aus und ist sowohl in der arabischen als auch in der asiatischen Kultur anzutreffen. Häufig dient das Atrium als begrünter, schattenspendender Innenhof mit einer quadratischen Wasserfläche in der Mitte, um der Hitze und dem Lärm der Straße zu entgehen.
Unter den Arkaden findet man Schatten und die Wasserfläche befeuchtet angenehm die umgebende Luft. In Marokko etwa sind Unterkünfte mit "Riads", in den Palmen oder Bananenstauden Schatten spenden, heute beliebte Touristenziele. In Japan dient das Atrium traditionell der Gartenkunst, die Harmonie und Ordnung ausstrahlt und als Zen-Garten der Meditation dient. In Nordeuropa blieb die Bauform eines Atriumhauses aufgrund kühlerer Temperaturen und kultureller Unterschiede selten.
Viel Privatsphäre auf kleiner Fläche
Moderne Atriumhäuser sind heute vor allem im städtischen Raum beliebt. Durch ihre größeren Außenflächen verursachen sie zwar höhere Heizkosten, doch es gibt auch zahlreiche Vorteile. "Atriumhäuser bei uns in Deutschland machen insbesondere dann Sinn, wenn man auf kleiner Fläche die maximale Privatsphäre erzielen möchte.
Sie bieten eine gute Alternative zu einem Reihenhaus, in dem Gartenfläche an Gartenfläche grenzt", sagt Architekt Marcus Langheinrich. Zusammen mit seinem Büropartner Danny Manke hat er in Leipzigeinen kostengünstigen Reihenhauskomplex mit Atriumflächen realisiert. Je nach Haustyp mit völlig unterschiedlichen Grundrissvarianten wurde ein Gartenhof oder ein Atrium erschaffen, um auf die individuellen Bedürfnisse der Bauleute einzugehen.
Der größte Vorteil sei die Ruhe in einem Atrium, sagt Danny Manke, „sie können sich von der Außenwelt abschotten, sowohl akustisch als auch mental“. Ein Atrium bietet dazu Schutz vor Wind, erwärmt sich daher schneller und kann öfter genutzt werden als eine Terrasse. Durch die meist bodentiefen Glasfronten im Innenraum ergeben sich für die umliegenden Zimmer Lichtquellen. Das ist vor allem bei enger Bebauung und dort, wo nach außen hin wenig Fenster gewünscht sind, von Vorteil. Durch den Grundriss eines Atriumhauses bietet sich auch ein großes Gefühl der Sicherheit. Gefährdete Einbruchsstellen etwa an Fenstern können minimiert werden.
Atriumhäuser im Siedlungsbau der 60er-Jahre
Saunafans können den nicht einsehbaren Innenhof als Ort zur Erfrischung und Ruheraum nach einem Saunagang nutzen. Kleinere Kinder können im Atrium an der frischen Luft spielen und leicht unter Beobachtung bleiben. Ein Abkühlbecken oder ein Sandkasten lässt sich auch in kleinen Innenhöfen unterbringen.
Für Kunstliebhaber bietet sich das Atrium zusätzlich als Ausstellungsfläche für Objektkunst an. Ein Atriumhaus steht für eine offene Lebensform der Begegnungen. Durchblicke in andere Räume sind durch das verglaste Atrium häufig möglich und schaffen Transparenz und optische Weite.



Der europäische Marktführer für moderne Fachwerkarchitektur HUF-Haus bietet Fachwerkhäuser im Bungalowstil, die im Mittelpunkt des Raumkonzepts einen japanisch gestalteten Innenhof haben. Die Grenzen zwischen innen und außen verschwimmen in dem Entwurfskonzept aus Holz und großen Glasfronten. Zur Straße wird das Gebäude nur durch Oberlichter erhellt, während sich die beiden Flügel um den Innenhof in einen halb-öffentlichen Wohnbereich und in einen privaten Bereich gliedern. Zweigeschossige Atriumhäuser können auch für große Objektkunst genutzt werden, die bei entsprechender Verglasung von allen Seiten betrachtet werden kann.
Im Siedlungsbau Anfang der 60er-Jahre wurden in München im Stadtteil Fürstenried West zahlreiche Atriumhäuser von den Architekten Fred Angerer, Franz Ruf und Lois Knidlberger gebaut. Die Häuser sind eng gestaffelt als sogenannte "Teppichsiedlungen angeordnet und über Wohnwege erschlossen. Die Atriumhäuser sind um einen Meter versetzt und etwas aus der Wegachse gedreht. Kleine Freiflächen vor den Häusern lockern die Häuerzeile auf. Auch in anderen Städten, wie etwa in Münster oder Bielefeld, entstanden in den 60er-Jahren solche Siedlungen, die von oben betrachtet einem Teppichmuster ähneln.
Die Atriumshäuser waren attraktiv, da sie auf geringer Fläche viel Privatsphäre boten. Der typische Grundriss ist L-förmig. Ein Schenkel des "L" wird durch den Eingang erschlossen und beherbergt Küche und Wohnzimmer. Der andere Schenkel grenzt an den Garten des Nachbarhauses. Darin befinden sich Schlaf- und Kinderzimmer sowie an der Schnittstelle - das Bad. Der damalige Chefredakteur der Zeitschrift "Baumeister" schieb 1964: „Wer die Nähe zur Stadt haben will, also hohe Grundstückspreise bezahlen muss, wer seine Ruhe haben und nur dann mit seinen Nachbarn zusammentreffen möchte, wann er Lust dazu verspürt, wer sein Haus nicht als äußerliches Dokument seines sozialen Status betrachtet und wer mit seiner Bausparsumme ein Optimum an Wohnwert erreichen möchte, für den gibt es im Augenblick kein besseres städtisches und familiengerechtes Wohnhaus als das Atriumhaus.“
WOLFRAM SEIPP
Erschienen im Tagesspiegel am 02.08.2025