st von spanischen Architekten die Rede, fallen meist nur zwei Namen: Antoni Gaudí und Santiago Calatrava. Das ist eine geradezu sträfliche Missachtung eines umfangreichen historischen Architekturerbes sowie einer an herausragenden Persönlichkeiten reichen Bautätigkeit der jüngeren Zeit auf der iberischen Halbinsel. Allerdings ist Spanien mit schuld an der fehlenden Bekanntheit, war es doch seit dem Bürgerkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts von der Außenwelt isoliert. Einige herausragende Künstler wanderten aus und entfalteten ein reiches Schaffen im Ausland.
Zu den Auswanderern zählte Félix Candela (1910-1997) aus Madrid. Nach Studien der Architektur in Madrid an der Escuela Técnica Superior de Arqitectura, der Universidad Politécnica und der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando verfügte er über ein umfangreiches Wissen und Können, was er mit einer besonderen Erfahrung erweiterte. Dank der Bekanntschaft zu Eduardo Torroja (1899-1961), eines Madrider Bauingenieurs des Brutalismus, konnte er dessen experimentelle Techniken des Betonschalenbaus eingehend studieren. Seine Diplomarbeit befasste sich dann mit den neusten Entwicklungen in der Stahlbetonbautechnologie. Die Promotion in Deutschland dank eines Stipendiums vereitelte der Bürgerkrieg. Candela wurde als Ingenieur und Offizier der Republikaner eingezogen. Auf der Seite der Verlierer stehend, zog er 1939 die Emigration nach Mexiko vor. 1941 erhielt er die mexikanischeStaatsbürgerschaft. So kam es, dass seine Karriere als Architekt in Acapulco begann.

Südländische Architekten genießen drei Vorteile: Die klimatisch bedingte technische Einfachheit des Bauens, oft laxe Bauvorschriften und die Experimentierfreude der Auftraggeber. Im Fall von Candela kam begünstigend hinzu, dass Acapulco mit seinen traumhaften Hotels El Mirador und Los Flamingos aus den 1930er-Jahren zum Ferienort für weltweite Prominenz wurde, was einen Bauboom auslöste. Candela baute Wohnhäuser und Hotels, gründete 1950 schließlich mit Partnern die Betonbaufirma Cubiertas Ala, mit der er mehr als 300 Projekte im Betonschalenbau realisierte. Darin erwarb er sich eine viel beachtete Meisterschaft. 1953 wurde er denn auch an die Universidad Nacional Autónoma de México auf eine Professur berufen, 1961/62 lehrte er in Harvard, was seinen weiteren Weg vorzeichnete. 1971 wanderte er in die USA aus, wurde US-amerikanischer Staatsbürger und lehrte an der University of Illinois in Chicago.
Die meisten Bauten - Wohnhäuser, Fabriken, Kirchen, Schulen, Lagerhallen etc. - realisierte Félix Candela in Mexiko, zahlreiche in Mexiko-Stadt, wo sie nur wenig internationale Beachtung fanden. In Fachkreisen sprach sich seine Beherrschung des Betonschalenbaus dennoch herum, sodass er bei großen Projekten herausragender Architekten hinzugezogen wurde, um die komplexesten organischen Formen in leichten und kostengünstigen Betonschalen umzusetzen. Die Abfüllhalle für Bacardi in Cautitlán (Mexiko-Stadt) realisierte er 1959/60 in Zusammenarbeit mit Mies van der Rohe. Zuletzt war Candela in direkter Nachbarschaft zu Santiago Calatrava tätig, wo beide große Projektteile der Ciudad de las Artes y de las Ciencias im spanischen Valencia realisierten. Candela wurde mit dem Ozeaneum beauftragt, dem „L'Oceanogràfic“, das er 1994 zu errichten begann. Die Eröffnung 2003 erlebte er nicht mehr.
International bekannt wurde Candela vor allem mit dem Palacio de los Deportes, dem Sportpalast, erbaut 1965 bis 1968 für die Olympiade in Mexiko. Anders als dieser Betonbau, dessen Wölbung aus vielen Kleinschalen besteht, gehört etwa die Kirche Nuestra Señora de Guadalupe in Madrid (1962/63) wie das Ozeaneum aus riesigen Schalen, in deren Zwickeln und Aussparungen mit Verglasung stimmungsvolle Lichteffekte einerseits die Leichtigkeit der Konstruktion betonen, andererseits die Plastizität des Raumes herausbilden. Candelas Gesamtwerk harrt bis heute einer angemessenen Würdigung. Zu finden ist es in Europa, Amerika und im arabischen Raum. REINHARD PALMER
Erschienen im Tagesspiegel am 02.08.2025