Ende Februar kündigte das Bayerische Kultusministerium eine Neuerung an: „Ab dem kommenden Schuljahr erprobt das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus den Start der Wirtschaftsschule ab der Jahrgangsstufe 5“. Kultusministerin Anna Stolz freute sich: „In der Wirtschaftsschule werden unsere Schülerinnen und Schüler fit für eine Ausbildung, vor allem in kaufmännischen Berufen.“
Tatsächlich gibt es schon seit vielen Jahren Wirtschaftsschulen im Freistaat - eine Besonderheit in ganz Deutschland. Ein gutes Dutzend derartiger Einrichtungen sind über den gesamten Freistaat verteilt; rund die Hälfte wird staatlich finanziert, der Rest von privaten Organisationen getragen. Die wesentliche Änderung ist die Jahrgangsstufe. Denn bisher hatte das Ministerium für die Lehranstalten nur einen Lehrplan für die Jahrgangsstufen sieben bis zehn vorgesehen. Er stammt aus dem Jahr 2014 und ließ auch dreistufige und zweistufige Wirtschaftsschulen zu. Allerdings hatte Stolz' Vorgänger Michael Piazolo schon im Jahr 2019 die Einführung einer sechsten Jahrgangsstufe angekündigt (also ab der fünften Klasse). Die Realisierung fiel damals wohl den Pandemie-Problemen zum Opfer. Immerhin wurde die Wirtschaftsschule im Schuljahr 2020/21 um eine fünfte Stufe (die sechste Klasse) ergänzt.„ Mit der Entscheidung, die Wirtschaftsschule auszubauen, ist das Ziel verbunden, die berufliche Bildung und im Besonderen die Wirtschaftsschule weiter zu stärken“, schrieb Piazolo damals. Die sechste Klasse sollte als eine Art Vorbereitung auf die eigentliche Wirtschaftsschule dienen. Im neuen Modell wird diese Vorbereitungsphase um die fünfte Klasse erweitert. Es entsteht eine Wirtschaftsschule XL.
Der Jubel war schon damals nicht unisono und ist es auch jetzt nicht.„Der Ausbau der Wirtschaftsschulen schwächt die Mittelschule und erhöht den ohnehin unnötigen Übertrittsdruck nach der vierten Klasse!“, warnte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann unmittelbar nach Stolz' Pressemeldung.
Die neue Kultusministerin hatte ihren Vorstoß mit einem Verweis auf den Koalitionsvertrag versehen, den die CSU und die Freien Wähler nach der Landtagswahl vereinbart hatten. Dort sind allerdings nur zwei dürre Sätze auf Seite 14 zu finden:„Wir stärken die berufliche Orientierung an Schulen noch weiter. Die sechsstufige Wirtschaftsschule wollen wir erproben.“ Warum, weshalb, wieso, bleibt dort offen.
Ein Blick auf die Stundentafel, die das Ministerium schon Ende Januar veröffentlicht hatte, macht die Sache auch nicht klarer: Für Deutsch sind in der neu eingeführten Vorklasse sechs Wochenstunden vorgesehen, für Mathematik und Englisch jeweils fünf. Alle anderen Fächer erhalten eine Doppelstunde zugeteilt: Religion/Ethik, Geschichte/Politik und Gesellschaft, Mensch/Umwelt/Technik, musisch ästhetische Bildung, ökonomische Bildung und digitale Bildung. Für den Sport sind zwei Doppelstunden eingeplant. Der Unterschied zur fünften Mittelschulklasse ist gering: Für Deutsch und Englisch ist dort je eine Stunde weniger vorgesehen, das naturwissenschaftliche Fach Physik/Chemie/Biologie, das in der Mittelschule nur mit dürren zwei Stunden vertreten ist, entfällt in der neuen Wirtschaftsschule-Vorstufe komplett.
Fleischmanns Kritik hängt sich indes nicht an der Stundentafel auf, sondern an den Zulassungsvoraussetzungen: Die Aufnahme in die Jahrgangsstufe 5 der Eingangsstufe setzt voraus, dass die Schülerin oder der Schüler im Übertritts- oder Jahreszeugnis der Jahrgangsstufe 4 mindestens die Gesamtdurchschnittsnote 2,66 erreicht hat.“ Das heißt, dass manche aktuellen Grundschul-Kids, die derzeit mit einem beliebigen Notenschnitt in die Mittelschule aufgenommen werden, noch einen gewaltigen Endspurt hinlegen müssten, um in der Wirtschaftsschule anzukommen - sofern diese das mittelfristige Ziel der Eltern sein sollte. Weitere Kritik kommt vom Bündnis Gemeinschaftsschule. „Die Wirtschaftsschule ab der fünften Klasse verschlechtert die Bildungsgerechtigkeit“, teilt die Organisation mit Sitz in München mit.„Mit einem Kopfschütteln“, heißt es in deren Pressemeldung, registrierten die Bündnispartner, dass die Bildungsverantwortlichen in Bayern sich hartnäckig weigern, eine bedeutende Erkenntnis aus den PISA-Untersuchungen ernst zu nehmen.“ Nämlich, dass in Schulsystemen mit früher Separierung die Bildungschancen der Schülerinnen und Schüler hauptsächlich vom Elternhaus abhängen. BLLV-Vorsitzende Fleischmann warnt zudem vor einer weiteren Schwächung der Mittelschule und des M-Zugs. Sie greift die Kritik an weiterer Separierung auf: „Wer Kinder nach der vierten Klasse aufgrund eines Notendurchschnitts aus drei Noten auf zukünftig vier Schularten aufteilt, braucht nicht zu glauben, dass damit irgendetwas besser wird. Es verschärft nur den Druck und die Selektion zulasten der Bildungsgerechtigkeit.“ Kinder mit zehn Jahren seien einfach noch nicht in der Lage zu wissen, wo sie am Ende ihrer Schulzeit landen sollen, so Fleischmann. Ganz zu schweigen vom zusätzlichen Druck, der nicht nur auf den Kindern sondern auch auf ihren besorgten Eltern laste.
Immerhin spezifiziert das Ministerium, welche Häuser sich an dem Schulversuch beteiligen können: Staatliche, kommunale und staatlich anerkannte vierstufige Wirtschaftsschulen, die eine sechste Jahrgangsstufe als Vorklasse führen. Interessant ist, dass zwei Varianten vorgesehen sind: ein Vormittagsmodell mit einem Stundenmaß von dreißig Unterrichtsstunden pro Woche, zumeist vormittags. Freiwillige Wahlfachangebote am Nachmittag sollen möglich sein. Die zweite Variante ist ein sogenannte Gebundenes Ganztagsmodell in Form von eigenen Ganztagsklassen mit rhythmisierter Tages- und Unterrichtsgestaltung. So wie es das Kultusministerium schon 2020 und 2021 vorgestellt hatte. Der Schulversuch endet übrigens schon mit Ablauf des Schuljahres 2027/28. Das Projekt soll durch das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung begleitend evaluiert werden. Die kurzfristige Erweiterung der Wirtschaftsschule schon zum Schuljahr 2024/2025 schien zwar aus heiterem Himmel zu kommen, doch einige Häuser waren vorbereitet: etwa die private Münchner Sabel-Schule, die schon bei ihrem Infoabend am 28. Februar auf das neue Angebot hingewiesen hatte.
Horst Kramer
Erschienen im Tagesspiegel am 15.03.2024