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Krisenfest in die Zukunft

Ziel des „Mental Health Coaches“-Projekt ist es durch Gruppenangebote vor allem die psychische Resilienz und das Wohlbefinden der Schüler zu stärken. Foto: Adobe Stock

Bildung

Krisenfest in die Zukunft

„Mental Health Coaches“ können einen wichtigen Beitrag zur psychischen Gesundheit von Schülern leisten

Lockdowns und Schulschließungen während der Corona-Pandemie mit Erfahrungen sozialer Vereinsamung, der Krieg in der Ukraine und im Gaza-Streifen, Migration und zunehmend katastrophale Auswirkungen des Klimawandels, sowie ein amerikanischer Präsident, der von vielen Menschen als Bedrohung für die Demokratie wahrgenommen wird: die Liste von Verunsicherungen über die zukünftige Entwicklung der Welt ist lang und trifft Heranwachsende besonders stark.

Psychische Erkrankungen haben in den letzten Jahren unter Kindern und Jugendlichen zugenommen. Die Prävention und Behandlung psychischer Störungen in Kindheit und Jugend ist daher besonders wichtig, da in dieser Phase entscheidende Entwicklungsprozesse stattfinden, die sich bis in das Erwachsenenalter auswirken und sich zu einem chronischen Krankheitsbild entwickeln können. Häufigste Störungsbilder bei Heranwachsenden sind Angststörungen, Verhaltensstörungen - wie etwa Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizite - sowie Störungen des Sozialverhaltens und Entwicklungsstörungen, die sich etwa in autistischem Verhalten äußern können. Der Deutsche Ethikrat und das Deutsche Kinderhilfswerk bemängeln, dass die psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen bisher nur unzureichend beachtet und das Kindswohl nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

Mental Health Coaches an Schulen

Um die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Schülern zu fördern, wurde daher im Schuljahr 2023/24 das Modellprojekt „Mental Health Coaches an Schulen“ vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend gestartet. Im August 2024 waren rund 100 sogenannte „Mental Health Coaches“ an über 80 weiterführenden Schulen eingesetzt. Das Ziel war durch Gruppenangebote an die Schüler vor allem deren psychische Resilienz und Wohlbefinden zu stärken und einer Stigmatisierung psychischer Erkrankungen entgegen zu wirken. Für den projektbezogenen Einsatz als „Mental Health Coach“ konnten sich Hochschulabsolventen aus pädagogischen und psychologischen Fachrichtungen bewerben. Sie sollten Erfahrungen und Fachkenntnisse in der Jugendsozial- und in der Jugendbildungsarbeit mitbringen sowie über Kompetenzen im Projektmanagement verfügen.

Das Projekt wurde von der Universität Leipzig wissenschaftlich begleitet. Die noch amtierende Bundesjugendministerin Lisa Paus sagte zu den im Januar vorgestellten Ergebnissen der Evaluation in einer Pressemitteilung: „Etwa 90 Prozent aller Beteiligten sprechen sich für eine Fortsetzung und Ausweitung des Programms aus. Daher ist es mehr als nur ein Appell an die nächste Regierung - es ist eine dringende Verantwortung - dieses Programm fortzusetzen und auszubauen. Die Förderung der seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen braucht Priorität in unserem Land.“

Hohe Offenheit und Interesse der Schüler

Über 80 Prozent der „Mental Health Coaches“ gaben in der Evaluation an, dass die von ihnen angebotenen Themen zur psychischen Gesundheit bei den Schülern auf großes Interesse und Offenheit stießen und sie mit ihrer Arbeit sehr zufrieden gewesen seien. Die Gruppengespräche wurden in enger Abstimmung mit der jeweiligen Schulleitung durchgeführt. Wichtig war auch die Beratung betroffener Schüler zu weiteren Hilfsangeboten. Der häufigste Kritikpunkt der Coaches war die kurze Laufzeit des Projektes, das mit dem Schuljahr 2024/25 zunächst endet. Der Bedarf nach einer Ausweitung und festen Verankerung des Programms an den Schulen sei notwendig.

Geleitet wurde die begleitende Studie von Professor Julian Schmitz, Mitglied im von Ministerin Paus initiierten Bündnis für die junge Generation. Wichtig sei es gewesen, das präventive Angebot in Schulen durchzuführen, meinte Professor Schmitz. Dort können fast alle Kinder und Jugendliche einer Altersgruppe während einer entscheidenden Phase ihrer Entwicklung erreicht werden. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status sowie Schüler mit Migrationshintergrund, die teils von traumatischen Erlebnissen besonders betroffen sind, konnten so erreicht werden.

In Deutschland gibt es verschiedene Initiativen, die sich mit der Förderung psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Das Projekt „Verrückt - na und?“ gibt es bereits seit 2001 an Schulen, um Schüler für psychische Gesundheit zu sensibilisieren und die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen abzubauen. Zwischen 2002 bis 2006 wurde das Projekt „Mind Matters“ an mehreren deutschen Schulen durchgeführt.

Wolfram Seipp

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 21.02.2025

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