Ein heller Körper präsentiert sich leicht vom Boden gelöst, vor- und zurückspringende Kassetten erzeugen ein fein austariertes Relief aus Fläche und Tiefe. Die Felder vergrößern sich nach oben hin und entwickeln eine subtile Hierarchie, die dem Möbel zugleich Leichtigkeit und bauliche Präsenz verleiht. Schnell merkt man: Der "Schwebende Schrank in Weißtanne“ will mehr sein als ein Möbel.
Er steht im Raum wie ein kleines Gebäude. Mit diesem Meisterstück hat der Münchner Schreinermeister, Kunsthandwerker und Architekturstudent Tobias Möndel Architektur in den Maßstab des Möbelbaus übersetzt und bereits viel Aufmerksamkeit bekommen: Der Oberbayerische Förderpreis für angewandte Kunst 2025 ging an ihn, zudem wurde er für die internationale Ausstellung "Talente - Meister der Zukunft auf der Internationalen Handwerksmesse ausgewählt.



Historisch knüpft der schwebende Schrank an eine lange Tradition an. Über Jahrhunderte hinweg war es selbstverständlich, dass Möbel architektonische Vorbilder hatten: In Renaissance, Barock oder Jugendstil spiegelten sich Ordnungen, Gliederungen und räumliche Prinzipien der Architektur unmittelbar im Möbelbau wider, erläutert Möndel. "In der Gegenwart ist dieses Verhältnis weitgehend verloren gegangen. Zeitgenössische Möbel orientieren sich nur selten an architektonischen Systemen - ein Bruch mit einer jahrhundertelangen kulturellen Praxis“, sagt der junge Handwerker.
Mit seinem Möbel hat er nun Konstruktion, Raum und Form in einer zeitgenössischen Sprache wieder zusammengeführt und die Grenzen zwischen Architektur und Möbelbau neu ausgelotet. Auch die Jury zeigte sich begeistert: Dr. Josef Straßer, stellvertretender Direktor und Konservator für Design an der Neuen Sammlung - Pinakothek der Moderne München, würdigte besonders die ästhetisch überzeugende Umsetzung architektonischer Gestaltungsprinzipien im Möbelbau.
BARBARA BRUBACHER
Erschienen im Tagesspiegel am 07.02.2026