Im Grunde wäre es gar nicht so schwer, in Einklang mit der Natur zu leben. Für die meisten unserer Umweltprobleme liefert ja die Natur selbst die Lösungen. Inzwischen wird zum Glück der Wissenschaft, die sich damit befasst, Naturphänomene in der Technologie zu nutzen, immer mehr Bedeutung zugemessen, zumal der Gedanke der Bionik, auch Biomimikry, Biomimetik oder Biomimese genannt, im Grunde schon so alt ist wie die Menschheit selbst. Leonardo da Vinci hat schließlich mit den letzten Tabus gebrochen, um die wissenschaftliche Forschung tiefgreifend zu reformieren. Das Wort Bionik ist eine Verbindung der Begriffe Biologie und Technik. Biomimikry verallgemeinert indes die Inhalte, indem es die griechischen Begriffe "bios“ für Leben und "mimese“ für Nachahmung kombiniert. Eine treffendere Bezeichnung, da die Ergebnisse nicht nur in der Technik genutzt werden.
Für die Zukunft der Baubranche kann Biomimikry von entscheidender Bedeutung sein. Gebäude, also deren Errichtung, Unterhalt und Nutzung, sind für knapp 40 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich. Damit hat das moderne Wohnen also einen gigantischen Preis. Natürlich liefert die Natur keine Komplettlösung für eine solche Wohnform, doch einzelne Quellen der Emissionen können nach Vorbildern aus der Natur optimiert werden. So suchte etwa der nachhaltige Architekt Nick Pearce (geb. 1938) aus Simbabwe für sein enormes Eastgate Centre mit Einkaufszentrum und Bürogebäude in der Hauptstadt Harare Rat bei den Termiten. Gemessen an ihrer Größe errichten sie gigantische Bauwerke, die ohne Energieverbrauch funktionieren.


In dem Fall schaute sich Pearce die selbstregulierende "passive Belüftung an, die Termiten mithilfe eines komplexen Systems aus Löchern und Tunneln bewerkstelligen. Die Löcher machen einen internen Luftstrom möglich, der mit einer natürlichen Konvektion gekoppelt ist. Dadurch wird tagsüber Wärme gespeichert und nachts wieder abgegeben. Dank dieses Systems verbraucht das Eastgate Centre 90 Prozent weniger Energie als vergleichbare Objekte herkömmlicher Bauweise.
Der britische Architekt Michael Pawlyn (geb. 1967) ist ebenso ein glühender Verfechter der biomimetischen Bauweise. Berühmt wurde er mit dem Eden Project, einem botanischen Garten in Cornwall, der aus vier miteinander verschnittenen geodätischen Kuppeln besteht. Das Hauptaugenmerk von Pawlyn liegt auf der Ressourceneffizienz. Optimierung im Materialverbrauch sowie die Kreislaufwirtschaft sind seine Themen.
Die von ihm beigesteuerte Struktur der Humid-Tropics-Biokuppel wurde so von Seifenblasen, Pollenkörnern und Libellenflügeln inspiriert. Da die Struktur leichter als Luft ist, kann auf eine aufwendige Tragekonstruktion verzichtet werden.
Korallenriffe, die bekanntlich Kohlendioxid binden, sind ebenfalls geniale Ideengeber. Nach deren Vorbild baut das US-amerikanische Unternehmen BioMason Biozement an, der während der Herstellung Kohlenstoff bindet.



Das alles sind allerdings nur punktuelle Lösungen für einzelne Aspekte unserer Bauweise. Biomimikry kann aber mehr. Michael Pawlyn ist deshalb auch ein Vorkämpfer eines umfassenden Paradigmenwechsels. Bauen müsse nach dem Vorbild der Natur ökologisch regenerativ gedacht werden. Der US-amerikanische Ingenieur Farid Mohamed von der Beratungsfirma Biomimicry 3.8 bringt die Idee wie folgt auf den Punkt: "Würde man beispielsweise eine Fabrik neben einem Wald errichten, sollte dieses städtische Umfeld die gleiche Leistung erbringen wie der Wald daneben. Es müsste in der Lage sein, Ökosystemfunktionen wie Regenwassermanagement, Nährstoffkreislauf, Luftfilterung und Wohlbefinden für Gemeinschaften zu übernehmen.“ Seine Ideengeber dazu sind die Mangrovensysteme in Costa Rica. Die Professorin für regenerative Architektur im Belgischen Leuven, Rachel Armstrong, geht noch weiter und denkt Bauwerke als lebendige Organismen, die in der Lage seien, Energie und Ressourcen auf natürliche Weise zu transformieren.
REINHARD PALMER
Erschienen im Tagesspiegel am 09.05.2026