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Landkreis Tirschenreuth - Land der 1000 Teiche
Landkreis Tirschenreuth - Land der 1000 Teiche

Einzigartige Teichlandschaft: Die Tirschenreuther Teichpfanne. Fotos: Oberpfälzer Wald/Thomas Kujat

LEBEN UND ARBEITEN IN DER OBERPFALZ

Landkreis Tirschenreuth - Land der 1000 Teiche

Die Karpfenzucht in der Oberpfalz hat eine jahrhundertealte Tradition und eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung, und der Oberpfälzer Karpfen ist ein echtes Naturprodukt

In den meisten Restaurants oder Haushalten kommt er hauptsächlich in den Monaten, die mit dem Buchstaben „r“ enden, auf den Tisch: also im September, Oktober, November, Dezember, Januar und Februar. Traditionell aber gehäuft an Weihnachten oder Silvester. Dann aber meistens in „Blau“ – eine Geschmacksfrage. Die Rede ist vom Cyprinus carpio, dem Karpfen, der ursprünglich aus Asien stammt, vermutlich aber von den Römern vor über 1000 Jahren mit nach Europa und damit auch in die heutige Oberpfalz gebracht wurde. Und die Karpfenzucht wiederum hat hier nicht nur bis heute eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch eine jahrhundertelange Tradition.

Genau nachgezählt hat die kleinen und großen Weiher im Landkreis Tirschenreuth noch keiner. Etwa 4700 Teiche sollen es sein, die im Nordosten Bayerns, in der nördlichen Oberpfalz, direkt an der tschechischen Grenze, einem ganzen Landstrich seinen Namen geben: „Land der 1000 Teiche.“ Zu verdanken hat der Landkreis Tirschenreuth diese Bezeichnung den Zisterzienser Mönchen, die hier im frühen Mittelalter die wasserreiche und sumpfige Landschaft urbar machten. Sie legten Tausende von Teichen an und züchteten Fische. Und diese Teichlandschaft ist heute ein außergewöhnliches Refugium für Flora und Fauna. Genauso wie die Tirschenreuther Teichpfanne, die auch ein beliebtes Erholungsgebiet ist, und zwischen Tirschenreuth, Mitterteich und Wiesau in der Oberpfalz liegt.

Hier, wo sich Weiher an Weiher reiht, meist nur durch einen kleinen Damm getrennt und umrandet von tiefen Nadelwäldern, die bis nach Böhmen reichen, werden vor allem Karpfen gezüchtet. Dieses einzigartige Naturlandschaftsbild hat der Region auch den Beinamen „Klein-Finnland“ in der Oberpfalz eingebracht. Eine Fläche von 15 Quadratkilometern bedecken die kleinen Fischweiher, eine Fläche, die zweieinhalbmal so groß ist wie der Tegernsee. Größtenteils haben sie nur eine Tiefe von gut einem Meter – das ist auch gut so. Denn der Karpfen liebt flaches Gewässer. Allerdings, so sagt die 2. Vorsitzende der ARGE Fisch, Stephanie Wenisch, „sind es nur eine Handvoll Betriebe, die allein von der Karpfenzucht leben“. Viele der Teiche sind in Privatbesitz oder gehören Vereinen. Und für die Karpfenzucht, so Wenisch, brauche es „viel Erfahrung“.

Abfischen: Harte Arbeit, die nur im Teamwork funktioniert.
Abfischen: Harte Arbeit, die nur im Teamwork funktioniert.

Insgesamt zählt die Oberpfalz etwa über 3000 Betriebe, die auf ca. 10.000 Hektar Teichfläche Karpfenteichwirtschaft betreiben. Die ARGE-Fisch: „Unsere Fischzucht spielt damit in Deutschland eine führende Rolle und stellt des Weiteren in dem strukturschwachen Oberpfälzer Raum einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Nicht allein deshalb hat die Europäische Union den Landkreis Schwandorf zu einem europäischen Fischereiwirtschaftsgebiet ernannt.“ Die Fischereifachberatung Oberpfalz berichtet von etwa 3500 Personen, die in der Teichwirtschaft tätig sind. Einer davon ist Fischwirtschaftsmeister Thomas Beer, der auch 1. Vorsitzender der „ARGE Fisch“ in der Oberpfalz ist. Beer bewirtschaftet selbst gut 50 Hektar Teichfläche, was in etwa 50 Teichen entspreche. Beers Betrieb ist einer der Betriebe in Deutschland, die sich der Karpfenzucht verschrieben haben. In seinen Teichanlagen wird ein breites Spektrum verschiedener Arten vom Ei bis zum fertigen Speisefisch bzw. hochwertigen Besatzfisch gezüchtet. Beer ist, wie er sagt, „jeden Tag am Teich“. In diesem Zusammenhang macht der ARGE-Vorsitzende auf ein Problem aufmerksam, das seinen Kollegen und Kolleginnen, vor allem aber dem Karpfen sprichwörtlich das Leben schwer macht. Denn der Karpfen mundet nicht nur Genussmenschen, sondern vor allem auch dem Kormoran, dem Biber und dem Fischotter. Diesem sei aber nur sehr schwer beizukommen, denn der Fischotter ist ganzjährig geschont und naturschutzrechtlich geschützt. Und wenn der Fischotter zuschlägt, klagt nicht nur Beer, sondern auch 2. ARGE-Vorsitzende Stephanie Wenisch, „hinterlässt er meistens ein Massaker im Teich“. Und, so fragt sie, „wer setzt gerne Fischsetzlinge ein, wenn am Ende des Jahres nichts mehr übrig bleibt?“ Einigen Betrieben, besonders kleineren, so bestätigt auch Bezirksfischereifachberater Thomas Ring, „kann das das Genick brechen“. Denn der Fischotter gilt als „heilige Kuh“.

Etwa 40.000 Hektar beträgt die Fläche aller Teiche in Deutschland. Schwerpunkte der Karpfenregionen sind Bayern und Sachsen, wobei im Freistaat Bayern etwa die Hälfte aller deutschen Teiche beheimatet ist. Diese gut 20.000 Hektar machen nicht nur ein knappes Sechstel der gesamten Wasserfläche im Freistaat aus, sondern sind damit etwas größer als die Flächen von Chiemsee, Starnberger See und Ammersee zusammen. Mit etwa 6000 Tonnen Speisekarpfen pro Jahr deckt Bayern ziemlich genau die Hälfte der deutschen Speisekarpfen-Produktion ab. Die Produktionsmenge schwanke allerdings von Jahr zu Jahr. Was die Zahl der Karpfenteichbetriebe betrifft, liegt Bayern mit etwa 8500 Familien-Karpfenteichbetrieben, die rund 70 Prozent aller deutschen Betriebe stellen, in der Statistik weit vorne. Allerdings, so geht aus der Statistik auch hervor, betreiben nur circa 50 Betriebe in ganz Bayern Karpfenteichwirtschaft im Haupterwerb. Alle anderen seien Teil eines landwirtschaftlichen Betriebes oder würden nebenberuflich geführt.

Teichwirtin Lena Bächer bei der Kontrolle eines Mönchs, über den das Teichwasser abfließt.
Teichwirtin Lena Bächer bei der Kontrolle eines Mönchs, über den das Teichwasser abfließt.

Der Oberpfälzer Karpfen ist ein echtes Naturprodukt

Die Laichzeit des Karpfens beginnt im Mai, ab einer Wassertemperatur von 20 Grad Celsius. Nach dem ersten Sommer haben die Karpfen ein Gewicht von 30 bis 40 Gramm. Im Winter halten die Karpfen Winterruhe und werden erst ab März, April wieder aktiv. Wenn der zweite Sommer vorüber ist, wiegen die Karpfen 300 bis 500 Gramm. Erst nach dem dritten Sommer hat der Karpfen sein optimales Gewicht erreicht. Er bringt dann 1,5 Kilo auf die Waage. Das langsame Wachstum der Fische garantiere ein mageres und festes Fleisch, das nicht nur äußerst bekömmlich ist, sondern auch reich an wertvollen Eiweißen und ungesättigten Fettsäuren. Der Oberpfälzer Karpfen ist daher ein echtes Naturprodukt. Beer: „Wir produzieren regional und füttern regional.“ Wobei das Futter für den Karpfen in erster Linie aus Plankton besteht und der Schlamm am Teichboden für den Teich Nährstoffdepot sei. Teiche bieten zudem vielen Pflanzen- und Tierarten Lebensraum – sie zählen daher zu den artenreichsten Lebensräumen in unserer Landschaft. Entsprechend der langen Tradition der Karpfenzucht finden verteilt übers Jahr zahlreiche Veranstaltungen rund um das Thema Karpfen statt. Höhepunkt im Karpfenjahr ist natürlich ein besonderes Schauspiel: das Karpfen-Abfischen im Herbst.

Für die Ausbildung zum Fischwirt für ganz Süddeutschland und für die deutschsprachige Schweiz ist das Fischinstitut in Starnberg zuständig. Aber nicht nur: Das Institut bietet auch Fortbildungen und Prüfungen zum Fischwirtschaftsmeister und Fischwirtschaftsmeisterin an.

Text: Rudi Kanamüller

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 04.05.2024

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