Der Bericht der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) „Bildung auf einen Blick - OECD-Indikatoren“ ist auch 2024 ein detailliertes Analyse- und Zahlenwerk - und für die deutschen Bildungsverantwortlichen ziemlich schmerzhaft. Die Publikation bietet alljährlich Daten zu den Strukturen, der Finanzierung und der Leistungsfähigkeit der Bildungssysteme der einzelnen OECD- und Partnerländer. Die aktuelle Ausgabe legt den Schwerpunkt auf Chancengerechtigkeit und untersucht, inwiefern Bildungswege und die damit verbundenen Lern- und Arbeitsmarktergebnisse durch Dimensionen wie Geschlecht, sozioökonomischen Status, Geburtsland und regionale Lage beeinflusst werden. Dass es um die Chancengleichheit hierzulande nicht allzu gut bestellt ist, hat nicht nur die OECD schon mehrfach festgehalten. Das Grundproblem ist die Korrelation zwischen schulischem Erfolg von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit dem sozialen Status der Eltern - vom Kinderhort bis zur Hochschule. Einer der Gründe ist seit langem bekannt: Das deutsche Bildungssystem ist in allen seinen Teilen unterfinanziert.
„Bildung auf einen Blick 2024“ liefert dazu reihenweise Zahlen und Vergleichswerte aus den EU- und OECD-Ländern. Leider fast nur schlechte: In Sachen Bildungsausgaben rangierte Deutschland im Stichjahr 2021 auf Rang 32 von 38 gelisteten Ländern; mit neun Prozent seiner staatlichen Ausgaben gleichauf mit Bulgarien (Rang 30), Spanien (Rang 31), Österreich (Rang 33) sowie Frankreich (Rang 34) - und weit unterhalb des OECD-Durchschnitts, der mit zwölf Prozent zwischen dem 15. Rang, Belgien, und dem 17. Rang, Niederlande, verortet ist. Deutschland liegt ebenfalls deutlich unter dem EU25-Mittelwert von elf Prozent zwischen Platz 22, Luxemburg und Polen. Dass die meisten schulischen Bildungsausgaben in Deutschland von den Ländern und den Kommunen gestemmt werden, hat das OECD-Team in einer anderen Tabelle vermerkt und offensichtlich eingerechnet: Denn der Anteil des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) betrug vor zwei Jahren nur 3,2 Prozent.
Detailliertes Zahlenwerk
Im Elementarbereich liegt Deutschland mit zwei Prozent seiner Bildungsausgaben immerhin etwas über dem OECD- und EU25-Durchschnitt von 1,7 Prozent. Im Primarbereich bildet die Bundesrepublik hingegen mit 1,5 Prozent das Schlusslicht, gemeinsam mit Ungarn. Im Sekundarbereich 1 ist Deutschland mit 2,5 Prozent dafür klar über den OECD-Durchschnitt von 2,1 Prozent (EU25: 2,0) positioniert. Im Sekundarbereich 2 rangiert die Bundesrepublik mit 1,6 Prozent erneut deutlich unter dem OECD-Mittelwert von 2,2 Prozent (EU25: 1,9). Nur Griechenland (1,1), Litauen (1,2), Estland (1,4) sowie Australien und Japan (je 1,5) haben prozentual noch weniger investiert. Spitzenreiter ist Belgien mit drei Prozent vor Südkorea (2,9) sowie Costa Rica und Mexiko (je 2,8). Für Israel ist der Wert 4,7 Prozent angegeben; er beinhaltet vermutlich auch die Ausgaben für die Altersgruppe der Sekundarstufe 1.
Deutschland hinkt hinterher
Dass die Wissenschaftsnation Deutschland sogar im Tertiärbereich - also Universitäten, Fachhochschulen, Berufs- und Fachakademien sowie Fachschulen - den meisten Ländern hinterherhinkt, ist besonders bitter: Ohne Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden hierfür nur 1,7 Prozent der staatlichen Mittel investiert - hier rangiert Chile mit 3,7 Prozent ganz vorne vor Norwegen und Costa Rica (jeweils 3,1 Prozent); bei einem OECD-Durchschnitt von 2,0 Prozent und einem EU25-Mittelwert von 1,8 Prozent. Werden die Investitionen für Forschung und Entwicklung eingerechnet, sieht es für die Bundesrepublik mit 2,6 Prozent etwas freundlicher aus (OECD: 2,7 und EU25: 2,4 Prozent). Die zweitgrößte EU-Volkswirtschaft Frankreich ist übrigens in fast allen Bereichen ähnlich schlecht aufgestellt wie Deutschland, nur im Primarbereich liegt unser westlicher Nachbar mit 2,0 Prozent sogar über dem OECD-Schnitt.
Dass die Quantität von Ausgaben sich nicht unbedingt in der Qualität des Bildungsangebots spiegeln muss, betonen die OECD-Autorinnen und -Autoren schon in der Einleitung. Doch dass ein im EU- und OECD-Durchschnitt unterfinanziertes System nicht unbedingt in der Lage ist, sozioökonomische Ungleichheiten auszugleichen, liegt nahe.
Wie die bundesdeutschen Bildungsebenen fit gemacht werden könnten, ist angesichts der aktuellen Finanzdiskussionen nicht auszumachen. Ob und wenn ja, Projekte wie das „Startchancen-Programm“ des BMBF Wirkung entfalten, wird allerfrühestens im OECD-Bildungsbericht 2029 ausgewertet sein, der sich mit den Zahlen des Jahres 2026 auseinandersetzen wird. Die aktuelle OECD-Studie behandelt im Übrigen auch ausführlich Gender- und Zuwanderungs-Ungleichheiten.
Tipp: Die eben erschienende OECD-Analyse „Spotlight: Equity in education and the labour market“ (42 Seiten) liefert dazu weitere Daten und Einsichten.
Horst Kramer
www.oecd.org/de/publications/bildung-auf-einen-blick-2024
Die OECD
Die „Organisation for Economic Co-operation and Development“ umfasst 38 Länder, darunter 26 aus West- und Mitteleuropa, sieben Staaten aus Nord- und Südamerika sowie Israel, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland. Alles im Prinzip demokratische Staaten mit einer marktwirtschaftlichen Grundordnung. Die OECD setzt sich laut ihrer deutschen Internetseite für eine bessere Politik und ein besseres Leben“ ein: „Eine Politik also, die Wohlstand, Gerechtigkeit, Chancen und Lebensqualität für alle sichern soll“. Sie wurde 1961 als „Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit“ von 20 Staaten gegründet, darunter die Bundesrepublik Deutschland. Schon kurz danach traten weitere Länder bei. Die jüngsten Mitglieder sind Kolumbien (2020) und Costa Rica (2021).
kram
Erschienen im Tagesspiegel am 27.09.2024