Ernährung ist ein Grundbedürfnis des Menschen: Neben dem Sattwerden sollen auch alle Bedürfnisse des Körpers an Makro- und Mikronährstoffen erfüllt werden. Das hilft dabei, dauerhaft gesund zu bleiben. Aber auch im Krankheitsfall spielt Ernährung eine zentrale Rolle. Das ist das Fachgebiet der Ernährungsmedizin. Schon die alten Griechen wussten, wie wichtig Lebensumstände und Ernährung für die Gesundheit sind. Von Hippokrates stammt die Aussage: „Die Ursachen der Krankheit sind unmittelbar auf innere Schwierigkeiten oder mittelbar auf äußere Einflüsse wie Klima, Hygiene, Ernährung, körperliche Aktivität und Umwelt zurückzuführen.“ Doch erst in den 1920er-Jahren wurde in Deutschland die erste ernährungsmedizinische Abteilung gegründet.
Laut Definition ist Ernährungsmedizin„die Wissenschaft vom Einfluss der Ernährung auf den Funktionszustand des gesunden und kranken menschlichen Organismus sowie vom Einfluss der Krankheiten auf Nahrungsbedarf, -aufnahme und -verwertung“. Zu ihren Aufgaben gehören die Diagnose von Krankheiten und deren Heilung oder Linderung durch Ernährungsumstellung sowie die Vermeidung von Krankheiten durch gesunde Ernährung.
Falsche Ernährung ist nicht nur schädlich für die Gesundheit, sondern kann bereits vorhandene Krankheiten noch verschlimmern. Doch was ist richtige und gesunde Ernährung? Darunter versteht man eine ausgewogene Mischkost mit Makronährstoffen - Fett, Eiweiß und Kohlehydrate - sowie Mikronährstoffen - Vitamine, Mineralien und Spurenelemente -, die regelmäßig in der richtigen Menge konsumiert werden. Und dies fällt individuell ganz unterschiedlich aus, wozu auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien beitragen. Durch die richtige Ernährung sinkt das Risiko, bestimmte Krankheiten zu entwickeln wie Herzkreislauf-, Krebs- und Magen-Darm-Erkrankungen.
Die Liste der Krankheiten, bei deren Therapie die Ernährungsmedizin zum Einsatz kommt, ist lang. „Alterszucker“, also Diabetes mellitus Typ 2, der durch falsche Ernährung und Bewegungsmangel entsteht, zählt dazu, aber auch Fettstoffwechselstörungen wie erhöhter Cholesterinspiegel, Nahrungsmittelallergien und metabolisches Syndrom, also die Kombination von Fettleibigkeit, erhöhtem Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen und Insulinresistenz der eigenen Körperzellen. In der westlichen Welt sind Herz- und Gefäßkrankheiten die häufigste Todesursache. Das Risiko steigt durch unpassende Ernährung: Arteriosklerose, also die Verstopfung der Gefäße durch Kalk- und Fettstoffwechselablagerungen, verursacht eine mangelnde Durchblutung des Herzens.
Von Arthrose bis Zöliakie
Bei vielen Krebserkrankungen spielt die Ernährung eine wichtige Rolle - und zwar in allen Phasen: bei der Entstehung des Tumors, als Unterstützung bei der Behandlung sowie in der Erholung nach überstandener Krankheit. Auch bei dauerhaften Erkrankungen der Nieren kann durch eine Nahrungsumstellung eine Verschlimmerung verhindert werden. Harnsteine entstehen hauptsächlich durch falsche Ernährung, das gleiche gilt für Gicht. Hier ist purinreiche Kost, also der Konsum von viel Fleisch und Alkohol, der Hauptrisikofaktor. Wer unter Arthrose oder Arthritis leidet, kann durch eine angepasste Nahrungsweise deutliche Verbesserung erzielen. Mit Demenzerkrankungen geht häufig ein Vitaminmangel einher, hier könnten die richtigen Mikronährstoffe Linderung schaffen. Wer unter Sodbrennen, auch Reflux genannt, leidet, kann das Aufsteigen von Magensäure mit der richtigen Nahrung positiv beeinflussen. Bei Entzündungen der Magenschleimhaut gilt falsche Ernährung als auslösender Faktor.
Für mangelnde Nährstoffaufnahme gibt es verschiedene Ursachen, eine kann eine entzündete Darmschleimhaut sein. Wer unter Zöliakie leidet, kann Gluten, das Klebereiweiß von Getreide, nicht verarbeiten und bekommt davon eine Darmentzündung. Auch die Leber spielt bei der Verdauung eine zentrale Rolle. Sie wandelt Nährstoffe aus der Nahrung um, speichert diese und gibt sie wieder ab, wenn Bedarf besteht. Darüber hinaus nimmt sie Giftstoffe aus der Nahrung auf, wandelt sie um und scheidet sie aus. Ist die Leber krank, hapert es auch mit der Verdauung. Kalorien- und fettreiche Kost gilt als Ursache für die Entstehung von Gallensteinen. Bei einer Bauchspeicheldrüsenentzündung kann durch entsprechende Nahrung die Belastung dieses wichtigen Organs reduziert werden. Auch die durch Laktoseintoleranz entstandenen Beschwerden können durch eine Ernährungsumstellung verschwinden - hier kann das Verdauungssystem Milchzucker nicht verarbeiten.
Fachärztinnen und Fachärzte verschiedenster Richtungen können sich durch entsprechende Zusatzqualifikation zum Ernährungsmediziner fortbilden. Bei Kindern und Jugendlichen berät der Kinderarzt, bei Hochbetagten der Geriatrie-Facharzt. Für alle Altersklassen dazwischen können Allgemeinmediziner und Fachärzte für Innere Medizin - insbesondere für Endokrinologie, Diabetologie, Gastroenterologie, Angiologie sowie Kardiologie - die richtigen Ansprechpartner sein. Für eine Therapie werden das Ernährungsverhalten erfragt sowie körperliche und labordiagnostische Untersuchungen durchgeführt. So entsteht das spezifische Profil des Patienten, an das die Therapie individuell angepasst wird. In den meisten Fällen kommen weitere therapeutische Maßnahmen zum Einsatz.
Ein wesentlicher Bestandteil der Ernährungsmedizin ist die Mikronährstoffmedizin. Sie befasst sich mit der Diagnose, Prävention und Therapie von Krankheiten, die mit Mangelzuständen von Makro- oder Mikronährstoffen einhergehen. Diese sogenannten Vitalstoffe schützen den Organismus vor Krankheiten, unterstützen die Therapie und helfen, bis ins hohe Alter fit zu bleiben - wenn sie optimal kombiniert und dosiert zum Einsatz kommen. Zu den Vitalstoffen zählen Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, lebensnotwendige Fett- und Aminosäuren sowie sekundäre Pflanzenstoffe. Durch die Mikronährstofftherapie bleibt der Körper auf natürliche Weise gesund oder kann es wieder werden. Die Zufuhr von Vitalstoffen stärkt die Selbstheilungskräfte und unterstützt jede Therapie.
Silvia Schwendtner
Hungern für mehr Likes
Der Drang - und oftmals auch der Zwang - zur Selbstoptimierung treibt in den sogenannten sozialen Medien immer wieder seltsame und gefährliche Blüten. Wie die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) schreibt, belegen Längsschnittdaten aus zahlreichen Studien, dass eine längere und intensivere Nutzung sozialer Medien mit Risikofaktoren für die Entwicklung von Essstörungen bei jungen Nutzerinnen und Nutzern einhergeht, insbesondere mit einem negativeren Körperbild und problematischem Essverhalten.„Dabei spielt vor allem die Nutzung visueller Inhalte wie Fotos und Videos eine Rolle, und es sind vor allem Vergleichsprozesse, die einen Einfluss auf das Körperbild haben“, sagt Professorin Katrin Giel von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. Essstörungen entwickeln sich in der Jugend, wobei junge Frauen deutlich häufiger als heranwachsende Männer betroffen sind. Die drei wichtigsten Krankheitsbilder sind Magersucht („Anorexia nervosa“), Ess-Brech-Sucht („Bulima nervosa“) und die Binge-Eating-Störung mit regelmäßigen Essattacken. „Das sind schwere psychische Erkrankungen, die eine Psychotherapie erfordern“, sagt Professorin Giel. Dennoch: „Junge Menschen, denen es sehr wichtig ist, auf Social Media positive Rückmeldungen zu erhalten, scheinen einem höheren Risiko zu unterliegen, aktiv ihr Essverhalten zu verändern, um ihre Beliebtheit zu sichern oder zu steigern.“ Nimmt das Essverhalten bedenkliche Formen an, kann die Abstinenz von Social-Media-Plattformen eine Normalisierung bewirken. Aber auch die Vermittlung von Medienkompetenz kann helfen, Risikofaktoren für Essstörungen zu reduzieren. dfr
Erschienen im Tagesspiegel am 17.05.2024