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Neue Erkenntnisse

Anti-Alzheimer-Training, „on the job“: Taxifahrer fordern bei der Arbeit regelmäßig ihren Orientierungssinn, was den Hippocampus nachweislich vergrößert. Laut Studie haben Taxifahrer tatsächlich ein vergleichsweise geringeres Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Foto: Adobe Stock

Welt Alzheimertag

Neue Erkenntnisse

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass ein bekannter Risikofaktor vermutlich eine eigenständige Alzheimer-Variante auslöst

Manche Menschen erkranken an Alzheimer, andere wiederum nicht. Trotz intensiver Forschung sind die Auslöser dieser häufigsten Demenz-Erkrankung nach wie vor nicht endgültig geklärt. Immerhin sind einige Faktoren bekannt, die das Krankheitsrisiko erhöhen. Der mit Abstand größte Risikofaktor ist das Alter: In den allermeisten Fällen treten erste Symptome der Alzheimer-Demenz nach dem 65. Lebensjahr auf. Bricht die Erkrankung früher – oft bereits vor dem 60. Lebensjahr aus, ist sie meist erblich bedingt. Bislang sind drei Gene bekannt, die mutiert sein und die Krankheit auslösen können. Besitzt ein Elternteil eines davon, besteht eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass auch die Kinder das mutierte Gen erben (autosomal-dominanter Erbgang). Und wer es erbt, wird erkranken.

Der Anteil der vererbbaren Krankheitsform liegt bei ein bis fünf Prozent aller Alzheimer-Erkrankungen; er ist also ziemlich gering. Allerdings sind in den vergangenen Jahren weitere Risikogene in den Fokus der Forschung gerückt, allen voran die Genvariante Apolipoprotein Epsilon 4 (ApoE4). Dass ApoE4-Gen-Träger ein höheres Risiko für die Entstehung der Alzheimer-Krankheit haben, ist schon lange bekannt.

Für Aufsehen hat jedoch 2024 die klinische Studie eines spanischen Forscherteams gesorgt, wonach die Erbgutvariante ebenfalls eine eigenständige, genetisch bedingte Form von Alzheimer auslösen könnte, nämlich dann, wenn eine sogenannte ApoE4-Homozygotie vorliegt: Man hat vom Vater und von der Mutter eine Kopie der Genvariante geerbt. Für die Studie waren die Daten von 10.039 Menschen in Europa und den USA ausgewertet worden, davon waren 519 Personen Träger eines doppelten ApoE4-Gens. Bei ihnen konnte man schon ab einem Alter von 55 Jahren auffällige Laborwerte (Alzheimer-Biomarker) feststellen. Ab 65 Jahren wiesen fast alle stark erhöhte Werte des alzheimertypischen Proteins Beta-Amyloid in der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit auf, und bei 75 Prozent der Betroffenen zeigten Hirnscans Amyloid-Ablagerungen im Gehirn – alles untrügliche Hinweise auf eine sich entwickelnde Alzheimer-Erkrankung. Das Forscherteam schlägt deshalb vor, die genetische Konstellation eines doppelten ApoE4 nicht mehr als Risiko, sondern als Ursache der Alzheimer-Krankheit einzustufen.

Erkenntnisse für neue Therapieansätze liefert die Studie nicht. Dennoch ist das Ergebnis bedeutsam. Schätzungen zufolge liegt nämlich bei rund zwei Prozent der Bevölkerung eine doppelte Ausführung des ApoE4-Gens vor. Es könnten also sehr viel mehr Menschen von einer genetischen Form der Erkrankung betroffen sein. Doch raten Alzheimer-Experten davon ab, mithilfe eines Gentests zu ermitteln, ob man selbst das Gen zweifach trägt, und verweisen darauf, dass das Wissen um ein erhöhtes Risiko oder die Erbanlage für eine Krankheit, die nicht verhindert oder geheilt werden kann, psychisch enorm belastend sein kann.

Womöglich müssen die Alzheimer-Experten auch die Bedeutung von Gleichgewichtsproblemen bei älteren Menschen neu bewerten. Denn vor allem Störungen, die das Gleichgewichtsorgan im Innenohr betreffen, sogenannte periphere vestibuläre Dysfunktionen (PVD), sind vermutlich ein eigenständiger Risikofaktor für Alzheimer, wie eine aktuelle Studie von Forschenden des LMU Klinikums München und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) ergeben hat. Eine vestibuläre Dysfunktion geht vor allem mit Schwindel einher, ebenso sind Beeinträchtigungen wie Gangunsicherheit und Störungen der räumlichen Orientierung typisch – also Beschwerden, die auch Begleitsymptome einer frühen Demenz sein können.

Schon länger wird vermutet, dass die vestibuläre Funktion in enger Verbindung mit dem Hippocampus steht: Das ist die Region im Gehirn, die wesentlich für die Gedächtnisbildung und räumliche Orientierung zuständig ist. Wie es aussieht, fördern Gleichgewichtsstörungen ein vorzeitiges Schrumpfen des Hippocampus, wohingegen die Hirnregion an Volumen zunimmt, wenn Menschen ihren Gleichgewichtssinn oder ihr räumliches Orientierungsvermögen intensiv trainieren. Das gilt zum Beispiel für Balletttänzer und Slackliner, bei denen ein ausgeprägtes Balancetraining zum Alltag gehört, aber auch für Taxifahrer, die berufsbedingt regelmäßig ihr räumliches und navigatorisches Vermögen stärken: Ihr Hippocampus ist nachweislich vergrößert. Gerade hat eine Untersuchung bestätigt, dass Taxi- und Rettungswagenfahrer im Vergleich zu anderen Berufsgruppen tatsächlich ein deutlich geringeres Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken.

Nun konnte ein Münchner Forscherteam nachweisen, dass es sich genau umgekehrt verhält, wenn der Gleichgewichtssinn chronisch beeinträchtigt ist: Das Risiko für die Betroffenen, an Alzheimer zu erkranken, ist um das 1,7-Fache erhöht – und damit höher als manch ein anderer bekannter Risikofaktor. Hierfür werteten die Forschenden die Daten von 291.240 Personen der britischen Biobank aus, von denen 4684 Teilnehmende im Laufe des Untersuchungszeitraums an Alzheimer erkrankten. Bei 2133 von ihnen war dem Ausbruch der Erkrankung die Diagnose „vestibuläre Dysfunktion“ vorausgegangen – das sind rund 45 Prozent. Die Forschenden gehen davon aus, dass es vor allem die negativen Auswirkungen auf den Hippocampus sind, die mit chronischen Gleichgewichtsstörungen einhergehen. Und sie plädieren für regelmäßiges Gleichgewichtstraining, häufiges Üben von Navigationsaufgaben und andere Maßnahmen zur gezielten Stimulation des Gleichgewichtssinns, um so den Hippocampus positiv zu beeinflussen. Auf diese Weise könnte womöglich auch der Übergang von einer leichten kognitiven Störung hin zur Alzheimer-Demenz verlangsamt werden.

Für Gesunde kann die Stärkung des Gleichgewichtssinns vorbeugende Effekte haben – so wie auch eine gute körperliche Fitness, eine ausgewogene Ernährung, das Tragen eines Hörgeräts bei Hörproblemen, eine gute Blutdruck- und Blutzuckereinstellung, die angemessene Behandlung einer Depression, aber auch einer Sehschwäche, der Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum, rege soziale Kontakte, ein gutes Stressmanagement und ausreichend Schlaf das Alzheimer-Risiko nachweislich senken können. Wer Rad fährt, sollte einen Helm zum Schutz vor einer Kopfverletzung tragen. Und auch Kopfbälle, wie sie zu einigen Sportarten immer noch selbstverständlich dazugehören, schaden dem Gehirn, wie kürzlich eine aktuelle Studie bestätigt hat – sie sollten deshalb eigentlich tabu sein.

Nicole Schaenzler

Demenz – Mensch sein und bleiben

Mit dem Ziel, auf die Situation der weltweit etwa 55 Millionen Demenz-Erkrankten hinzuweisen, wurde der Welt-Alzheimertag 1994 von Alzheimer's Disease International gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation ins Leben gerufen. Seitdem finden jedes Jahr am 21. September weltweit viele Aktivitäten statt – hierzulande diesmal unter dem Motto „Demenz – Mensch sein und bleiben“. Eingebettet ist der Aktionstag in die „Woche der Demenz“, die bundesweit vom 19. bis 28. September stattfindet, in Bayern gibt es die „,6. Bayerische Demenzwoche“. In dieser Zeit organisieren die örtlichen Alzheimer-Gesellschaften und Selbsthilfegruppen eine Reihe von Veranstaltungen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Denn auch wenn eine Heilung derzeit nicht möglich ist, kann durch medizinische Behandlung, Beratung, soziale Betreuung, fachkundige Pflege und vieles mehr Erkrankten und Angehörigen wirksam geholfen werden. Unter demenzwoche.bayern.de sind geplante Aktionen des bayerischen Gesundheitsministeriums sowie weiterer Akteure und Kooperationspartner vor Ort zu finden.

schae

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 20.09.2025

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