Brille oder Kontaktlinsen braucht man, wenn die Brennweite des optischen Systems des Auges nicht mit dem Augapfel zusammenpasst. Das betrifft nach Angabe des Berufsverbands der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands e. V. rund 65 Prozent aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ab 16 Jahren. Ist der Augapfel im Verhältnis zur Augenbrechkraft zu lang, spricht man von Kurzsichtigkeit (Myopie), bei der Abbildungen im Auge vor der Netzhaut auftreffen. Genau umgekehrt ist es bei Weitsichtigkeit (Hyperopie). Etwa ein Drittel der Deutschen leidet zudem unter Astigmatismus (Hornhautverkrümmung beziehungsweise. Stabsichtigkeit), wodurch Abbildungen nicht punkt-, sondern strich- oder stabförmig auf der Netzhaut auftreffen. Ab etwa 45 Jahren macht sich meist die Altersweitsichtigkeit (Presbyopie) bemerkbar, da die Augenlinse an Elastizität verliert. Fehlsichtigkeiten, die sich heute nicht nur mit Sehhilfen, sondern auch mit refraktiver Chirurgie korrigieren lassen.
Bei Ankunft in der Klinik geht es gleich los: Die Augen werden zur OP-Vorbereitung mit Lidocain eingetropft. Das ist zäh und klebrig und führt sofort zu verschwommener Sicht. Nach kurzer Wartezeit heißt es, Brille abgeben, dafür erhält man OP-Haube, Kittel mit Aufklebern in Brusthöhe (für jedes Auge einer) und Überschuhe und wird in den OP-Sessel bugsiert. Hier legt die Anästhesistin einen Zugang für das Beruhigungsmittel, betäubt die Augen nochmals mit einem Gel und einer "Depotspritze“. Eine Anästhesie gibt es nicht, denn dabei würden die Augen unkontrolliert wegrutschen. Auf dem Sessel geht es in den Nebenraum, wo man ein OP-Tuch mit Guckloch übergezogen bekommt.
Für die chirurgische Behandlung von Fehlsichtigkeit gibt es zwei Ansatzpunkte: die Hornhaut oder die Augenlinse. Im Bereich der Hornhaut geschieht dies mit Lasermethoden (LASEK, PRK, Femto-LASIK oder Smile pro). Bei der Linsenchirurgie kann man vor den körpereigenen Linsen sogenannte ICL implantieren (reversibler Vorgang). Bei intraokularen Linsen (IOL) werden wie bei der Operation eines Katarakts (grauer Star) die eigenen Linsen entfernt und durch maßgeschneiderte Kunstlinsen ersetzt. Im verbleibenden Linsensack entfalten sie sich und wachsen in etwa vier Wochen ein. Laserund Linsenchirurgie sind erwiesenermaßen risikoarme Routineverfahren, die seit Ende der 1990er-Jahre eingesetzt und weiterentwickelt werden. Pro Jahr werden in Deutschland etwa eine Million Linsenoperationen durchgeführt, wovon der größte Teil auf die Behandlung eines Katarakts entfällt.
Die eigenen Erinnerungen an die eigentliche OP sind dank Dormicum etwas vage. Es ist kalt, der Arzt stellt sich vor und beginnt. Man starrt benommen in ein gleißendes Lichtfeld mit drei hellblauen Punkten, einmal heißt es, man solle das Kinn höher halten. Den eigentlichen Linsentausch nimmt man nicht wahr. Schmerzen spürt man zunächst keine, beim zweiten Auge, das subjektiv länger dauert, zum Ende hin dann doch. Nach etwa 20 Minuten ist die eigentliche OP vorbei und man wird mit der Begleitperson nach Hause entlassen.
Laser- und Linsenchirurgie sind ein Markt, auf dem sich Spezialisten und Klinikketten etabliert haben. Oft gibt es alle notwendigen Untersuchungen plus Beratungsgespräch zum Paketpreis von deutlich unter 50 Euro. Entscheidet man sich für die OP, wird dieser Betrag angerechnet. Doch dann kann es teuer werden. Lasern beginnt bei etwa 1500 Euro, die Linsenchirurgie bei etwa 3500 Euro. Pro Auge. Anders als beim grauen Star werden hier meist beide Augen gleichzeitig behandelt und die Kosten nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Stark kurzsichtig, Astigmatismus und dazu die Alterssichtigkeit. Nach über 25 Jahren mit formstabilen Linsen und einer folgenden zermürbenden Zeit mit sehr teuren Gleitsicht- und PC-Brillen fällt Anfang 2026 der Entschluss zum Linsenaustausch.
Ob Laser- oder Linsenoperation, in jedem Fall erfolgen zuerst umfangreiche Untersuchungen, um mit Hilfe hunderter Messwerte für jedes Auge ein individuelles Profil zu erstellen. Auch Beruf und Lebensgewohnheiten werden abgefragt. Ob jemand ausschließlich am Bildschirm oder etwa als Kraftfahrer arbeitet, bestimmt die Bereiche, in denen besonders gutes Sehen gefordert ist. Das Beratungsgespräch bei einem der Großen seines Fachs ergibt: Mit den erhobenen Werten kommen nur sogenannte EDOFLinsen (enhanced depth of focus) infrage. Damit ist zwar kein Leben ohne Brille möglich, was Broschüren oder Webseiten gerne mal versprechen. Aber alles ab der Entfernung zum Bildschirm sei gut machbar, nur für die Nähe oder sehr Kleines werde man eine Lesebrille brauchen. Mögliche Risiken dieser Eingriffe: trockene Augen, Blendeffekte, Infektionen, Sehschwankungen, bei starker Kurzsichtigkeit auch Netzhautablösungen. Dass vernünftiges Sehen bei den vorliegenden Indikationen erst nach einem längeren Prozess zu erwarten sei, darauf hätte man gerne noch deutlicher als geschehen hinweisen können.
Beim Beratungstermin erhält man eine genaue Kostenaufstellung, die von Art der Behandlung und individuellen Voraussetzungen abhängt. Untersuchungen innerhalb des ersten Jahres und eventuell medizinisch notwendige Korrekturen werden damit abgedeckt, alle späteren Checkups jedoch in Rechnung gestellt. Manche Anbieter schließen auch notwendige Nachoperationen innerhalb von fünf Jahren nach dem Eingriff ein.
Eine Woche nach der OP geht es zur ausführlichen Kontrolluntersuchung, die erste fand bereits am Folgetag statt. Der Arzt ist zufrieden mit dem Sitz der Linsen und dem bisherigen Ergebnis: nur noch eine geringfügige Kurzsichtigkeit, der Astigmatismus fast gänzlich korrigiert. Das alles werde sich bis zum nächsten Termin noch einpendeln, versichert er. Dann könne man eventuelle Feinjustierungen vornehmen. Und die Patientin? Schreibt diesen Artikel am Tag zehn nach der OP. Ein gutes Gefühl nach anstrengenden Tagen mit völlig überforderten Augen und Hirn. Das macht Mut und lässt hoffen, dass dies der richtige Schritt war. In vier Wochen weiß man mehr. Bis dahin: Augen zu und durch.
Margrit Amelunxen
Erschienen im Tagesspiegel am 25.04.2026