Die Schöpfungsgeschichte der Gestalter-Familie Thun beginnt sozusagen mit dem Werkstoff Ton. Folglich zeigt gleich das erste Bild des neu erschienenen Bands zwei Hände mit einer frisch entstandenen Keramikfigur - dem „Bozner Engel“. Eine Alltagsszene aus dem Leben der Eltern, Otmar und Helene von Thun und Hohenstein, die eine Keramikwerkstatt im Keller von Schloss Klebenstein in Bozen gründeten. Der Engel ging massenhaft in Serie, der Rest ist Geschichte: Wer heute auf der Autobahn gen Süden an Bozen fährt, kommt direkt am „Thuniversum“ genannten Thun-Unternehmen vorbei, das heute Bruder Peter leitet.



In seinen frühen Jahren spielte Matteo Thun gern mit Holzklötzen, baute Häuser und trainierte nebenbei das Gefühl für stimmige Proportionen auch an den Raumhöhen des heimischen Schlosses. 1952 in Südtirol geboren, studierte Thun später in Salzburg und Florenz Architektur. Das brachte recht trockenes Technik-Wissen und ausgiebige Stil-Diskussionen mit sich, also verlegte sich Matteo lieber aufs Klein-Format: Produktdesign. Er traf auf Lehrmeister und Mentor Ettore Sottsass, plante parallel, Pilot zu werden, flog Drachen, doch Sottsass war das riskante Fliegen seines Mitarbeiters ein Dorn im Auge. Zusammen gründeten sie Sottsass Associatiundinitiierten 1981 die Memphis Group-jenen berühmten Gegen-den-guten-Geschmack-Designertrupp, der den prätentiösen Hautgout des Establishments auf die Schippe nahm. Das Arbeiten mit dem ganzheitlich denkenden Sottsass prägte Thuns Schaffen. 1984 gründete er ein eigenes Architektur- und Designstudio, gab Unterricht als Professor für Keramikdesign an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Und reifte zum Planer architektonischer Groß-Projekte mitsamt Interior oder Exterior: Er errichtete Hotels wie das „Vigilius“ und Umweltresorts wie das Waldhotel auf dem Bürgenstock, wohl größter Gabionenbau der Welt. Dazu zahlreiche öffentliche und private Bauten, von der Berghütte bis zu Büro-Komplexen und Kliniken, dazwischen entwarf er ikonische Designs für den Alltag wie die Illy-Espresso-Tasse oder die tomatenrote Meindl-Tasse, letztere gleicht einem auf den Kopf gestellten marokkanischen Fez (Kopfbedeckung).



„Farben sind Emotionen“, findet Thun, der bis heute gerne fliegt, beziehungsweise fliegen lässt und dann auf dem Passagiersitz mit Wasserfarben und Pinsel seine Entwürfe malt. Weil nämlich die Hand eine feine Linienführung erspürt, anders als ein wesenloser Computer, sagt Thun. Der hoch visuelle Bildband zeigt das vier Dekaden umspannende Schaffen von Matteo Thun - ein Streifzug durch den Thun'schen Formenkosmos und ebenso ein sorgsam kuratiertes Familienalbum mit Schnappschüssen und Porträts seiner Frau und der beiden Söhne. Das mit Partner Rodriguez geführte Architekturbüro mit Sitz in Mailand und München beschäftigt heute rund 80 Architekten und Designer. Ein erfülltes, hochkreatives Leben, privat wie beruflich, diesen Eindruck nimmt der Leser nach Sichtung der rund 180 Seiten mit. „Zu meinem Jubiläum wollte ich keine Architekturbibel fabrizieren, sondern jene Geschichten erzählen, die mich und meine Arbeit ausmachen und definieren.“ So gliedert sich der Band in 74 Kapitel - oder Stories -, mit autobiografischen Kurzgeschichten aus allen Lebensphasen, illustriert mit eigenen Zeichnungen und Entwürfen, mit wichtigen Meilensteinen aus Design und Architektur und dazu mit Einblicken in Arbeitsmethoden und Ansichten. Erschienen ist „Matteo Thun - Stories“ am 22. April 2024 - ein runder Einblick ins Lebenswerk des 71-jährigen Südtiroler Gestalters, dem Konsequenz in Sachen Nachhaltigkeit stets immens wichtig war. Drei Mal Null, so umschreibt er seine strenge Formel: Zero CO2, Zero Kilometer, Zero waste. Auf dieser Grundlage kann man nur wünschen: Weiterhin frohes Schaffen, Matteo!
FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 04.05.2024