Wo einst ein kleines Bauerndorf auf Porquerolles, einer ruhigen Insel vor der Küste Südfrankreichs, stand, geben sich heute Kunstfans aus aller Welt die Klinkein die Hand, hier, in einem der attraktivsten Museen des gesamten Landes: Die Fondation Carmignac gilt als Mekka schöpferischer Gestaltung. Ebenso ihre Architektur. Der französische Bauingenieur Henri Vidal (1924 -2007) wurde für seine „Terre Armée“ (Lehmbauweise) bekannt. Auf der Insel baute er in den 1980er-Jahren den Hof der 15 Hektar großen „Domaine de la Courtade“ zu einer Villa um.


Dort verliebte sich wiederum der Unternehmer Édouard Carmignac anlässlich einer Hochzeit in das Anwesen. Seine Vision: hier moderne Kunst zu fördern, umgeben von der mediterranen Natur. Hierfür hatte er im Jahr 2000 eine eigene Stiftung namens Fondation Carmignac gegründet, zu der Werke von Andy Warhol, Keith Haring und Roy Lichtenstein zählen Unter Beteiligung von Architekt Marc Barani und der Agentur GMAA (GM Architectes Associés) realisierte Carmignac seinen Plan hier inmitten des Nationalparks Port-Cros mit seinem Natura-2000-Gebiet, wo eine zusätzliche Bebauung nicht zulässig war. Also beließ man die originale Fassade und legte 2000 Quadratmeter Fläche unterirdisch frei, ohne die Konturen des Hauses zu verändern oder in die bestehende Landschaft einzugreifen. Die in den Fels gehauenen Ausstellungsräume erstrecken sich unter der Villa. „Das Projekt liegt unterhalb der bestehenden Gebäude, so dass deren Silhouette auf dem Gelände erhalten bleibt“, erklärt Marc Barani.
Wer heute den langsam ansteigenden Weg, gesäumt von Natursteinmauern, zum Eingang hinaufgeht, läuft direkt auf eine imposante Bronzeplastik des Künstlers Miquel Barceló zu – sie stellt das mythische Seeungeheuer Alycastre dar. Im Innern des Museums mit seiner Sammlung zeitgenössischer französischer und internationaler Kunst dehnen sich die Räume kreuzförmig aus. Der Clou: Im Zentrum filtert ein transluzentes Glasdach, bedeckt von einer fünf Zentimeter dicken Schicht Wasser, das Tageslicht und wirft es mit seinen Lichtreflexen in den darunter liegenden Innenhof.
Durch dieses Oberlicht mit seinem quadratischen, zwölf Mal zwölf Meter großen Becken gelangt natürliches Licht in die inneren Räume. „Diese Spannung zwischen Innen und Außen, zwischen Erde und Himmel, schafft Räume, die schlicht und kraftvoll zugleich sind“, sagte Barani der Kulturzeitung „Le Quotidien de l'art“. Über Treppen steigen die kunstinteressierten Besucher gleichsam in die Unterwelt hinab, tauchen in die Sammlung ein, wo die Lichtdesigner Lucas Goy und Aurélien Bourg von „Les Éclaireurs“ aus Lyon ein subtiles Beleuchtungskonzept umsetzten: „Der Entwurf zielt auf Integration und Diskretion ab und bietet gleichzeitig große Flexibilität für zukünftige Erweiterungen.
Große, diffuse Decken simulieren natürliches Licht, das dem tatsächlichen Lichteinfall im Zentrum des Raumes entspricht. Kunstwerke werden durch Lichtausschnitte dezent und nahezu unsichtbar hervorgehoben“, erläutern die Designer. Sie wissen: „Das sehr helle, natürliche Zenitlicht hier in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur ist unseren Studien gemäß viel zu intensiv“, betonen die Lichtplaner.



Dank ausgeklügelter Ausleuchtung und architektonischer Raffinesse gelang es den Machern also, das anspruchsvolle Bauprojekt subtil in die Landschaft zu integrieren und unter Beachtung hoher musealer Standards zu realisieren – ohne zusätzlichen Boden zu beanspruchen und ohne die Konturen der ursprünglichen Villa zu verändern. Rund um die Fondation Carmignac, die inzwischen von Sohn Charles Carmignac geleitet wird, bieten weitläufige Gärten mit verschlungenen Pfaden einen Kunstparcours mit Skulpturen und Objektkunst. Einen halben Tag sollte man mindestens einplanen für den Besuch des ambitionierten Museums, das während der Sommermonate von Ende April bis Anfang November geöffnet ist.
FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 06.06.2026