In den Savoyer Alpen am Lac d'Annecy stellen sich junge Architekturbüros jedes Jahr die Frage: Wie viel Raum braucht der Mensch wirklich? Das Festival des Cabanes versteht sich als architektonisches Testfeld. Seit 2015 errichten internationale Architektenteams kleine "Cabanes“ (Holzhütten) von maximal sechs Quadratmetern Fläche.
Als Baumaterialien sind einheimische Hölzer vorgeschrieben. Die etwa 15 Modelle hat eine Jury aus hunderten von Einsendungen ausgewählt. Die Sieger errichten sie dann an Quellen, in Wäldern, an Flussläufen oder auf Anhöhen mit Seeblick. Was auf den ersten Blick wie ein Spiel wirkt, ist ein architektonisches Experiment: Was ist Wohnraum? Was braucht ein Rückzugsort? Wie viel Eingriff in die Landschaft ist nötig und wie viel davon reversibel?
Die Architekten beantworten diese Fragen mit ihren Konzepten rund um Tiny Houses, saisonales oder modulares Bauen sowie dem intelligenten Umgang mit Ressourcen und Flächen. Im besten Fall sind die temporären Einzelobjekte Blaupausen für reale Bauvorhaben. Für die Besucher sind sie Überraschungen. Mitten im Wald von Chevaline stößt man plötzlich auf ein filigranes Netz aus Holzwürfeln.
Das Architektenteam um Maryline Collet, Jean-Baptiste Oliveri, Quentin Rambaud und Mathilde Floureux hat es "Au fil de l'Ire“ genannt. Zwischen zwei Bäumen ist das leichte Dach aus Seilen und Holzklötzchen gespannt. Inspiriert vom Licht der Baumkronen entstand ein luftiger, beweglicher Raum. Ein Plädoyer für Minimalismus. Wie Architektur mit lebenden Systemen arbeiten kann, zeigt der "Moosbrunnen“.
Den "Fontaine à mousse" haben die Architekten Roman Biers, Vanessa Lin und Kenta Watase gebaut. Die Konstruktion aus ineinander gestapelten Holzstreben fängt durch ein moosbasiertes Filtersystem Partikel im Wasser auf. Nach und nach reichern sie sich im Filtergewebe mit Moossporen an. Die Tropfen des fließenden Wassers werden im Moosgewebe unbeweglich und verwandeln sich mit der Zeit in einen sattgrünen Pflanzenteppich. Wasser, Vegetation und Architektur formen sich wechselseitig.
Ein Wechselspiel aus Stein und Holz stellt die Cabane "A mi-chemin" (auf Deutsch "auf halber Strecke") dar. Die Architekten Marin Lugand, Léo Gubert, Tomeo Vich, Lucas Santos und Antoine Yaigre haben einen monolithischen Baukörper errichtet. Der kompakte Baukörper ist mit verkohltem Holz verkleidet.



Eine Plattform liegt leicht erhöht über dem kleinen Aufenthaltsraum. Der Blick nach draußen führt über gestufte Sitzflächen wahlweise ins Tal, zum See oder in den Himmel. Die reduzierte Formensprache spielt mit Perspektive und Inszenierung.
Der Entwurf zeigt, wie sich durch Material, Positionierung und Blickachsen ein Dialog zwischen Mensch und Landschaft herstellen lässt. In Lathuile steht "Le Carrier“ (Steinbruch) in einem ehemaligen Kalksteinbruch. Die Architekten Gauthier Cammas, Léo Brouel, Hugo Rubio und Seddik Lemcherfi haben ihre Holzhütte wie einen abgelösten Felsblock gestaltet. Durch eine Bruchstelle gelangt man ins Innere in einen archaisch wirkenden Raum aus Stein.
Durch einen Spalt fällt Licht und macht einen Ausschnitt der Landschaft sichtbar. Außen ist der Monolith mit Holz verkleidet. Die architektonische Form wird in ihre geologische Herkunft zurückgeführt.



Ein Kontrast dazu bildet "Tisse-moi une cabane" ("Web mir eine Hütte") der Architekten Émilie Schumacher, Pauline Ostermeyer und Charles Paquelet. Hier wirkt die Hütte wie ein gewebter Schutzraum. Ihre Konstruktion lädt zur Bewegung ein: Man muss sich bücken, um wie in ein Zelt hineinzukriechen.
Das nächste Festival de Cabanes findet von Juli bis November 2026 am Lac d'Annecy statt.
PATRIZIA STEIPE
Erschienen im Tagesspiegel am 11.11.2025