Mit der Denkmalpflege ist es so eine Sache: Die alten Bauwerke entsprechen oft nicht den zeitgemäßen baulichen Anforderungen, sind weder barrierefrei oder energetisch tragbar noch feuerpolizeilich sicher oder technisch funktionsfähig. Und dennoch: Sie sind schön und prägen das Gesicht unserer Orte, sofern sie nicht verkommen, widerrechtlich abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet sind. Hierzulande kommen Gebäude kaum noch in das Alter, unter Denkmalschutz gestellt zu werden, denn wir sind Weltmeister im Abreißen und Neubauen. Die wenigsten Orte haben noch ein eigenes Gesicht und langweilen mit Einheitsbrei. Städte wie Regensburg oder Dörfer wie Bernried liefern aber überzeugende Argumente dafür, zurückhaltender mit der Abrissbirne umzugehen.
Und fahren wir nicht gerade deshalb vor allem so gerne in den Süden, weil uns die schönen alten Städte und Dörfer mit ihrer beeindruckenden historischen Bausubstanz begeistern? Weil wir so gerne durch die unpraktisch engen Gassen zwischen den uralten Steinhäusern flanieren? Für diese Städte ist es ein Dilemma, denn sie leben vom Tourismus und müssen um alles in der Welt dieses romantische Flair hegen und pflegen. Dochdie Bewohner leben darin oft unter menschenunwürdigen Bedingungen. Vor allem für die Senioren, erst recht für Menschen mit Handicap, ist das Leben in den Altstädten extrem beschwerlich. Historische Gebäude in hoher Zahl zu restaurieren und gleichzeitig zu modernisieren, ist mit gewaltigen Kosten verbunden. Ein Projektin Córdoba zeigt eine Lösung für dieses Dilemma.




Dem Projekt „PAX Patios de la Axerquía“ in Córdoba ging 2018 die Gründung der Kooperative „PAX Astronautas“ von sechs Familien voraus, die sich für den Erhalt des bebauten historischen Kulturerbes der Stadt einsetzen will. Der Europa-Nostra-Award von 2022 für das Pilotprojekt in Córdoba bestätigte, dass dieser Spagat zwischen sozialverträglicher Erhaltung, behutsamer Modernisierung und finanzieller Tragbarkeit möglich ist. Für die Umsetzung maßgeblich waren Architekten, die mit sozioökonomischem, anthropologischem und städtebaulichem Hintergrund um die Verbesserung der Lebensbedingungen im urbanen Umfeld bemüht sind: die in Sevilla lehrende Mailänderin Gaia Redaelli und die in Córdoba tätigen und engagierten Jacinta Ortiz Miranda und Carlos Anaya Sahuco.
Das fürs Pilotprojekt ausgewählte Haus ist ein traditioneller Gebäudekomplex mit zwölf Wohneinheiten, die um drei Innenhöfe herum in zwei Etagen angeordnet sind. Dieser Gebäudetyp „Casa Patio“ ist mit sonnengetrocknetem Lehmziegelwerk gebaut und weiß getüncht und prägt das Gesicht des Stadtteils Axerquía, doch rund 50 dieser Häuser standen leer, da sie nicht mehr bewohnbar waren. Entscheidend war hier, die Restaurierung und Modernisierung nicht an eine spätere luxuriöse touristische Nutzung zu knüpfen, sondern dass die Finanzierung im Kontext einer Nutzung als Mehrfamilienhaus zu sozialverträglichen Bedingungen gestemmt werden musste. Auch die ökologische Funktion des Innenhofs mit seinen Pflanzen und dem porösen Boden war hier ein Thema. Um die Kosten zu drücken, wurde alles wiederverwendet, was die historische Substanz hergab. Dazu gehörten auch die Bodenfliesen und der Brunnen im Innenhof, aber genauso die immer noch funktionstüchtigen technischen Einrichtungen wie „aerotermia“ zur Klimatisierung und Warmwasserbereitung und das dazugehörige Röhrensystem unter dem Fußboden. Kleine Eingriffe wie die Rampenkonstruktion zur barrierefreien Verbindung der abgestuften Innenhöfe wurden möglichst stilecht ausgeführt, fügen sich daher nahtlos in die historische Substanz.
Dieses Modellprojekt ist auf andere vergleichbare Objekte und Orte übertragbar. Es könnte einen bedeutenden Beitrag zur Erhaltung des historischen Weltkulturerbes in Spanien leisten. Ob die Methodik auch hierzulande praktikabel wäre, hinge in erster Linie von den bürokratischen Hürden ab. Aber auch von der Bereitschaft der Bewohner, auf modernen Luxus zu verzichten. Reinhard Palmer
Erschienen im Tagesspiegel am 04.07.2026